SZ 19.02.2026
16:13 Uhr

(+) Verwandtenaffäre: Sportfreunde im AfD-Büro – auf Kosten der Steuerzahler


Ein AfD-Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt hat seine halbe Familie bei der AfD untergebracht. Er selbst hat vier Spieler seines Fußballvereins im Abgeordnetenbüro angestellt.

(+) Verwandtenaffäre: Sportfreunde im AfD-Büro – auf Kosten der Steuerzahler
Im Mittelpunkt der sogenannten Verwandtenaffäre: Der sachsen-anhaltinische Landtagsabgeordnete Tobias Rausch; drei seiner Geschwister sind bei einer AfD-Bundestagsabgeordneten angestellt. (Foto: IMAGO/Jan Huebner)

Normalerweise interessiert sich über die Region hinaus kaum jemand für Fußballvereine, die in der Landesliga spielen. Was den SV 09 Staßfurt aus Sachsen-Anhalt betrifft, ist das seit dieser Woche anders. Den dürfte nun auch die AfD-Spitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla kennen. Von Interesse ist dabei nicht die sportliche Leistung der Freizeitkicker in der siebthöchsten Spielklasse. Der Verein steht vielmehr im Mittelpunkt einer weiteren Wendung der sogenannten Verwandtenaffäre, die die in weiten Teilen rechtsextreme AfD erschüttert.

In der Affäre geht es um ein System der wechselseitigen Beschäftigung von Verwandten unter Landtags- und Bundestagsabgeordneten, das in Sachsen-Anhalt seinen Anfang nahm. Nun steht der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion, Tobias Rausch, ein weiteres Mal im Zentrum. Bekannt ist bislang, dass drei seiner Geschwister bei einer AfD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt angestellt sind, dass sein Schwager ebenfalls bei einem AfD-Bundestagsabgeordneten arbeitet und dass seine Frau einen Job bei der Landtagsfraktion hat.

Der 35-jährige Rausch ist aber nicht nur Politiker und Immobilienunternehmer, sondern seit Anfang 2025 auch Vorstandsvorsitzender des SV 09 Staßfurt, dessen Herrenmannschaft in der Landesliga Nord spielt. Vier Fußballer dieser Mannschaft sollen in Rauschs Abgeordnetenbüro angeheuert haben, einer der vier ist zugleich Abteilungsleiter des Vereins. Das geht aus Arbeitsverträgen hervor, die der Süddeutschen Zeitung in Auszügen vorliegen. Laut diesen Verträgen hat Rausch zum 1. Mai 2025 drei Spieler bei sich angestellt, per Minijob, für 250 Euro im Monat. Ein weiterer bekommt demnach 300 Euro, wann genau er im vergangenen Jahr angestellt wurde, lässt sich nicht sagen, weil das Datum im Dokument unleserlich ausgebessert wurde.

Festgehalten ist in den Verträgen auch, in welchem Umfang die Fußballspieler für Rausch tätig sein sollen: vier Wochenstunden, zur Unterstützung der parlamentarischen Arbeit. Maximal 5490,47 Euro pro Monat kann ein Landtagsabgeordneter für die Beschäftigung von Mitarbeitern geltend machen; wie viele angestellt werden dürfen, ist nicht vorgeschrieben. Auffällig in Sachsen-Anhalt ist aber: Keine Fraktion beschäftigt so viele Mitarbeiter wie die AfD, im Durchschnitt sieben pro Abgeordnetem.

Wieso braucht der AfD-Abgeordnete Rausch plötzlich vier neue Mitarbeiter, warum ausgerechnet die Fußballer seines Vereins, und was haben sie für ihn gemacht? Eine Anfrage der SZ lässt Rausch zunächst unbeantwortet. Als man ihn am Donnerstag telefonisch erreicht, will er nichts Genaues zu den Anstellungsverhältnissen sagen. Er dementiert die Vorgänge aber nicht und bittet darum, die Fragen noch einmal zu schicken. Eine Antwort kommt bis Donnerstagnachmittag nicht.

Anruf bei einem der stellvertretenden Vorsitzenden des SV 09 Staßfurt: Er habe vor einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung nichts von den Minijobs der Spieler gewusst, sagt er, das sei nur die Sache von Rausch. Wer beim SV 09 Staßfurt spielt oder sich ehrenamtlich engagiert, macht das gewöhnlich nicht für Geld, das wird in dem Telefonat deutlich. Spieler bekämen höchstens mal eine Siegprämie von 20 oder 30 Euro, sagt der Vizevorsitzende, Trainer 50 Euro im Monat Aufwandsentschädigung. Da könnten 250 Euro vom Landtagsabgeordneten natürlich ein willkommener Bonus sein. Hat Rausch eine kreative Querfinanzierung für seinen Sportverein gefunden? Eine SZ-Anfrage beantwortet der Verein nicht, die im AfD-Büro jobbenden Spieler selbst waren nicht zu erreichen.

