SZ 09.12.2025
11:22 Uhr

(+) Volksmusik: Holleri du dödel di


Das Schweizer Jodeln soll Weltkulturerbe werden – und so aus seiner angestaubten Nische geholt werden. Aber hat es das überhaupt nötig?

(+) Volksmusik: Holleri du dödel di
Es klingt so schön helvetisch: Senner jodeln beim Alpaufzug. (Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone/dpa)

Das Schweizer Jodeln könnte Weltkulturerbe werden, und das kann man zunächst mal witzig finden. Weil das Jodeln spätestens seit 1978 viele Menschen zum Lachen bringt: Damals wurde Loriots „Jodelschule“ das erste Mal gesendet, in der Frau Hoppenstedt ihr Jodeldiplom machen will. Holleri du dödel di.

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Als ernst zu nehmende Kulturtechnik hat das Jodeln aber einen schweren Stand, sogar in der Schweiz, wo es in Sachen Identitätsstiftung zwar irgendwo zwischen Käse, Schokolade und Standseilbahn einzuordnen ist, im Alltag aber keine ganz so große Rolle mehr spielt. Zuletzt keimte jedoch Hoffnung: An der Hochschule Luzern kann man inzwischen tatsächlich ein Jodeldiplom machen. Genauer: Einen Abschluss in Musikpädagogik mit Schwerpunkt Jodeln. Eine Absolventin berichtete vergangenes Jahr, sie unterrichte nun an Musikschulen und gebe Jodel-Workshops: „Jodeln im Einklang mit der Walliser Bergwelt oder Kurse mit der Kombination von Yoga und Jodeln dürfen auch nicht fehlen.“ Längst gibt es außerdem Phänomene wie feministische Jodelgruppen mit entsprechend umgedichteten Texten, zum Beispiel „Echo vom Eierstock“ aus Nidwalden.

Als musikalische Form ist der Gesang jedoch absolut ernst zu nehmen. Das Schweizer Bundesamt für Kultur schreibt: „Die Jodelliedliteratur weist eine große Vielfalt an klanglich, inhaltlich, stilistisch, harmonisch und rhythmisch variierenden Kompositionen auf.“ Grundsätzlich unterscheide man das Naturjodeln vom Jodellied. „Naturjodel sind textlose Melodien, welche von Region zu Region unterschiedlich klingen. Jodellieder sind Strophenlieder mit einem gejodelten Refrain.“

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Die trällern im eidgenössischen Jodlerverband 12 000 aktive Mitglieder, dazu kommen „freie Jodlergruppen“ und sogenannte Wildjodler, die mit Elementen aus Jazz, Rock und Rap experimentieren. Nur: Gerade der Verband schätzt den Stand des Jodelns in der Eidgenossenschaft wenig euphorisch ein: „Spricht man im Radio von ‚Schweizer Musik‘, so ist damit meistens der Mundartrock oder der volkstümliche Schlager gemeint“, steht auf der Homepage des Verbands. Volksmusik und damit auch Jodeln würden in den Medien abseits von Nischen kaum eine Rolle spielen. Auch an den Schulen sieht man Nachholbedarf. Alle Kinder sollten einmal mit Jodeln in Berührung kommen. „Dies wiederum ruft nach der Notwendigkeit, dass dieses Thema auch in die Ausbildung der Lehrpersonen einfließen soll.“ Unklar, wie die Mehrheit der Lehrer und Schüler dazu steht.

Der erhoffte Titel des immateriellen Unesco-Weltkulturerbes soll nun helfen, das Jodeln endlich in seiner ganzen (Klang-)breite anzuerkennen und nicht nur als völkisch angestaubtes Alpen-Kuriosum abzutun. Wichtig sei, dass der Antrag sich dezidiert auf Schweizer Jodeln bezieht, das betont Barbara Betschart, Leiterin des Zentrums für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik. Das Schweizer Jodeln sei etwas Einzigartiges, erklärt sie im Gespräch mit der dpa: „Nach der reinen Lehre wird nur auf den Vokalen O und U sowie allenfalls Ü gejodelt.“ Der Schweizer Naturjodel sei meist viel getragener als das vor allem aus Österreich bekannte fetzig-fröhliche Jodeln oder das bayerische. Doch wenn die bis Samstag erwartete Entscheidung der Unesco positiv ausfällt, wird es wohl auch von den Schweizer Bergen euphorisch tönen.

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