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23.01.2026
16:03 Uhr
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„Das ist der Schlag, der mich gewinnen oder verlieren lässt“: Alexander Zverev überzeugt bei seinem Drittrundensieg in Melbourne gegen Cameron Norrie – vor allem mit der Vorhand.

Dieser noch angenehme sommerliche Freitag in Melbourne, das am Wochenende bis zu 40 Grad Celsius ertragen muss, erlebte am Nachmittag ein kleines Drama. Ausnahmsweise war mal nicht Alexander Zverev, gerne gelegentlich die Dramaqueen unter den Profis, beteiligt. Die tapfere Türkin Zeynep Sönmez wehrte sich mit allen Kräften in ihrer Drittrundenpartie gegen die Kasachin Julia Putinzewa, doch ihr wundersamer Lauf als Qualifikantin endete mit einer untröstlichen Dreisatzniederlage.
Den Tränen war die Weltranglisten-112. nahe, schlimmer noch, sie musste völlig übertriebene, provozierende Tanzeinlagen Putinzewas erdulden, die – angestachelt von Buhrufen türkischer Anhänger – mal wieder ihre giftige Seite ausleben musste. Später meinte Putinzewa, die gegen sie gerichtete Stimmung habe sie erst dazu animiert, das Match „auf keinen Fall zu verlieren“. Den Beliebtheitspreis, gäbe es ihn beim ersten Grand-Slam-Turnier der Saison, würde die 31-Jährige auch diesmal nicht gewinnen.
Zeynep Sönmez erreicht als erste Frau ihres Landes die dritte Runde der Australian Open. Die türkische Gemeinde in Melbourne feiert sie derart ekstatisch, dass sie es selbst kaum glauben kann.
Derlei Motivationsauslöser benötigte am Abend der deutsche Tennisprofi Alexander Zverev zweifellos nicht, tatsächlich hätte es auch keinen Grund gegeben, ihn akustisch zu benachteiligen. Der 28-Jährige, der eine Finalteilnahme aus dem Vorjahr zu verteidigen hat, ist nicht nur bei diesen Australian Open angekommen und steht zum siebten Mal im Achtelfinale. Zverev hat sogar einen vorzüglichen Eindruck hinterlassen bei seinem 7:5, 4:6, 6:3, 6:1-Sieg in der dritten Runde gegen den Briten Cameron Norrie.
Als er in der John Cain Arena, dem zweitgrößten Stadion im Melbourne Park, zum Platzinterview schritt, strahlte er eine Ruhe aus wie selten. Und diese Aura hatte er auch in den 2:46 Stunden im Match zuvor vermittelt. Da war nie ein Hadern oder hektisches Agieren. Auf die erste Frage der Gesprächspartnerin Barbara Schett, ob er, oft hyperkritisch mit sich, glücklich sei mit seinem Spiel, antwortete er direkt: „Ja, warum nicht?“ Applaus brandete auf. Dann wurde er ernsthafter. „Ich war heute bereit für diese Aufgabe, und ich finde, Cameron hat gegen mich noch nie so gut gespielt.“ Das bedeutete im Umkehrschluss natürlich auch: Er selbst war noch besser.
Damit hatte er recht, was auch den früheren Weltranglistenersten Boris Becker als Kommentator dazu brachte, Höchstwertungen auszusprechen. „Er hat über das gesamte Match seine Balance gehalten und war immer da“, sagte der 58-Jährige bei Eurosport und betonte: „Das war die stärkste Leistung von Alexander Zverev bisher und genau zum richtigen Zeitpunkt.“ Gut, da ließe sich natürlich einwenden, dass es für Zverev ab jetzt noch vier weitere genau richtige Zeitpunkte geben könnte, angefangen mit dem Achtelfinale am Sonntag gegen Francisco Cerúndolo; gegen den Argentinier hat Zverev eine negative Matchbilanz (2:3). „Für mich ein schwieriger Gegner, das ist jemand, gegen den ich Probleme gehabt habe“, sagte er. Andererseits wusste er: „Die letzten beiden Male habe ich gewonnen.“ Im Viertelfinale könnte er dann auf den Russen und seinen Angstgegner Daniil Medwedew treffen.
Für Zverev war Norrie am Freitag ein idealer Gegner, um den eigenen Spielfluss richtig auf Touren zu bringen. Gegen den Linkshänder mit der eigenwilligen Schlagtechnik hatte er zuvor in sechs Duellen sechsmal reüssiert – der 30-Jährige, in Johannesburg geboren, liegt ihm. Norrie ist einer, der die Bälle lange und flach übers Netz befördert, was Zverev die Chance gibt, in einen schönen Schlagrhythmus zu gelangen. Und so wuchs in ihm auch diesmal rasch das nahezu volle Vertrauen in die eigenen Schläge. Bei seinem ersten Auftritt gegen den Kanadier Gabriel Diallo sah das noch anders aus. 52 Winner, direkte Gewinnpunkte, fabrizierte Zverev, wobei er einen Schlag hervorhob: „Ich finde, ich traf meine Vorhand ziemlich gut“, befand er und gab eine interessante Einschätzung ab: „Das ist der Schlag, der mich gewinnen oder verlieren lässt.“
Aber auch ein anderer Aspekt gefiel Zverev: dass er es nun endlich schaffe, sogenannte leichtere Bälle des Gegners, die nicht allzu viel Druck ausüben, sofort energischer zum Angriff zu nutzen. „Das war wahrscheinlich der Hauptschlag, an dem wir am meisten gearbeitet haben über die letzten sechs Wochen“, sagte Zverev und räumte ein: „Da war ich letztes Jahr den anderen Topspielern hinterher. Es ist sehr, sehr wichtig, dass ich über mein Tempo spielen kann, über die Punkte, die ich dominieren kann und ich dominant bleibe. Bis jetzt funktioniert es.“ Sollte er das Turnier gewinnen, das verriet er bei einem letzten Geplänkel mit Barbara Schett, habe er Besonderes vor: Er wolle sich dann mit der Österreicherin und früheren Spielerin gemeinsam die langen Haare abschneiden lassen.
Die Russin Anastasia Potapowa spielt nun für Österreich – und begründet das fast wortgleich wie Darja Kassatkina 2025 bei ihrem Wechsel zum australischen Verband. Alles gut? Keinesfalls.
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