SZ 07.01.2026
14:46 Uhr

(+) Vierschanzentournee-Sieger: Familie Prevc ist in Slowenien ein Nationalheiligtum


Zwei Brüder, die beide die Tournee gewannen, das gab es noch nie: Der diesjährige Sieger Domen Prevc verdankt seinen Erfolg auch der Vorarbeit von Peter Prevc – sie sind in ihrer Familie nicht die einzigen hochbegabten Sportler.

(+) Vierschanzentournee-Sieger: Familie Prevc ist in Slowenien ein Nationalheiligtum

Domen Prevc kam am Dreikönigstag gegen 19.45 Uhr ins Besucherzentrum „Erz der Alpen“, das direkt neben der Paul-Außerleitner-Schanze liegt und während des Vierschanzentournee-Finales als Pressezentrum diente. Beifall brandete auf. Prevc, der Sieger, beige Boots, nahm sich eine Dose Zitronenlimonade, eine Flasche Wasser, dann ging der 26-Jährige nach vorn und setzte sich aufs Podium. Die dunkle Mütze, die Jacke, all das legte er nicht ab, die Sponsoren sollen sichtbar bleiben. Zugleich war die Temperatur draußen an diesem Abend auch langsam Richtung Tiefkühlfach unterwegs, an die 15 Grad minus. Prevc testete das Mikrofon, dann sagte er: „Man fühlt große Freude, es waren harte Jahre, jetzt halte ich den goldenen Adler in den Händen.“

Die Springen in Oberstdorf und Garmisch gewann er, in Innsbruck wurde er um den Hauch von 0,5 Punkten Zweiter, beim Finale 50 Kilometer südlich von Salzburg wieder Zweiter. Einen klareren Beweis, dass ein Springer den Tournee-Gesamtsieg verdient hat, gibt es kaum.

Zehn Jahre nach seinem Bruder Peter gewinnt Domen Prevc die Vierschanzentournee. Dabei bewegt sich der Slowene in Bestleistungen, von denen die deutschen Skispringer nur träumen können.

Nicht nur das: Prevc hat mit seinem zweiten Platz von Bischofshofen, hinter Vorjahressieger Daniel Tschofenig aus Österreich, der ihm persönlich die Trophäe überreichte, auch ein kleines Kapitel Skisprung-Geschichte geschrieben. Zu seinen ersten Gratulanten gehörte sein Bruder Peter, 33, der live an der Schanze dabei war, und der vor exakt zehn Jahren die Tournee gewonnen hatte. Zwei Brüder, die diesen Erfolg teilen, das gab es noch nie. „Ich habe damals erlebt, wie viel Hingabe und Arbeit er in diesen Tourneesieg gesteckt hat“, sagte Domen Prevc, nachdem er sich auch mit Peter vor die Kameraobjektive der Fotografen gestellt hatte: „Ich habe ihn dafür immer bewundert. Damals habe ich gelernt, dass man seine Hauptziele erreichen kann, wenn man nur hart genug arbeitet.“

Ihre Schwester Nika, 20, die Doppel-Weltmeisterin, die Stunden zuvor einen Katzensprung entfernt den Weltcup in Villach gewonnen hatte, sagte noch vor dem Wettkampf: „Ich habe ihm eine kurze Nachricht geschrieben, er hat ein paar Witze gemacht. Ich wünsche ihm alles Gute.“ Die Wünsche gingen in Erfüllung, und nicht nur Prevc war glücklich, auch die 4000 slowenischen Skisprung-Enthusiasten unter den 12 500 Zuschauern waren beseelt.

