SZ 11.01.2026
16:08 Uhr

(+) Zweiter Abfahrtsieg von Lindsey Vonn: Wonderwoman des Wintersports


Mit 41 Jahren führt Lindsey Vonn die Ski-Weltcupwertung in der Abfahrt an. Obwohl sie angeblich noch nicht einmal am Limit fährt. Über das Understatement einer Olympiafavoritin.

(+) Zweiter Abfahrtsieg von Lindsey Vonn: Wonderwoman des Wintersports
Traumteam im Schnee: Lindsey Vonn gewinnt die Abfahrt in Zauchensee – auch dank der Expertise von Trainer Aksel Lund Svindal (links). (Foto: Gintare Karpaviciute/REUTERS)

Lindsey Vonn ist ein Adrenalin-Junkie. Das kribbelnde Risiko bei der Jagd über Steilhänge fand sie immer elektrisierend. Sie vermisste den Nervenkitzel nach ihrem Rücktritt vom Sport. Und als sie vor einem Jahr zurückkehrte auf die Pisten, als sie den Rausch der Geschwindigkeit wieder durch die Adern pulsieren fühlte, da war sie glücklich. Sie hat das oft beschrieben. Eine Kleinigkeit allerdings ist heute anders: Wenn Lindsey Vonn sich im Winter 2025/26 in die Tiefe stürzt, dann geht sie nach eigener Aussage nicht ans Limit, an jene Grenze, die zwischen Herausforderung und Harakiri verläuft. Jedenfalls jetzt noch nicht.

Es ist schwer zu sagen, ob es sich um eine Selbstoffenbarung handelte oder um eine gezielte Provokation der Gegnerinnen, als Lindsey Vonn kürzlich in den Salzburger Nachrichten erklärte: „Ich weiß, dass ich schneller fahren kann, aber es hat keinen Sinn für mich.“ Zurzeit sei ihr nur wichtig, gesund ins Ziel zu kommen. Festzuhalten aber ist: Auch mit vermeintlich gedrosseltem Speed, reduzierter Dosis Adrenalin und einem runderneuerten Knie ist die 41 Jahre alte Rückkehrerin schneller als die gesamte skifahrende Konkurrenz. Am Samstag hat sie die Abfahrt von Zauchensee gewonnen, es war ihr zweiter Sieg der Saison und Sieg Nummer 84 ihrer unvergleichlichen, jetzt 414 Weltcuprennen umfassenden Karriere.

Sie habe ihren Plan verfolgt, sagte sie, als sie im Zielraum im Schneewirbel vor den Kameras stand und sich die Flocken auf das berühmte Vonn-Accessoire, die Plüschbommeln ihrer Mickey-Maus-Mütze, setzten: „Das Wichtigste ist, dass ich genauso gefahren bin, wie ich wollte, sauber, mit der richtigen Aggressivität.“ Ihr Trainer, der norwegische Olympiasieger Aksel Lund Svindal, ebenfalls ein gefragter Gesprächspartner und einer der Urheber ihrer Siegstrategie, konnte derweil seine Freude kaum unterdrücken: „Sie ist wirklich beeindruckend“, sagte er lachend.

Denn die Wahrheit ist: Lindsey Vonn hatte, wie Svindal zugab, „alles aus der Strecke herausgepresst“, was möglich war an diesem Renntag, an dem die Helfer aus Altenmarkt und Zauchensee schon um fünf Uhr morgens auf der Piste standen, um den über Nacht gefallenen Schnee festzutreten. Die Kunst bestand darin, auf dem verkürzten Kurs die schnellste, engste, aggressivste Linie zu finden und dabei auf der sicheren Seite zu bleiben. „Wenn man dann trotzdem schnell ist“, sagte Svindal, „ist das doch toll.“

Dass Vonn derzeit nur 80 Prozent gibt, wollte Svindal, womöglich aus taktischen Erwägungen, gar nicht bestreiten. Ohnehin sei es gar nicht die Schnelligkeit, die die begnadete Skirennfahrerin charakterisiere: „Ihre Superpower ist nicht das Gleiten. Ihre Superpower ist die Art, wie sie in den Kurven attackiert.“

Am 6. Februar werden die Olympischen Winterspiele 2026 im Mailänder San Siro-Stadion eröffnet. In unserer Übersicht finden Sie, wann welche Medaillenentscheidung stattfindet.

