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26.01.2026
14:09 Uhr
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Am Montagmorgen verbreitete sich in weiten Teilen Nordbayerns die Nachricht: Der Präsenzunterricht entfällt. Was aber bedeutet das konkret: Fällt die Schule aus? Oder sind die Schulen seit Corona gerüstet für den digitalen Unterricht? Ein Überblick.

Dunkel, kalt und rutschig: Im Winter kann der Schulweg für Kinder beschwerlich, manchmal sogar gefährlich werden. (Foto: Imago)
„Hausaufgabe für die Kinder: unbedingt draußen spielen, einen Schneemann bauen oder Schlitten fahren“ – so lautete am Montagmorgen der Arbeitsauftrag einer Nürnberger Grundschullehrerin an die Kinder ihrer ersten Klasse. Wie in weiten Teilen Frankens fiel in Bayerns zweitgrößter Stadt zum Wochenbeginn wegen starken Schneefalls der Präsenzunterricht aus – für die Erstklässler der Nürnberger Grundschule war dies gleichbedeutend mit: schulfrei.
Aber ist das die Regel? Was bedeutet es konkret, wenn – wie am frühen Montagmorgen vielfach geschehen – die sogenannte „Koordinierungsgruppe Witterung“, bestehend aus einem Vertreter des staatlichen Schulamts und dem Schulleiter einer weiterführenden Schule, verbindlich für alle Schulen in Stadt oder Landkreis entscheidet: Der Präsenzunterricht entfällt. Fällt die Schule aus? Oder sind die Schulen seit der Corona-Pandemie gerüstet für den kurzfristigen Wechsel in den digitalen Unterricht?
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Eine stichprobenartige Umfrage zeigt große Unterschiede. An der Ludwig-Derleth-Realschule Gerolzhofen im Landkreis Schweinfurt etwa konnte das über Nacht hereingebrochene Winterwetter niemanden aus der Fassung bringen. Die Realschule trägt den Titel „Digitale Schule der Zukunft“, bereits seit sechs Jahren sind alle Kinder mit einem iPad ausgestattet, mit ihren Lehrkräften kommunizieren sie über die vom Freistaat entwickelte Bayern Cloud Schule.
„Komplett problemlos“ sei daher am Montag der Umstieg gelungen, sagt Michaela Pfrang, Lehrerin und Mitglied der erweiterten Schulleitung. Für jede Unterrichtsstunde gebe es eine Videokonferenz, die Kinder würden „ganz normal zu Hause beschult“, das sei „eingespielt“, sagt Pfrang. „Wir wissen, wie wir damit umgehen müssen.“
So problemlos wie in Gerolzhofen läuft es aber nicht überall, schließlich besitzen nicht alle Kinder ein Tablet, von dem aus sie an einer Videokonferenz teilnehmen können – „gerade in sozialen Brennpunkten“, wie der Konrektor einer Aschaffenburger Grund- und Mittelschule sagt, der nicht mit seinem Namen genannt werden möchte. Wo Videounterricht möglich sei, werde dieser angeboten, erklärt er. Und wo nicht, da unterrichte jeder Lehrer seine Klassen „im Rahmen der Möglichkeiten“ und suche „situationsangemessen seine Lösung“. Zumindest an das schulische Informationssystem sei aber jeder Schüler angeschlossen und erhalte so Lernmaterial.
Dass Distanzunterricht nicht allenthalben gleichbedeutend ist, bestätigt auch Thomas Reichert, der als fachlicher Leiter des staatlichen Schulamts Nürnberg für 85 Grund- und Mittelschulen in der Stadt verantwortlich ist und der Koordinierungsgruppe angehört, die über Schulausfälle entscheidet.
Anders als an der Ludwig-Derleth-Realschule in Gerolzhofen kommt in Nürnberg nicht die Bayern Cloud, sondern Microsoft Teams zum Einsatz. Die digitalen Möglichkeiten für den Distanzunterricht bestehen, sagt Reichert, und sie seien seit der Pandemie „nicht eingerostet“. Wie sie den Unterricht bei Präsenz-Ausfall gestalte, könne er aber pauschal nicht beantworten – dies organisiere jede Schule für sich.
