SZ 13.01.2026
13:38 Uhr

(+) Wie sich ein Raketenflug anfühlt: „Im Video sieht man, wie mir die ganze Zeit der Mund offen steht“


Michaela Benthaus, der erste querschnittsgelähmte Mensch im Weltraum, über das Gefühl der Schwerelosigkeit und warum ihre Behinderung im All gar keine ist.

(+) Wie sich ein Raketenflug anfühlt: „Im Video sieht man, wie mir die ganze Zeit der Mund offen steht“
Michaela Benthaus nach der Landung am 20. Dezember. (Foto: Uncredited/Blue Origin/AP/dpa)

Michaela Benthaus hat sehr oft über ihr Erlebnis gesprochen, vor ein paar Tagen erst wieder bei Disney. Seit die 33-jährige Ingenieurin aus München, die bei der ESA arbeitet und nach einem Fahrradunfall im Jahr 2018 querschnittgelähmt ist, mit dem privaten Weltraum-Unternehmen Blue Origin am 20. Dezember als erster querschnittgelähmter Mensch ins All flog, ist sie als Gesprächspartner gefragt. Benthaus flog über die sogenannte Kármán-Linie in 100 Kilometer Höhe, die offiziell Erde und Weltall trennt. Ihr Buch dazu, „Zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit“, erscheint demnächst.

SZ: Frau Benthaus, Ihr erster Start wurde am 18. Dezember genau 58 Sekunden vor dem geplanten Abheben abgebrochen. Waren Sie in diesem Moment verunsichert?

Michaela Benthaus: Nein, ganz im Gegenteil. Das ist für mich eher ein gutes Zeichen, eines dafür, dass eben nur gestartet wird, wenn alles wirklich passt. Es gab ein kleineres technisches Problem, was später gelöst wurde.

Und enttäuscht?

Das schon. Mein Ingenieurs-Ich hat gesagt: richtige Entscheidung. Emotional musste ich mich aber erst einmal damit abfinden.

Sie hatten lange Zeit, um sich auf diesen kurzen Flug ins All und alle Eventualitäten vorzubereiten.

Ich war zweimal vorher in Texas, um etwa das Ein- und Aussteigen zu besprechen und zu planen. Wir waren dann im Dezember auch schon einige Tage vorher da und hatten vier Vorbereitungstage mit der ganzen Crew, also allen sechs Personen, die mitgeflogen sind.

Einsteigen, hinsetzen, losfliegen, schwerelos sein, hinsetzen, landen – was muss man da vorbereiten?

Ja, man denkt, die Basics seien ohnehin klar. Aber man muss alle Abläufe schon auch wirklich gut draufhaben. Man hat zum Beispiel einen Fünfpunktgurt an und muss den in der richtigen Reihenfolge bedienen, und das dann auch in der Schwerelosigkeit. Dafür muss man ihn etwas lockerer machen, bevor man ihn im All löst. Sonst kommt man hinterher nicht mehr gut rein. Denn mit der Gravitation auf der Erde ist es immer einfacher, einen Gurt anzulegen. Oder auch die Kommunikation muss gut geübt sein.

Nämlich wie?

Jeder hat einen Knopf in der Lehne und kann in ein Mikrofon sprechen, sagt dabei zuerst den Namen der Person, der man etwas sagen will, dann seinen eigenen Namen und am Ende die Information. Also in diesem Fall: Philipp. Michi. Ich höre dich gut.

Sie haben auch das Ein- und Aussteigen oft geübt.

Das war ja der Knackpunkt. Der deutsche Raumfahrtingenieur Hans Koenigsmann, der mitgeflogen ist, hat mit mir trainiert.

Wie läuft es dann direkt vor dem Start ab?

Es gab in den Tagen zuvor immer mal wieder Winde, die einen Start verhindert hätten. Für den 18. Dezember war die Vorhersage aber gut. Also sind wir zur Rakete gefahren worden. Und das war schon ein beeindruckender Moment, wenn man darauf zufährt. Natürlich ist die Rakete nicht so groß wie eine, die Astronauten zur ISS bringt, weil unsere nicht so weit in den Orbit muss. Aber sie ist groß genug. Etwa 20 Meter hoch und steht angehoben auf dem Launch-Tower. Und auf die fährt man dann auf einer langen, geraden Straße zu.

Als Sie in der Kapsel saßen, kam ein erstes Hold-Signal. Der Countdown wurde angehalten. Was haben Sie gedacht?

Ich war skeptisch. Aber es ging ja noch weiter. Bis zur letzten Minute. Im Nachhinein war die Startverschiebung das Beste, was passieren konnte.

Warum?

Wir waren dadurch noch zwei Tage länger da. Und ich hatte ja auch viele Freundinnen und Freunde, davon vier aus Deutschland, und meine Mutter und meinen Bruder dabei. Wir hatten deshalb noch einen weiteren schönen Ausflug.

Am 20. Dezember saßen Sie wieder im Sitz und haben gewartet. Was dachten Sie in den letzten zehn Sekunden?

Wir haben zusammen laut runtergezählt. Und dann weiß ich, dass es noch sieben Sekunden dauert, bis die Rakete abhebt. Man kann ja von innen das Feuer nicht sehen, klar. Aber die Decke der Kapsel hat sich richtig orange gefärbt, weil sie das Licht des Feuers von unten reflektiert hat. Da dachte ich schon: Krass, jetzt sitzen wir auf diesem Feuerball und fliegen los. Die Rakete startet dann ja eher langsam, geht aber bis zur dreifachen Schallgeschwindigkeit. Man hat auch gespürt, wie sie gegen den Wind arbeitet. Als wir durch eine Wolkendecke durch waren, wurde das Triebwerk ausgeschaltet, der „Main Engine Cutoff“. Zu dem Zeitpunkt ist man schwerelos und wird nicht mehr in den Sitz gepresst. Für einen Moment dachte ich, wir stehen auf dem Kopf. Da war ich ganz kurz desorientiert, habe aber beim Blick aus dem Fenster gemerkt, dass sich die Kapsel noch nicht gedreht hatte. Dann habe ich mich abgeschnallt.