Die Familie Prevc ist in Slowenien inzwischen eine Art Nationalheiligtum, ihre Geschichte wurde rund um die Vierschanzentournee immer wieder erzählt. Wie Domen Prevc als mittleres von fünf Kindern im kleinen Dorf Dolenja Vas in der Nähe von Kranj aufwuchs, als Sohn des Möbelhausbesitzers und Sprungrichters Bozidar Prevc und seiner Frau Julijana, einer Bibliothekarin. Wie der Älteste, Peter, das Skispringen für sich entdeckte und alle anderen mitzog, Cene, Domen, Nika. Nur Ema, die jüngste, nicht – sie macht Ballett. Wie die Eltern die Kinder ständig zum Training zu den Schanzen fuhren. Wie Peter 2016 die Tournee, den Gesamtweltcup und die Skiflug-WM gewann. Spätestens da waren die drei jüngeren Geschwister infiziert vom Skisprung-Fieber.

Cene, 29, hatte nach Olympiasilber mit der slowenischen Mannschaft (und mit Bruder Peter) genug, er hat zusammen mit seiner Frau eine Konditorei aufgebaut und tourt als Stand-up-Comedian durch Slowenien. Peter arbeitet inzwischen wieder beim slowenischen Skisprung-Verband.

Und Domen hat nun mit harter Arbeit, Ehrgeiz und einem völlig neuen Fokus auf sein Flugsystem das vielleicht größte Ziel eines Skispringers erreicht. Springen bei Olympischen Spielen sind singuläre Wettkämpfe, bei denen alles passieren kann. Doch über vier in enger Taktung aufeinanderfolgende Wettbewerbe jene Konstanz zu zeigen, die einen vor allen Konkurrenten landen lässt, ist außergewöhnlich.

Erst vor einem Jahr hatte Prevc, der „viele dunkle Jahre“ hinter sich hatte, wie er selbst sagte, sein Gefühl für die Luft wieder gefunden. In Innsbruck, bei der Vierschanzentournee. Er verfeinerte seinen starken Absprung, der geschmeidige Übergang in den Flug, das parallele Anstellen der Ski und das Austarieren mit den Sprunggelenken in den locker geschnürten Schuhen zählt ohnehin zu seinen größten Stärken. Danach wurde er Doppelweltmeister und verbesserte den Skiflug-Weltrekord auf 254,5 Meter. Keine Frage, wer bei der Skiflug-WM in Oberstdorf Ende Januar Topfavorit ist.

Ob er ein anderer Mensch geworden sei in all den Krisenjahren, die ihn begleiteten? „Domen ist immer noch Domen, aber er ist seither zehn Jahre erwachsener geworden“, sagte Prevc in Bischofshofen in dritter Person über sich selbst: „Es ist wie bei jedem anderen, entweder man entwickelt sich in all den Jahren weiter oder man bleibt am selben Ort, auf demselben Level stehen.“

Nächste Frage: Ob er es bereue, nicht den sogenannten Grand Slam geschafft zu haben? Also Siege bei allen vier Springen in Serie, die bislang nur Sven Hannawald (2002), Kamil Stoch (2018) und Ryoyu Kobayashi (2019) geglückt waren. „Nein, ich bedaure das nicht, wenn ich ehrlich bin“, sagte Prevc: „Das gibt mir neue Motivation für die nächsten Jahre.“ Letzte Frage: Ob er sich als Favorit für die Skiflug-WM und die Olympischen Winterspiele sehe? „Ich möchte mich selbst nicht als Favorit bezeichnen, das ist eine eher egoistische Denkweise. Ich bleibe bescheiden und mit beiden Füßen auf dem Boden.“

All diese Antworten spiegeln Prevc‘ zurückhaltendes, dem grellen Scheinwerferlicht nicht sonderlich zugewandtes Naturell. Und auch dies: Er wolle sich eine schöne Uhr kaufen von dem Preisgeld, das er erhalten hat. Es sind immerhin 100 000 Euro.

Bundestrainer Stefan Horngacher spricht über die schwierige Aufgabe, die deutschen Skispringer nach der Vierschanzentournee aufzurichten, den richtigen Umgang mit Frust – und das Talent seines Sohnes.

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