Ähnlich pragmatisch lautet die Maßgabe des bayerischen Kultusministeriums. Im Falle einer witterungsbedingten Einschränkung des Präsenzunterrichts solle „im Rahmen der personellen und organisatorischen Kapazitäten“ Distanzunterricht stattfinden, „um einen kompletten Unterrichtsausfall zu vermeiden“, heißt es auf dessen Internetseite. Die Entscheidung über Details trifft die Schulleitung. Lehrerinnen und Lehrern empfiehlt das Ministerium regelmäßige Distanzunterricht-Probeläufe, „um bei unerwarteten Schulschließungen jederzeit handlungsfähig zu bleiben“.
Der rechtliche Rahmen des hybriden Lernens sei seit der Pandemie gegeben, den Schulen stehen hierfür flächendeckend digitale Werkzeuge wie Lernplattformen zur Verfügung, teilt das Ministerium auf Nachfrage mit. „Mit Blick auf die aktuellen Schulschließungen gehen wir davon aus, dass der digital gestützte Distanzunterricht praktikabel und wirksam umgesetzt wird.“ Ein Faktor, heißt es aus dem Ministerium, sei allerdings tatsächlich die Frage, welche Möglichkeiten die Jugendlichen zu Hause hätten.
Am E.T.A. Hoffmann-Gymnasium in Bamberg halten sie zum Schulstart alljährlich Praxistests ab. Kinder und Jugendliche müssten sich dann in ihrem Konto einloggen, weil es immer wieder passiere, dass sie ihr Passwort vergäßen oder sich Einstellungen an Geräten änderten, erklärt Schulleiter Markus Knebel. „Wahrscheinlich wird es heute trotzdem so sein, dass der ein oder andere nicht ins System reinkommt“, mutmaßt er am Montagmorgen.
Das wäre zwar ärgerlich, aber wohl zu verkraften. Denn für gewöhnlich führten Lehrerinnen und Lehrer an Tagen wie diesen ohnehin keine neuen Inhalte ein, sondern wiederholten oder vertieften Bekanntes, sagt Knebel. Erst bei einem längeren Präsenzausfall – wie in der Pandemie – würde man den Stundenplan grundlegend auf Digitalunterricht umstellen.
Ob sie bei kurzfristiger Distanz wie am Montag Videokonferenzen abhalten oder Aufgaben hochladen, entscheiden die Lehrerinnen und Lehrer des Bamberger Gymnasiums seinen Angaben zufolge selbst und je nach Unterrichtsstoff. Für beides indes verwendeten sie die Bayern Cloud. Laut Kultusministerium nutzten bereits im September 2025 mehr als 90 Prozent der bayerischen Schulen dieses freiwillige und kostenlose Angebot. „Die Pandemie war die Initialzündung, dass wir so etwas entwickeln konnten“, sagt Knebel. Die Bayern Cloud sei „das ideale Werkzeug, um von zu Hause aus von einer auf die andere Sekunde zuzugreifen“.
Jedenfalls in der Theorie, denn einige Schülerinnen und Schüler waren gar nicht mehr zu Hause, als die Präsenzabsage sie am Montagmorgen erreichte. Manche kämen aus der Fränkischen Schweiz und dem Steigerwald ans E.T.A. Hoffmann-Gymnasium und machten sich deshalb sehr früh auf den Weg, sagt Knebel, der nach eigenen Angaben noch vor sieben Uhr über den Ausfall informierte.
Für die Betroffenen gab es in Bamberg wie fast überall eine Notbetreuung. Vor allem, weil nicht alle berufstätigen Eltern spontan umplanen und ihre Kinder betreuen können, hält das Kultusministerium die Schulen dazu an, eine solche anzubieten, „wenn diese organisatorisch und personell umgesetzt werden kann“. Mancherorts war die Notbetreuung am Montag allerdings gar nicht erforderlich – wegen des Schnees fielen ohnehin Schulbusse aus, viele Kinder wären gar nicht zur Schule gekommen.
An einer Grundschule im Landkreis Kitzingen etwa waren laut einer Lehrerin, die zur Notbetreuung gekommen war, zwei Kinder zugegen. Ihren Erstklässlern habe sie am Morgen über deren Eltern per Mail Aufgaben zukommen lassen: Buchstaben und Zahlen in den Schnee stapfen.
Ob der Unterricht am Dienstag wieder normal stattfindet, bleibt abzuwarten.
Trotz der massiven Kälte nehmen nicht alle Betroffenen die zahlreich bestehenden Hilfsangebote an. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu Besuch in der Wärmestube in Nürnberg.
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