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28.12.2025
15:57 Uhr
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Vor Beginn der Gespräche in Florida mit US-Präsident Donald Trump versuchte der ukrainische Staatschef Selenskij, die Erwartungen zu dämpfen. Die russische Armee überzog die Ukraine am Wochenende mit Raketen- und Drohnenangriffen.

Die Erwartungen waren nicht hoch, bevor der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij am Sonntagabend US-Präsident Donald Trump in dessen Residenz Mar-a-Lago in Florida treffen sollte. Zwar hatte Selenskij am 23. Dezember einen angeblich mit Washington abgesprochenen 20-Punkte-Plan vorgestellt, wie der Krieg in der Ukraine zu beenden sei. Doch auch der ukrainische Präsident gab zu, dass die schwierigsten Fragen – etwa die eines ukrainischen Rückzugs aus noch von Kiew kontrollierten Gebieten in der Region Donezk oder die der Kontrolle über das Atomkraftwerk Saporischschja – noch offen seien. Ganz zu schweigen von einer Einigung mit Moskau.
Zwar stärkten die Europäer oder auch Kanadas Ministerpräsident Selenskij vor seinem Eintreffen in Florida den Rücken. Doch US-Präsident Trump machte klar, dass von einem finalisierten Plan keine Rede sein könne. Selenskij habe „nichts, bevor ich nicht zugestimmt habe“, so Trump im Onlinemedium Politico. Zwar gab sich der US-Präsident optimistisch, sowohl was das Treffen mit Selenskij als auch Gespräche mit Russlands Machthaber Wladimir Putin angehe. „Ich glaube, es wird gut mit ihm (Selenskij) laufen. Ich denke, es wird gut mit Putin laufen“, so Trump. Später teilte er mit, er habe noch vor dem Treffen mit Selenskij mit Putin telefoniert, das Gespräch sei „gut und sehr produktiv“ gewesen.
Tatsächlich aber besteht für Optimismus wenig Anlass. Russland machte nicht nur mit einem der größten Drohnen- und Raketenangriffe auf Kiew in der Nacht zum Samstag klar, dass es an Frieden wenig interessiert ist. Putin lauschte am Samstag auch in Uniform Vorträgen seines Generalstabschefs und anderer führender Generäle über den Gang des Kriegs und angebliche russische Erfolge in der Ukraine – und erhöhte weiter den Druck auf Kiew: „Unser Interesse an einem Abzug ukrainischer Streitkräfte aus den noch von ihnen kontrollierten Territorien geht faktisch gegen null.“ Denn wenn Kiew nicht zu einer friedlichen Lösung (zu Moskauer Bedingungen) bereit sei, „werden wir alle vor uns stehenden Aufgaben … auf bewaffnetem Wege lösen“.
Und in der Tat sind die Nachrichten von der Front alles andere als positiv aus Kiewer Sicht. Einziger Lichtblick der vergangenen Wochen war eine lokale Gegenoffensive, bei der ukrainische Einheiten entgegen Moskauer Angaben über eine Einnahme die wichtige Stadt Kupjansk weitgehend zurückeroberten, wie auch das Institut für Kriegsstudien (ISW) in Washington bestätigte.
Doch an anderen Stellen – etwa in Pokrowsk und der faktisch eingeschlossenen Schwesterstadt Myrnohrad – kamen die Russen dem ukrainischen Fachdienst Deep State zufolge ebenso voran wie bei der Stadt Hulaipole oder bei der Stadt Krasnij Liman nordöstlich der Festungsstadt Slowjansk in der Donezk-Region.
Und während die ukrainische Armee vor allem bei der Infanterie an massivem Personalmangel leidet, hat Russland sein Rekrutierungsziel von ursprünglich 343 000 Soldaten für 2025 nicht nur erreicht, sondern mit 403 000 Soldaten Anfang Dezember weit übertroffen, gab der ukrainische Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow in einem Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender Suspilne zu. Dies erreiche Moskau mit Bonuszahlungen von umgerechnet etwa 25 000 Dollar bei Vertragsunterzeichnung. Auch werbe Russland systematisch Ausländer an. Bereits im Oktober seien mehr als 18 000 Ausländer aus 128 Ländern in den Reihen der russischen Armee gewesen, so vom Kyiv Independent zitierte ukrainische Angaben. Für 2026 habe sich Moskau das Ziel gesetzt, 409 000 Soldaten zu rekrutieren, so Budanow.
Vor dem Treffen mit Trump ließ Selenskij einen möglichen Rückzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass offen, der indes durch ein Referendum gedeckt sein müsse. Allerdings sind einer Umfrage des Kiewer Instituts für Soziologie zufolge drei Viertel der Ukrainer gegen eine Aufgabe noch kontrollierter Gebiete.
Zudem steht Präsident Selenskij unter Druck. Nach dem jüngsten Skandal um Korruption in der Atomindustrie platzte jetzt die nächste Bombe: Das Nationale Anti-Korruptions-Büro (Nabu) soll am 27. Dezember den Parlamentarier und Vorsitzenden des Transportausschusses, Jurij Kisel, und weitere Parlamentarier offiziell des Verdachts der Bestechlichkeit beschuldigt und etwa auch das Hauptquartier der Präsidentenpartei Diener des Volkes durchsucht haben.
Dem Infodienst Serkalo Nedeli (SN) zufolge hat Nabu den Parlamentarier Kisel zwei Jahre lang in seinem Büro abgehört, wo es zu Geldübergaben gekommen sein soll. Der 2021 gestorbene Parlamentarier Anton Poljakow gab schon vor Jahren an, in der Präsidentenpartei würden Bestechungsgelder von 5000 Dollar an einfache Parlamentarier und 10- bis 15 000 Dollar an Ausschussvorsitzende oder deren Vizes gezahlt. Auch am neuen Skandal soll SN zufolge mit Serhij Schefir, einem Ex-Mitglied der Präsidialverwaltung, ein enger Freund von Präsident Selenskij beteiligt sein.
Die Ukraine braucht dringend viel Geld. EU und IWF würden helfen, doch Kiew erfüllt die Bedingungen nicht. Große Töpfe bleiben ungenutzt – zum Vorteil Russlands.
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