SZ 18.01.2026
12:33 Uhr

(+) Wellness in den Alpen: Eine Therme für 50 Millionen Euro


Infinity-Pool, Sportlerbecken und Saunalandschaft: Oberstdorf will mit seiner neuen Therme ein Ganzjahresangebot für Touristen schaffen – und reagiert damit auch auf den Klimawandel.

(+) Wellness in den Alpen: Eine Therme für 50 Millionen Euro
Blick auf die Alpen: Der Pool auf der Dachterrasse der neuen Therme Oberstdorf. (Foto: Florian Fuchs)

Wenn die Therme Oberstdorf am Montag eröffnet, ist es ratsam, sich mit einem Besuch zu beeilen. Wegen der fünf Saunen natürlich, dem Dampfbad, dem Infinity-Pool auf dem Dach und den vier Schwimmbecken im Erdgeschoss. Aber schon auch, weil es selten die Gelegenheit gibt, in Weihwasser zu planschen. Der katholische Pfarrer von Oberstdorf, Wolfgang Schnabel, hat es gut gemeint am Freitag, als er bei der Eröffnung der Therme für geladene Gäste den Neubau weihte: Das Chlorwasser im 25-Meter-Pool dürfte in nächster Zeit segensreiche Wirkung entfalten.

Rund 50 Millionen Euro hat die neue Therme in Oberstdorf gekostet, doppelt so viel als ursprünglich gedacht. Es ist die größte Investition, die der Ort je getätigt hat. „Eine Investition in die Zukunft“, sagt Bürgermeister Klaus King. Oberstdorf ist eine der tourismusstärksten Destinationen der Bundesrepublik, nur drei andere Orte in Bayern verzeichneten im Jahr 2024 mehr Übernachtungen als die südlichste Gemeinde Deutschlands. Die Therme soll für Oberstdorf leisten, was vergleichbare Tourismusziele im Allgäu und der Bodenseeregion wie Oberstaufen oder Lindau mit ihren Thermen ebenfalls bezwecken: Ein Ganzjahresangebot für Touristen schaffen, die so auch bei schlechtem Wetter etwas geboten bekommen.

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Den Herbst, den Frühling, aber vor allem den Wintertourismus, sagt Bürgermeister King, soll die Therme für Oberstdorf wieder in Schwung bringen. Der Winter ist in Zeiten des Klimawandels das Sorgenkind im Allgäuer Tourismus, selbst in einem ausgewiesenen Wintersportort wie Oberstdorf mit seinen hoch gelegenen Skigebieten, die im Vergleich zu kleineren, vorgelagerten Skigebieten immer noch schneesicher sind.

1971 baute Oberstdorf das erste Brandungsbad Deutschlands. Weil es nun arg in die Jahre gekommen war, musste die Therme her. Nicht ohne Diskussionen, unter anderem Naturschützer protestierten, es gab erheblichen Widerstand. Die Befürworter setzten sich durch, weil sie eine Therme für einen Touristenort wie Oberstdorf für unverzichtbar halten. Es gibt hier nur wenige Hotels, die selbst einen Pool und einen Spabereich haben, Oberstdorf ist geprägt durch Ferienwohnungen und kleine Beherbergungsbetriebe. Für diese Betriebe, sagt Petra Genster, die stellvertretende Tourismusdirektorin, sei es wichtig, dass sie für ihre Gäste mit der Therme nun auch wieder ein Wellnessangebot vorhalten können.

„Thermen“, sagt auch Stefan Egenter, Geschäftsführer der Tourismusvereinigung Allgäu GmbH, „sind eine strategische Investition“. Durch eine Therme werde der Tourismus wetterunabhängiger. Dass das Konzept funktioniert, sieht man in Lindau: Vor dem Bau der erst wenige Jahre alten Therme dort gab es ebenfalls große Debatten, ob solch ein Wellnesstempel nötig sei, direkt am Bodensee. In einem Ratsbegehren votierten die Einwohner deutlich für einen Neubau. Heute ist die Therme so gut besucht, dass man Tickets besser voraus bucht – wer spontan plant, geht oft leer aus und kann nicht mehr hinein.

Insofern, argumentiert Egenter, rechneten sich auch die Kosten von 50 Millionen Euro. „Man muss es ganzheitlich betrachten: Wenn der Tourismus läuft, profitieren auch die Zulieferer, die Bäcker, die Brauer, viele andere Betriebe.“ Die Therme sei ein wichtiger Standortfaktor, auch für die Lebensqualität der Einheimischen und damit für Arbeitskräfte, die es in den Ort zu locken gilt.

Die Kostensteigerung begründet Bürgermeister King mit den herausfordernden vergangenen Jahren: Coronakrise, Energiekrise, Materialengpässe – von einem gewissen Punkt an habe es geheißen: „Geradeaus und durch.“ Wobei King auch betont, dass die Baupreissteigerungen vergleichbar seien mit all den anderen Großprojekten im Land. Und er hofft, dass den knapp zwölf Millionen Euro Förderung vom Freistaat vielleicht noch die eine oder andere Nachzahlung folgt.

Wobei die Therme nicht direkt vom Markt, sondern von den Kurbetrieben Oberstdorf gebaut wurde, ein Eigenbetrieb der Gemeinde. Finanziert werden Neubau und Betrieb auch aus Kurbeiträgen, die Oberstdorf dafür um 90 Cent erhöht hat. Also nicht aus den Steuergeldern der Einheimischen, das ist King wichtig zu betonen. Weil die Gemeinde den Oberstdorfern aufgrund von EU-Regularien keine verbilligten Tickets anbieten darf, gibt es 400-Euro-Wertmarken, die 20 Prozent rabattiert und übertragbar sind. So kommen Einheimische über einen Umweg doch günstiger in die Therme, in der auch Schulunterricht und Vereinssport stattfinden sollen.

Mehr als 5000 Quadratmeter groß ist die neue Therme, die zwölf Stunden täglich bis zu 1400 Gäste besuchen können. Seit 2018 hat sich der Marktgemeinderat in 150 Tagesordnungspunkten mit dem Neubau beschäftigt, 78 Einzelgewerke waren am Bau beteiligt. 180 Firmen haben unter anderem 5600 Kubikmeter Beton verbaut und 856 Tonnen Stahl. 580 Kubikmeter Wasser fassen alle Becken der Therme zusammen. Für seine persönliche Statistik, scherzte Projekt- und Betriebsleiter Max Feldengut, habe er während der Bauzeit auch etwa „100 000 verlorene Haare“ gezählt.

Die unzähligen Stunden für die Bemusterung haben sich jedenfalls gelohnt. Außen am Gebäude ist viel Holz und Glas zu sehen, die Farben innen sind gedeckt. Die grauen Fliesen etwa sollen die Bergwelt widerspiegeln, die vom Warmwasser-Infinity-Pool und den Saunen. Erde für die Kulinarik im Restaurant, Feuer für die Sauna, Wasser für die Therme, Luft für Wellnessangebote – die vier Elemente sollten die Leitlinien bilden beim Konzept der Therme. Wie gut sich Luft, Feuer und Wasser vereinbaren lassen, hat am Freitag Architekt Tobias Laipple von Auer Weber Architekten Stuttgart verraten. Sein Lieblingsort ist die Dusche auf der Dachterrasse, wo er bereits bei Außentemperaturen von zweistelligen Minusgraden schön warm geduscht hat.

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