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15.12.2025
15:58 Uhr
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Islamische Gemeinden fürchten, nach vereitelten Anschlagsplänen unter Generalverdacht gestellt zu werden. Die Weihnachtsmärkte laufen derweil in ganz Bayern normal weiter.

Ersin Akbaba möchte etwas klarstellen, das ist ihm sehr wichtig. Der 57-Jährige ist Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Dingolfing. „Wir sind eine friedliche Gemeinde, wir tolerieren keinen Terrorismus und lehnen jede Form von Gewalt und Extremismus ab“, sagt Akbaba hörbar aufgeregt am Telefon. Seit den Meldungen über einen wohl bereits in einer sehr frühen Phase vereitelten Anschlagsplan auf einen Christkindlmarkt, der am Wochenende bekannt geworden ist, fürchtet er, dass seine Gemeinde unter Generalverdacht gestellt werden könnte.
„Seit 40 Jahren sind wir hier in Dingolfing, Schulklassen gehen bei uns aus und ein, unsere Mitglieder besuchen den Weihnachtsmarkt genauso wie alle anderen Bürger“, sagt er. Dass in seiner Moschee Männer aus anderen Nationen Hassbotschaften verbreiten geschweige denn diese predigen könnten, hält er für komplett ausgeschlossen.
Am Freitag hatten Spezialeinsatzkräfte fünf Männer festgenommen, die einen Anschlag mithilfe eines Fahrzeugs auf einen Weihnachtsmarkt in Niederbayern geplant haben sollen. Bei den Verdächtigen handelt es sich den Ermittlern zufolge um einen 56-jährigen Ägypter, einen 37-jährigen Syrer und drei Marokkaner im Alter von 22, 28 und 30 Jahren. Der Ägypter soll laut Behörden in einer Moschee im Raum Dingolfing-Landau zu einem Anschlag aufgerufen haben. Um welche Moschee es sich handelt, oder ob es auch ein privater Gebetsraum gewesen sein könnte, ist bislang noch unklar. Am Samstag ergingen Haftbefehle gegen vier der Männer. Sie befinden sich in Untersuchungshaft in verschiedenen Justizvollzugsanstalten. Einer wurde in Präventivgewahrsam genommen. Die drei Marokkaner sollen bereit gewesen sein, den Anschlag auszuführen. Ihnen wird vorgeworfen, sich zum Mord bereiterklärt zu haben. Der Syrer soll die Männer in ihrem Entschluss bestärkt haben.
Laut bayerischem Innenministerium hielten sich die Männer allesamt rechtmäßig in Deutschland auf. Der Ägypter reiste demnach 1995 ein. Er ist dem Ministerium zufolge im Besitz einer Niederlassungserlaubnis. Der syrische Staatsangehörige reiste 2023 ein und erhielt subsidiären Flüchtlingsschutz. Die drei marokkanischen Staatsangehörigen kamen 2025 als Fachkräfte mit einem Visum nach Deutschland.
Wie die Generalstaatsanwaltschaft in München am Montagnachmittag auf Nachfrage mitteilte, bestand für die Bevölkerung keine unmittelbar bevorstehende Gefahr. „Der dringende Tatverdacht begründet sich insbesondere darauf, dass die Beschuldigten zwar einen Anschlag im Bereich von Dingolfing-Landau ausführen wollten, es aber noch kein konkretes Anschlagsziel und Zeitpunkt gab“, heißt es in einer schriftlichen Mitteilung. Am Zugriff auf die mutmaßlichen Planer selbst waren demnach rund 100 Polizeibeamte mit Spezialkräften beteiligt. Dieser sei zu einem Zeitpunkt erfolgt, in dem sich die Anschlagspläne noch in einem frühen Anfangsstadium befunden hätten.
Die drei Beschuldigten mit marokkanischer Staatsangehörigkeit sind der Generalstaatsanwaltschaft zufolge am Grenzübergang Suben festgenommen worden. Ob die Männer nach Österreich reisen wollten, sei bisher aber nicht bekannt. Die beiden anderen Beschuldigten wurden in Niederbayern festgenommen. Ausgangspunkt der Ermittlungen sei ein Hinweis des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz gewesen, dem Erkenntnisse zu möglichen Anschlagsplänen vorlagen.
Die Befürchtungen Ersin Akbabas, in eine Ecke mit gewaltbereiten Extremisten gestellt zu werden, teilt Mohamed Abu El Qomsan, der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern des Zentralrats der Muslime in Deutschland. „Die Nachricht über die Festnahmen hat mich persönlich erschüttert und tief betroffen gemacht.“ Diese Planungen widersprächen fundamental den Prinzipien des Islam sowie den gemeinsamen Werten des demokratischen Zusammenlebens in Deutschland.
Er teilt mit: „Auch in der muslimischen Gemeinde Bayerns wurde die Meldung mit großer Sorge aufgenommen. Viele Gläubige empfinden Angst vor pauschaler Verurteilung und kollektiven Verdachtsmomenten, obwohl sie sich tagtäglich für Frieden, Dialog und gesellschaftliche Teilhabe einsetzen. Mein erster Gedanke galt der Verantwortung, unsere Präventionsarbeit noch entschlossener und zielgerichteter fortzusetzen.“
In der Zwischenzeit scheint sich die Aufregung um die mutmaßlichen Anschlagspläne in den größeren Städten Bayerns gelegt zu haben. Bei der Stadt Nürnberg heißt es, dass man dort derzeit keinen Anlass sehe, die Sicherheitsvorkehrungen für den Nürnberger Christkindlesmarkt zu ändern. Der Zufahrtsschutz nehme bereits jetzt eine wichtige Rolle im Sicherheitskonzept ein. Stadt und Sicherheitsbehörden seien im ständigen Austausch, um auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können.
Ähnlich bewertet man die Lage in Regensburg: Es seien bereits verschiedene Sicherheitsvorkehrungen für den städtischen Weihnachtsmarkt getroffen worden. Und da die Sicherheitsmaßnahmen schon hoch sind, gibt es derzeit keine weiteren Änderungen oder zusätzliche Auflagen seitens der Stadt. Auch in Augsburg habe man bereits ein „stimmiges Sicherheitskonzept“.
Die Polizeigewerkschaften fordern Konsequenzen: „Wir müssen endlich vernünftig in die innere Sicherheit investieren, ausreichende Maßnahmen zur besseren Vernetzung der Sicherheitsbehörden treffen, unnötige datenschutzrechtliche Hürden abbauen und unsere Sicherheitsgesetze an die aktuelle Gefährdungslage anpassen“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Florian Leitner. Der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Thorsten Grimm sagte: „Gerade unser Verfassungsschutz wurde in den vergangenen Jahren immer mehr in seinen Möglichkeiten beschnitten. Eine Aufgabenerfüllung ohne wirksame Befugnisse widerspricht sich.“
In Niederbayern sind fünf Männer festgenommen worden, die einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt geplant haben sollen. Wann und wo genau sie angreifen wollten, stand aber nach Aussage von Innenminister Herrmann noch nicht fest. Man habe die Pläne in einem frühen Stadium unterbunden.
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