SZ 26.02.2026
14:25 Uhr

Bahn: Stuttgart 21 wird wohl erst 2029 fertig


Kurz nach ihrem Amtsantritt hatte Bahn-Chefin Palla die eigentlich für Ende dieses Jahres geplante Teil-Inbetriebnahme abgesagt. Jetzt zeichnet sich ab, wie groß die Verzögerung werden könnte.

Bahn: Stuttgart 21 wird wohl erst 2029 fertig

„Niemand ist glücklich über diese Situation“, diesen Satz hatte Evelyn Palla schon im Dezember vergangenen Jahres bei einem Besuch in Stuttgart gesagt. Kurz zuvor hatte die Bahn-Chefin gerade das Eröffnungsdatum für Stuttgart 21 abgeräumt. Nicht zu halten, unrealistisch, wegen der komplexen Prozesse bei dem Großprojekt. Alles, wirklich alles, werde nun überprüft, versprach Palla damals. Bei derzeit in Deutschland größten Bahn-Bauvorhaben werde kein Stein auf dem anderen bleiben, kündigte die Bahn-Chefin an. Die bahninterne Konzernrevision wurde beauftragt, nach den Ursachen für die Probleme suchen, die schon mehrfach zu Verzögerungen und Verteuerungen des Projekts geführt hatten, um dann bis Mitte 2026 Antworten und auch einen neuen Eröffnungstermin zu nennen.

Nun ist es erst Februar, aber schon einiges in Bewegung. Erst am Dienstag dieser Woche gab die Bahn einen Wechsel an der Spitze der S21-Projektleitung bekannt. Ein Dankeswort an den bisherigen S21-Projektleiter Olaf Drescher suchte man in der dürren Pressemitteilung vergebens.

Und zwei Tage später, an diesem Donnerstag, sickerte aus Kreisen der Projektbeteiligten durch, dass sich die Inbetriebnahme des Gesamtprojekts möglicherweise nicht nur bis Ende 2027 verschiebt, was bis dato eine gängige Annahme war. Sondern vielleicht sogar bis 2029, wie Insiderkreise der SZ bestätigten. Der Südwestrundfunk nannte sogar das Jahr 2030 als Datum. Das wäre dann wirklich eine dramatische Entwicklung.

Der Konzern selbst bestätigte weder die eine noch die andere Jahreszahl. „Zu den genannten Spekulationen äußern wir uns nicht“, sagte ein Bahn-Sprecher. Es bleibe dabei: „Die Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH ist damit beauftragt, bis spätestens Mitte 2026 ein neues Inbetriebnahmekonzept für S21 zu erarbeiten und mit allen Projektpartnern verbindlich abzustimmen.“

Insider berichten, dass Teile des neuen Bahnknotens Stuttgart – dazu zählen neben dem neuen unterirdischen Bahnhof für den Fernverkehr auch ein Anschluss zum Flughafen sowie der Anschluss ans S-Bahnnetz – durchaus schon früher in Betrieb gehen könnten. Aber eine Komplettinbetriebnahme werde wohl noch Jahre dauern, zu groß seien die Probleme, zu komplex das Projekt.

Schon jetzt in Betrieb, nämlich seit Dezember 2022, ist ein Teil der Schnellfahrstrecke zwischen Stuttgart und Ulm, die ebenfalls Teil des Großprojektes ist. Dadurch hat sich die Fahrzeit im Fernverkehr zwischen den beiden Städten auf etwa eine Dreiviertelstunde reduziert. Was noch fehlt und erst im Zuge der Einweihung des Tiefbahnhofs kommt, ist der Anschluss des Stuttgarter Flughafens an das ICE-Netz. Sind der Bahnhof und die komplette Schnellfahrstrecke fertig, wird die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm nur noch eine knappe halbe Stunde betragen. Aber bis dahin ist es wohl noch ein sehr weiter Weg.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Bei den jetzt kursierenden Jahreszahlen handelt es sich um Wasserstandsmeldungen. Die Stuttgart-21-Planer arbeiten derzeit noch an einer neuen Konzeption, die bislang aber weder fertiggestellt geschweige denn von Bahn-Chefin Evelyn Palla abgesegnet ist. „Meine Erfahrung aus vielen Jahren mit diesem Projekt ist aber: Was medial durchsickert, wird am Ende oft Realität“, sagte Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann, der nicht gerade als glühender Anhänger von Stuttgart 21 gilt.

In der Tat wäre es nicht die erste Verzögerung, die häppchenweise öffentlich wird. Bei Baubeginn im Jahr 2010 hatte es noch geheißen, Stuttgart 21 werde maximal 4,5 Milliarden Euro kosten und bis 2019 fertig sein. Nun ist man bei mehr als elf Milliarden Euro Gesamtkosten, steht derzeit aber ohne finales Eröffnungsdatum da.

Als ein Hauptproblem gilt die Digitalisierung des Bahnknotens, das relativ spät auf das ohnehin komplexe Projekt draufgepackt wurde. Dafür spricht auch die am Dienstag bekannt gegebene Bestellung von Klaus Müller zum neuen S21-Projektleiter. Der langjährige Bahn-Manager war Digitalisierungsvorstand bei der Bahntochter DB Infrago. Allerdings hapert es nicht nur bei der Digitalisierung. Der SWR nennt als weitere Gründe für die drohende Verzögerung abgebautes Personal bei den beteiligten Firmen, deutlich längere Testläufe, fehlendes Abnahmepersonal sowie fehlerhaft und falsch verbaute technische Anlagen.

Hermann klingt angesichts der an Verzögerungen und Teuerungen reichen Geschichte des Projekts inzwischen fast schon abgeklärt, wenn es um die Kommentierung neuer Probleme geht: „Wir sind Verzögerungen bei diesem Projekt gewohnt. Klar ist aber auch: Das Projekt wird irgendwann fertiggestellt werden.“

Fragt sich nur: wann.

Nun soll ein Experte für Digitalisierung das Projekt zu Ende bringen. Das ist klassische Personalpolitik à la Bahn-Chefin Evelyn Palla.

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