Für die Beschäftigung von Rauschs Ehefrau in der Fraktion gibt es rhetorische Rückendeckung aus der Landesspitze. Fraktionschef Oliver Kirchner polterte in einem Video, Rauschs Frau habe als Auszubildende bei der Fraktion angefangen und sei schon angestellt gewesen, bevor sie mit dem Abgeordneten liiert war. Was er dabei unerwähnt ließ: Schon bei ihrer Anstellung 2017 gab es den Vorwurf der Vetternwirtschaft. Er richtete sich an ihren damaligen Lebensgefährten. Der war zu der Zeit AfD-Landtagsabgeordneter und Parteichef.

Die Beschäftigung von Familienangehörigen in Abgeordnetenbüros von Parteifreunden ist weder im Bundestag noch in Sachsen-Anhalt grundsätzlich illegal. Aber die Sache bringt die selbsternannte Anti-Filz-Partei AfD im Wahljahr immer tiefer in Erklärungsnot. Auch weil keine Strategie zu erkennen ist, wie die Partei mit der Affäre umgehen will. Ulrich Siegmund zum Beispiel, Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist, postete ein Video, in dem er die Affäre als aufgebauscht herunterspielte. Sein Vater ist selbst auf Steuerzahlerkosten bei einem Bundestagsabgeordneten angestellt. Skandalös sei vielmehr, so Siegmund, dass Interna durch einen „mutmaßlichen V-Mann“ an die Presse gegeben worden seien. Damit meint er den ehemaligen Generalsekretär des Landesverbandes, Jan Wenzel Schmidt.

Schmidt soll aus der Partei ausgeschlossen werden, Ende Dezember erhob er schwere Vorwürfe gegen den kompletten Landesvorstand und drohte damit, Belege zu veröffentlichen. Damit begann die Affäre. Doch auch gegen Schmidt gibt es Vorwürfe, er soll sein Bundestagsmandat genutzt haben, um private Geschäfte mit Diamanten in China aufzubauen. Zudem wird ihm Scheinbeschäftigung von Mitarbeitern vorgeworfen, er selbst bestreitet das. Den Vorwurf, er sei ein V-Mann, weist er zurück: „Es ist ein billiges Ablenkungsmanöver, um mich bei unseren Anhängern zu verunglimpfen“, sagt er der SZ.

Andere in der Partei gehen vorsichtshalber schon mal auf Abstand zu Siegmund. Etwa der Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Er selbst hätte auch jemanden aus seiner Umgebung im Bereich Social Media einstellen können, sagte Leif Erik Holm am Mittwoch im Podcast von Politico, habe das aber nicht gemacht. Bei dem Thema müsse man die öffentliche Wirkung mitbedenken.

Die Vorsitzenden Weidel und Chrupalla vermeiden indes bisher, sich öffentlich einzumischen. Der Bundesvorstand schloss sich jedoch am Montag dem Ausschlussverfahren gegen Jan Wenzel Schmidt „aufgrund dessen schwer parteischädigenden Verhaltens“ einstimmig an. Und er begrüßte „die Einsetzung einer Verhaltenskommission durch den AfD-Landesvorstand Sachsen-Anhalt“, zudem lasse man geltende Regelungen hinsichtlich der Anstellung von Familienangehörigen vergleichen. Heißt so viel wie: Der Ball liegt in Magdeburg.

Doch der Aufklärungseifer des dortigen Landesvorstandes scheint überschaubar zu sein. Landeschef Martin Reichardt kündigte zwar vergangene Woche an, eine „Transparenzkommission“ einzusetzen. Die soll „aktuelle Arbeitsverhältnisse prüfen, Verhaltensrichtlinien für die Zukunft erstellen sowie Reformvorschläge für das Abgeordnetengesetz erarbeiten“. Ziel sei es, die gesetzliche Lage nachzuschärfen, aber erst „nach einer Regierungsübernahme“. Auch Reichardts Ehefrau und Tochter waren zeitweise bei Schmidt beschäftigt. Reichardts Frau hatte einen Arbeitsvertrag über zehn Wochenstunden in dessen Wahlkreisbüro, 800 Euro zahlte die Bundestagsverwaltung dafür monatlich, wie aus einem Arbeitsvertrag hervorgeht, der der SZ vorliegt.

In der Landespartei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, wächst indes der Unmut. Seit Tagen zirkuliert ein Antrag, der einen Sonderparteitag der Mitglieder noch im März fordert. „Beschäftigungsverhältnisse und Abhängigkeiten haben ein Ausmaß erreicht, das weder der Basis noch den Wählern zu vermitteln ist“, heißt es darin. „Der Landesvorstand ist momentan nicht in der Lage, diese Krise allein zu lösen.“ Um einen Sonderparteitag einzuberufen, müssten dies allerdings mindestens vier Kreisverbände beantragen. Danach sieht es bisher nicht aus. Ein Kreisvorsitzender schreibt der SZ, der Antrag stamme von Leuten, die bisher nichts geworden seien und deshalb versuchten, „die funktionierenden Strukturen zu untergraben, um selbst in Machtpositionen zu gelangen“.

In der Geschichte der AfD finden sich zahlreiche Skandale. Die jetzige Affäre rund um den Vorwurf der Vetternwirtschaft aber ist anders – und könnte zum echten Problem für die Partei werden.

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