Ein kleiner Rückstand nach dem Start? Das ist nichts, was Svindal und das US-Trainerteam beunruhigen würde. Vonn holt dort auf, wo der Rest des Feldes Zeit verliert, wenn sie in schönster Balance beschleunigend – also ohne zu driften oder ins Eis zu fräsen – um die Kurven carvt. Das war am Samstag in Zauchensee zwischen Kälberloch und Lerchwald nicht anders. Emma Aicher, 19 Jahre jünger als Vonn, war ein paar Zehntelsekunden langsamer und wurde Sechste, DSV-Kollegin Kira Weidle-Winkelmann, die Trainingsbeste, landete auf Rang zwölf. Der Umstand, dass Vonn zuvor schon zweimal Abfahrtssiegerin in Zauchensee war, vor zehn und 15 Jahren, hat ebenfalls nicht geschadet. US-Teamgefährtin Jacqueline Wiles kam, wohl auch dank ihrer Tipps, hinter Norwegens Kajsa Vickhoff Lie auf Platz drei.

Mittlerweile verfestigt sich der Eindruck, dass Lindsey Vonn, die Olympiasiegerin von 2010, im Jahr zwei nach ihrer Rückkehr und mit Titanersatzteilen im Knie, dort weitermacht, wo sie 2019 aufgehört hatte – als Wonderwoman des Wintersports. In den sechs Abfahrtsrennen der Saison war sie fünfmal unter den besten Drei. Auch die Disziplinwertung führt sie schon wieder an. Das stärkt die Vermutung, dass die Zusammenarbeit mit dem fünfmaligen Weltmeister Aksel Lund Svindal, 43, ebenfalls ein Ausnahmekönner auf Skiern, nicht nur ein Glücksgriff war, sondern vielleicht tatsächlich die beste Entscheidung ihres Lebens: So zumindest, sagte sie lachend vor den Kameras, habe ihr Vater das Engagement beschrieben.

Es war kein Zufall, der die beiden zusammenbrachte. Vonn hatte früher, ehe die Knieverletzung eine Fortsetzung der Karriere unmöglich machte, bisweilen mit dem norwegischen Ski-Team trainiert. Sie fuhren dieselbe Skimarke, verfügten über denselben Sponsor. Und anders als einige seiner Kollegen begleitete Svindal 2024 das Comeback Vonns nach sechsjähriger Pause nicht mit beißendem Spott, sondern mit Respekt. Erst seit wenigen Monaten, seit Oktober, begleitet er sie als Coach. Sie haben das Material besser abgestimmt. Das Training, sagte er am Samstag, unterscheide sich kaum von dem der jüngeren Kolleginnen. „An manchen Tagen machen wir vier Abfahrten, und die anderen machen sechs“, sagt er. Vonn kenne ihren Körper und die Anzeichen für Ermüdung sehr genau.

Und sie kennt das Risiko, nicht nur wegen der eigenen Krankengeschichte, den Bänderrissen, Knöchelfrakturen und Oberarmbrüchen. Am Samstag stürzte die 24-jährige Österreicherin Magdalena Egger in Zauchensee und verletzte sich am Knie so schwer, dass sie in diesem Winter nicht zurückkommen wird. Der geplante Super-G am Sonntag wurde wegen der Witterung aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Es ist keine Plattitüde, wenn Vonn sagt, dass die Gesundheit für sie das Wichtigste ist – bis zu den Winterspielen in Cortina d'Ampezzo. Denn das ist ihr großes sportliches Ziel: Auf die Abfahrt am 8. Februar ist ihr Comeback ausgerichtet. „Wer verletzt ist“, sagt Svindal, „wird nicht Olympiasieger.“ Mit den Eigenheiten der Piste Olimpia delle Tofane ist Lindsey Vonn vielleicht besser vertraut als jede andere Skirennfahrerin: Zwölf Mal hat sie in Cortina gewonnen, in 45 Rennen ist sie angetreten, vor 22 Jahren, im Januar 2004, stand sie dort erstmals als Zweite auf einem Weltcup-Treppchen. Da will sie wieder hin, den Rausch der Geschwindigkeit spüren. Im Februar ist sie am Limit, auch das gehört zum Plan.

Kaum etwas fällt dem einstigen Weltcup-Dominator Marcel Hirscher schwerer, als nicht Ski zu fahren. Und doch gibt er nun bekannt, dass er in diesem Winter auf weitere Rennen verzichtet – und somit auf die Olympischen Spiele.

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