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08.02.2026
15:51 Uhr
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Will Lewis verlässt die Zeitung von Jeff Bezos, nachdem dort einem Drittel der Belegschaft gekündigt worden war. Die Glaubwürdigkeit der Zeitung ist weiterhin in Gefahr.

War zwei Jahre bei der „Washington Post“: Will Lewis. (Foto: Matt McClain/The Washington Post via AP)
Erst kam der Kahlschlag, dann der Rücktritt. Vergangene Woche verkündete der Chefredakteur der Washington Post, dass über 300 der 800 Journalisten der Zeitung gekündigt werden. Am Samstag kam dann die Nachricht, dass der Verleger und Geschäftsführer Will Lewis zurücktrete. Seinen Job soll bis auf Weiteres der bisherige Finanzchef Jeff D’Onofrio übernehmen.
Eine E-Mail, mit der Lewis seinen Ausstieg verkündete, blieb im nebulösen Geschäftston: Es sei „der richtige Zeitpunkt, um die nachhaltige Zukunft der Post zu sichern“. Er bedankte sich bei Jeff Bezos für die Unterstützung, die Institution der Post könne „keinen besseren Besitzer haben“.
Bei der Verkündung des massiven Personalabbaus am vergangenen Mittwoch waren weder Lewis noch Bezos anwesend. Die Einschnitte in die Auslands- und Lokalberichterstattung, die Dezimierung von Auslandsbüros in der Ukraine, dem Nahen Osten und Berlin sowie der Fotoredaktion gelten als schwere Verluste der journalistischen Glaubwürdigkeit der Zeitung. Dass Sport- und Literaturredaktion ganz geschlossen werden sollen, sehen viele als Gefahr für die traditionelle Struktur einer Tageszeitung.
Mit dem Briten Will Lewis hatte Jeff Bezos im Juni 2025 einen der erfolgreichsten Medienmanager im angelsächsischen Raum engagiert. Als Chefredakteur des The Daily Telegraph hatte er das Team geleitet, das den Spesenskandal im britischen Unterhaus aufgedeckt hatte, was 2009 dazu führte, dass sechs Abgeordnete gehen mussten. 2014 wurde er zum Geschäftsführer bei Dow Jones and Company und damit auch des Wall Street Journal berufen. 2021 gründete er die Organisation News Movement, die gegen Desinformation in den digitalen Medien vorgeht. Seit Januar 2024 leitete er dann die Geschäfte der Washington Post.
Seine Zeit dort war von Anfang an schwierig. Umstrukturierungen kamen nicht in Gang, die Zahlen wurden sogar noch schlechter. Nach Verlusten von 77 Millionen US-Dollar im Jahr 2023 stieg das Minus in Lewis‘ erstem Jahr auf 100 Millionen. Im Herbst 2024 verlor die Zeitung dann auch noch mehr als 250 000 Leserinnen und Leser. Auf Drängen von Jeff Bezos hatte sie ihre in den USA übliche Unterstützung einer Seite in den Präsidentschaftswahlen zurückgezogen. Eigentlich wollte die Post Kamala Harris von den Demokraten empfehlen. Dass der Text dann nicht erschien, war das erste Zeichen, dass sich Jeff Bezos mit dem zukünftigen Präsidenten arrangieren wollte.
Für Bezos ist die Washington Post nur ein winziger Posten in seinem Firmenportfolio. Sie macht zwar trotz der Verluste immer noch um die 500 Millionen Jahresumsatz. Doch bei Amazon lag der vergangenes Jahr bei über 700 Milliarden Dollar, selbst Bezos‘ Weltraumagentur Blue Origin macht doppelt so viel Umsatz wie die Post. Für all diese Firmen sind gute Beziehungen zum Weißen Haus entscheidend. Die Deregulierung von künstlicher Intelligenz, der wirtschaftliche Kampf gegen Europa und die Freiheit der Fusionen sind da sehr viel wichtiger als eine Tageszeitung. Vor allem, wenn die nach wie vor hartnäckig über für den Präsidenten unliebsame Themen berichtet, wie Donald Trumps Rolle beim Sturm auf das Kapitol und seine Verstrickungen in den Epstein-Skandal.
Dass Will Lewis nun zurückgetreten ist, sieht die Gewerkschaft der Washington Post als gutes Zeichen. Die Frage ist allerdings, ob jemand, der oder die ihm nachfolgt, die Kahlschläge und inhaltlichen Übergriffe wieder einbremsen kann.
Die Zeitung aus der US-Hauptstadt war lange ein Flaggschiff des amerikanischen Journalismus. Mit dem Milliardär kam die Zensur. Nun folgt ein Kahlschlag: Mehr als jeder dritte Journalist wird entlassen.
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