SZ 06.02.2026
16:45 Uhr

(+) Unter Bayern: Ein Traumhaus für 78 000 Euro


In einer Wochenendresidenz auf dem Land könnte man endlich sein kreatives Potenzial ausleben. Im Internet finden sich auch einige verlockende Objekte für Menschen ohne Geld und Furcht.

(+) Unter Bayern: Ein Traumhaus für 78 000 Euro
Mehr bräuchte es nicht zum Glück: Eine Almhütte am Funtensee, nur leider unverkäuflich. (Foto: Sebastian Beck)

Neid ist ein hässliches Gefühl, aber er keimt schon mal auf, wenn man im Oberland an den perfekt renovierten Zuhäusln vorbeiradelt, die allesamt von Münchnern besetzt gehalten werden. Zugegeben, man hätte gerne auch so was, dann würde man in der Stille der Klause vorm Kachelofen Sonette verfassen, einen Schlüsselroman schreiben, mit dem Aquarellieren beginnen und zwischendurch auf der Zither spielen. Einmal am Tag würde die Bäuerin herüberkommen und dem Herrn ein Glas kuhwarme Milch reichen.

Der Kombination aus Einfachheit und Landluft wohnt ein gewaltiges Schaffenspotenzial inne. Was wäre wohl aus Rainer Maria Rilke geworden, wenn er nicht Irschenhausen für sich entdeckt hätte? Franz Marc, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Heinrich Campendonk: Sie haben die Malerei in Sindelsdorf und Murnau revolutioniert – und eben nicht in München-Steinhausen.

Nur bekommt man südlich der Landeshauptstadt nicht einmal einen Schupfen für weniger als eine Million. Und selbst wenn man einen bekäme, müsste man dem Bauern notariell zusichern, dass man einen Milchpreis von zwei Euro pro Liter herbeischreibt oder wenigstens die Hauswand mit einer Lüftlmalerei von Michaela Kaniber schmückt.

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Als Nichtimmobilienbesitzer ohne Eigenkapital bleibt einem nichts anderes übrig, als „Häuser in Bayern unter 100 000 Euro“ in die Suchmaske einzutippen. Und tatsächlich wird in Tann ein Stadthaus zum Kauf angeboten – für gerade mal 78 000 Euro. Da kann man leicht schwach werden, Tann ist schließlich ein gar liebreizender Marktflecken im Rottaler Hügelland samt Geflügelzuchtverein und Wachsmarkt, auf dem einmal im Jahr sogar Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger eine Rede hält.

Leider steigt beim Betrachten des Inserats die Erinnerung an ein früheres Schnäppchen in Tann auf: ein Stadthaus mit gotischem Kern. Die Fotos zeigten damals einen gewaltigen Verhau im Hinterhof, in dem herausgerissene Balken herumlagen. Irgendjemand hatte mit ebenso großem wie ungerichtetem Eifer an dem Objekt herumgewerkelt, bis er sich die Finger absägte, durch die Decke brach, keinen Kredit mehr bekam oder sonst wie scheiterte. Auf dem Werktisch stand noch eine angebrochene Flasche Spezi, als gruslige Mahnung dafür, dass sich einer anscheinend übernommen hatte.

Man muss deshalb der Wahrheit ins Auge sehen: In diesem Leben wird es nichts mehr mit dem Häusl auf dem Lande. Der Schlüsselroman muss anderswo geschrieben werden.

Häuser wie Trutzburgen, Gärten voller Kies, Zäune aus Metall: Die Neubaugebiete brechen mit allen überkommenen Strukturen auf dem Dorf. Der Architekturprofessor Wolfgang Rossbauer aus Siegenburg in der Hallertau hat dafür Erklärungen parat.