SZ 24.02.2026
14:36 Uhr

Arbeitszeitdebatte: „Freizeit können wir nun mal nicht besteuern“


Hunderttausende Menschen fehlen auf dem Arbeitsmarkt, Millionen Boomer gehen bald in Rente. Wer kann die Lücke stopfen? Auch die älteren Menschen selbst, sind Ökonomen überzeugt.

Arbeitszeitdebatte: „Freizeit können wir nun mal nicht besteuern“
Noch arbeiten oder schon in Rente? Bis 2039 verlassen etwa 13,4 Millionen Menschen den Arbeitsmarkt, eine immense Herausforderung für Sozialstaat und Wirtschaft. (Foto: Arne Dedert/dpa)

Eigentlich sei die ganze Sache ohnehin eine Privatangelegenheit, sagt Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Und Privatangelegenheiten sind bekanntlich privat, also eigentlich. „Als Ökonom würde man eigentlich sagen, Nicht-Arbeiten ist großartig.“ Deshalb pfuscht er da nur ungern rein, wer wie viel arbeiten soll, muss, kann. „Aber unser Steuersystem hängt daran, Freizeit können wir nun mal nicht besteuern.“

Und weil es eben keine andere Möglichkeit gibt, saßen am Montagabend dieser Woche Melanie Arntz, Vizedirektorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, und Clemens Fuest zusammen und sprachen darüber, wie viel Potenzial die älteren Menschen für den deutschen Arbeitsmarkt darstellen. Die SZ hat zusammen mit dem Ifo-Institut zu den Munich Economic Debates geladen, einer Veranstaltungsreihe zu den wirtschaftlichen Fragen unserer Zeit. Die große Rentenwelle, die Deutschland durch die Verrentung der Boomer-Jahrgänge bevorsteht, ist so eine Frage. Bis 2039 verlassen etwa 13,4 Millionen Menschen den Arbeitsmarkt, eine immense Herausforderung für Sozialstaat und Wirtschaft. Wer also füllt die Lücken auf dem Arbeitsmarkt?

„Ältere Menschen sind ein großes, wenn nicht das größte ungenutzte Erwerbspersonenpotenzial“, sagt Arntz. Mehr als das Potenzial der Teilzeit-Beschäftigten, auch mehr als das der Gen-Z. Natürlich seien auch sie gefragt, es dürfe ohnehin kein Ausspielen zwischen den Generationen geben. Aber zurück zu den Älteren, um sie geht es hier. In Deutschland liegt die Quote derer, die über das Alter von 65 Jahren hinaus arbeiten, unter dem Durchschnitt der meisten OECD-Länder. In den USA, in Dänemark, auch in Schweden arbeitet diese Alterskohorte mehr als hierzulande. Doch das Thema werde fast stiefmütterlich behandelt, sagt Arntz.

Das liege auch an der Arbeitsmarktpolitik, die man bestenfalls als inkonsistent beschreiben könne. Arntz führt auf, wie widersprüchlich die Signale der Politik eigentlich sind. Da gibt es die Rente mit 63, die vermehrt Beschäftigte in Bürojobs in Anspruch nehmen, obwohl die Frühverrentung für sie eigentlich nicht vorgesehen ist. Da gibt es die Altersteilzeit, die nicht dazu führt, dass ältere Menschen länger in Teilzeit arbeiten, sondern eher früher Stunden abbauen. De facto: „ein subventionierter Exit“. Und dann ist da noch die Aktivrente, durch die Rentner dazuverdienen können, ohne Steuern zu zahlen. Statt länger in ihrem Job und auf dem Arbeitsmarkt zu bleiben, müssen sie dafür aber zuerst in Rente gehen. „Es mangelt uns an klaren Signalen im Arbeitsmarkt.“

Wie diese Signale aussehen könnten? Nun führt Arntz einen Dreiklang aus Verben auf: wollen, müssen und können. Fangen wir mal mit dem Müssen und dem Wollen an. Keiner will, aber irgendwer muss ja immer. Laut einer IAB-Umfrage geben 52 Prozent der Erwerbstätigen aus den Jahrgängen 1959 bis 1969 an, früher in Rente gehen zu wollen, um mehr Zeit für sich selbst zu haben. „Es gibt einen weitverbreiteten Wunsch nach einem vorzeitigen Renteneintritt“, sagt Arntz. Deswegen: keine Rente mit 63 mehr, zumindest nicht für diejenigen, die sie aus gesundheitlichen Gründen eigentlich gar nicht brauchen. „Wir haben keine andere Wahl, als das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln“, sagt Arntz. Das sei politisch natürlich eine heikle Angelegenheit, dessen sei sie sich bewusst. Damit es nicht nur ums Müssen geht, setzt Arntz auch auf Anreize wie einen erhöhten Rentenzuschlag bei einem späteren Renteneintritt.

Nun zum Können: „Anreize helfen ja nicht, wenn die Menschen nicht mehr arbeiten können“, sagt Arntz. In der IAB-Umfrage gaben 40 Prozent gesundheitliche Gründe für einen frühzeitigen Renteneintritt an. Dafür brauche Deutschland mehr Investitionen in Gesundheitsprävention. Außerdem ist das Risiko, als älterer Mensch nach Jobverlust keine andere Stelle mehr zu finden, groß. Dafür ist eine Mischung aus hohen Gehaltsansprüchen, geringer Mobilität und sinkender digitaler Kompetenz im Alter verantwortlich. Auch die Firmen selbst tragen ihren Teil dazu bei, wenn sie älteren Beschäftigten Abfindungen zahlen. „Wir dürfen die Generation 60 plus nicht in dieser Lücke verlieren“, sagt Arntz. Fuest nickt, ja, so sehe er das auch.

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