Und vorher die Gurte gelockert.

Genau. Und dann war es schon irre. Im Video sieht man, wie mir die ganze Zeit der Mund offen steht.

Sie haben sich gefilmt?

Jeder hat eine Kamera am Handgelenk gehabt, die alles mitgeschnitten hat.

Damit sie nicht Ihr Handy für diverse Selfies zücken müssen. Was war am beeindruckendsten?

Vielleicht die Farben. Die Atmosphäre hat ein Blau, das man nicht beschreiben kann. Das kann auch kein Foto transportieren. Und dann ist da dieses unglaublich tiefe Schwarz des Weltalls. Im Grunde ist es wie bei einem Sonnenuntergang: Wenn man ihn sieht, ist er bewegend schön. Und kein Foto, das man davon macht, kommt da auch nur annähernd ran. So war es da oben auch.

Wie hat sich das Schweben angefühlt? Haben Sie da Ihre Beeinträchtigung wahrgenommen?

Wir waren drei Minuten abgeschnallt. Ich spüre meine Beine ja grundsätzlich nicht, also auch in diesem Moment nicht. Und sie waren mit einem Gurt über den Knien am Oberschenkel zusammengehalten. Das hat super funktioniert.

Ein querschnittgelähmter Mensch in einer Raumstation, da ist ja die Frage, ob einen das im All ebenfalls beeinträchtigt. Wie schätzen Sie das nach dieser Erfahrung denn ein?

Ich habe im Gegenteil das Gefühl, dass ich eher einen Vorteil haben könnte. Man unterschätzt im All die Wirkung eines Impulses. Man schwebt sofort weg, wenn man sich auch nur ganz leicht irgendwo abstößt. Und da sind Bewegungen mit den Beinen besonders im Fokus, weil wir da mehr Kraft haben und normalerweise einsetzen. Astronauten lernen, alle Bewegungen mit den Händen zu machen, bei denen man mehr Kontrolle hat.

Klingt, als hätte jemand mit einer Behinderung wie Sie dann im All eher keinen Nachteil.

In unserem Fall hat alles super funktioniert. Generell würde ich sagen, dass eine Behinderung natürlich gewisse Probleme mit sich bringt, die gelöst werden müssen. Menschen mit Behinderung können für eine Gruppe durch besondere Resilienz oder Problemlösefähigkeiten aber auch einen echten Mehrwert bringen.

Sie haben dem Thema Inklusion im All auf jeden Fall eine große Aufmerksamkeit beschert.

Ja. Die mediale Aufmerksamkeit war hinterher irre. Ich war unter anderem auch bei ABC-News in New York.

Wie fühlte sich der Rückflug an, also das Zurückfallen?

Das waren dann in der Spitze 5,3 g. Da zieht es einem die Haut im Gesicht zurück und das Atmen fällt schwerer. Die g-Kräfte waren höher als zum Beispiel beim Wiedereintritt der Dragon Kapsel von Elon Musks SpaceX. Das liegt daran, dass orbitale Geschwindigkeiten zwar höher sind, die Kapsel aber in einem Winkel in die Atmosphäre eintritt. Wir hingegen haben quasi einen Bauchplatscher gemacht.

Sie arbeiten als Weltraumforscherin. Haben Sie sich das Erlebnis Weltraum so vorgestellt?

Ich überlege schon seit Wochen mittlerweile, was das für ein Gefühl ist. Ich habe auch mit Kollegen gesprochen, die im All waren. Zum einen ist es die Perspektive auf die Erde. Es wird so unglaublich offensichtlich, wie schön unser Planet ist. Dann kommt die Schwerelosigkeit dazu.

Auf dem Oktoberfest etwa kann man sich in Fahrgeschäften aus größerer Höhe zur Erde fallen lassen. Ist das ansatzweise ähnlich?

Wirklich nicht. Das geht ja so schnell und man sieht kaum über die angrenzenden Häuser. Drei Minuten schwerelos im All mag kurz klingen, aber es ist lang genug, um es so richtig zu spüren. Genauso wie die g-Kräfte hinterher.

Wenn Sie so viele Interviews gegeben haben, wurden Sie auch nach Ihren nächsten Zielen gefragt?

Also ich würde natürlich auch einmal eine orbitale Mission erleben. Also etwa einmal um die Erde rumfliegen. Ob das realistisch ist, ist die Frage. Denn es kostet einfach sehr viel Geld. Das muss jemand finanzieren können und wollen.

Ist man ein anderer Mensch, wenn man den Planeten einmal verlassen hat?

Ich weiß es nicht. Es hat mich aber auf jeden Fall bestärkt. Darin, dass mein Beruf der richtige ist. Darin, mich für Inklusion einzusetzen. Darin, dass wir gut auf unseren Planeten aufpassen müssen, wenn man die so wunderschöne Atmosphäre sieht, eine sehr dünne Schicht, die uns vor dem absolut Schwarzen des Alls zu beschützen scheint.

Michaela Benthaus war Extremsportlerin, bis zu einem schrecklichen Sturz. Aber genau der hat der 33-Jährigen nun ihren Kindheitstraum ermöglicht: Sie fliegt ins All.

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