SZ 04.09.2026
15:32 Uhr

(+) Unruhe im Amateurfußball: Streit um Millionen Mitgliederdaten im „Digitalen Vereinsheim“


Amateurfußballer als mögliche Werbezielgruppe, eine stockende Regionalligareform und eine kritisch beäugte Spitzenpersonalie: Zwischen DFB-Präsident Neuendorf und der Fußball-Basis häufen sich die Konfliktthemen.

(+) Unruhe im Amateurfußball: Streit um Millionen Mitgliederdaten im „Digitalen Vereinsheim“
DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Rande des DFB-Pokal-Finales.
Foto: Andreas Gora/dpa

„Wochenende des Amateurfußballs“, so haben die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes die Veranstaltung genannt, zu der sie dieser Tage auf ihren Frankfurter Campus laden. Der Verband möchte seiner Basis mit einem bunten Programm vorführen, wie wichtig sie ihm ist. Doch für die Frage, wie es wirklich um den DFB und sein Verhältnis zum Amateurfußball steht, ist der Nachklapp dieses Events viel erhellender: Zu Beginn der nächsten Woche kommen ebenfalls in Frankfurt die Präsidenten der 21 Landesverbände zusammen – und dabei dürfte es hoch hergehen. Die Stimmung ist jedenfalls gereizt, wie sich schon bei Treffen in der vergangenen Woche dokumentierte.

In der politischen Statik des DFB ist einiges ins Rutschen geraten. Im Grunde war bisher das Amateurlager die Machtbasis für den Präsidenten Bernd Neuendorf, einen früheren SPD-Landespolitiker, den es in der großen Verbandskrise im März 2022 eher umständehalber an die DFB-Spitze gespült hat. Doch schon rund um den DFB-Bundestag im November war Unmut zu vernehmen gewesen. Auch wird in den Landesverbänden seit geraumer Zeit argwöhnisch verfolgt, wie eng sich Neuendorf an den Bundesliga-Boss und DFB-Vizepräsidenten Hans-Joachim Watzke hält, den obersten Interessenvertreter des Profifußballs. Und jetzt ziehen im Amateurlager gleich mehrere Themen zu einer gewaltigen Gewitterwolke zusammen.

Mehr als 25 Jahre gab es bei Länderspielen keine Stehplätze. Pünktlich zur Premiere von Bundestrainer Jürgen Klopp bietet der DFB sie wieder an.

Problemthema Nummer ein betrifft einen Bereich, in dem sich manche Landesverbände besonders renitent geben: die Millionen Fußballer in den deutschen Sportvereinen – und ihre Daten. Zum Verständnis hilft ein Blick auf die spezielle Struktur des deutschen Fußballs. Zwar heißt es gerne, der DFB habe mehr als acht Millionen Mitglieder. Aber das trifft streng genommen nicht zu. Der DFB hat 27 Mitglieder: die 21 Landesverbände, fünf Regionalverbände sowie die Bundesliga (bisher DFL) als Vertreterin des Profibetriebes. Besagte acht Millionen (gut ein Viertel davon aktive Spieler; darunter Mehrfachmitgliedschaften) werden in zigtausenden Vereinen in den jeweiligen Landesverbänden geführt – von rund 44 000 in Bremen bis zu rund 1,85 Millionen in Bayern. Das ist das Pfund, mit dem die Amateurbünde sportpolitisch hantieren können.

Jetzt aber forciert der DFB eine Plattform namens „Digitales Vereinsheim“, auf der möglichst viele, am besten alle der rund 24 000 Fußballklubs im Land mitmachen sollen. Darüber hinaus richtet sich das Angebot auch an Vereine anderer Sportarten. Es ist auf den ersten Blick ein Tool, das die Organisation des Vereinslebens vereinfachen soll, die oft mühsam und zeitfressend ist. Zugleich sollen dort Daten von möglichst vielen Vereinsmitgliedern gesammelt werden. Und eine solche Kontaktsammlung kann ein hohes Gut sein: vorneweg für Werbetreibende.

Die DFB-Spitze hätte gerne, dass die Landesverbände das neue Digitalprojekt unterstützen, insbesondere mit Blick auf die bei ihnen vorliegenden Daten. Aus dem Amateurlager wird sogar von einem finanziellen Lockangebot berichtet. Demnach sei ein Topf in Höhe von zwei Millionen Euro ausgelobt worden; für jeden Landesverband, der mitmacht, gebe es eine Fixsumme von 50 000 Euro – je nach Größe, Sammlerfleiß und anderen Faktoren auch noch mehr. Auf eine SZ-Anfrage, ob das zutrifft und ob der DFB ein solches Angebot gemacht hat sowie auf weitere Fragen zu der Thematik, teilt ein Sprecher in wohlgesetzten Worten mit: „Der DFB möchte auf eine Beantwortung Ihrer Fragen verzichten.“

Es ist offenbar ein heißes Thema. Tatsächlich soll bereits vor der Zusammenkunft in der nächsten Woche ein klares Signal angefordert worden sein, wie sich die Landesverbände positionieren. Was schon deshalb schwierig ist, weil bei vielen Fragen offen sind.

Die zentrale Frage liegt auf der Hand. Solche Datenmengen sind auch für Unternehmen interessant. Da könnte sich prima mit speziell zugeschnittener Werbung für aktiv Sporttreibende arbeiten lassen. Auf die Beantwortung der Frage, ob es geplant sei, dass der DFB seinen Sponsoring- oder anderen Partnern solche Daten zur Verfügung stellt (oder ob das ausgeschlossen sei), „verzichtet“ der Verband aber lieber.

Dabei rückt ein Sponsor besonders in den Fokus – und ins Zentrum des Konflikts um die Amateure: der neue Großausrüster Nike. Der krisengeplagte US-Konzern hatte im Frühjahr 2024 den langjährigen DFB-Partner Adidas mit einem Kampfpreis ausgestochen, der international große Verwunderung ausgelöst hat. Kolportierte 100 Millionen Euro – und damit doppelt so viel wie der bisherige deutsche Ausrüster – zahlen die Amerikaner pro Jahr; ab Januar 2027 gilt dieser Vertrag für die nächsten acht Jahre.

In Summe geht es also um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag, wobei es zweifelhaft ist, ob der einst so gefeierte, heute durchs fußballerische Niemandsland klappernde deutsche Fußball einen angemessenen Gegenwert bieten kann. Die Nike-Führung – bei Abschluss des Deals geleitet von John Donahoe, der nur Monate später wegen schlechter Zahlen seinen Job verlor – dürfte sich wohl etwas anderes vorgestellt haben, als eine Mannschaft auszurüsten, die bei der WM im Firmenland USA kläglich früh gescheitert ist. Spitzenabsätze mit Deutschland-Trikots sind aktuell nicht zu erwarten.

Schon deshalb liegt es nahe, auf andere Assets des DFB zu schielen; zuvorderst auf potenzielle neue Kunden in der Breite. Denn eines kann dem DFB kein Misserfolg nehmen: Kein Verband auf der Welt vertritt mehr Fußballer als er. Nike wiederum ist ein Unternehmen, dessen Verkaufsphilosophie stark am individuellen Sportler beziehungsweise Kunden orientiert ist, während Konkurrent Adidas viel stärker im Teambereich unterwegs ist.

Nun ergibt sich aber eine pikante Konstellation. Denn wie der DFB, so haben auch die Landesverbände ihrerseits eigene Ausrüstungspartner. Bei gleich 17 von ihnen, die zusammen mehr als sieben Millionen Mitglieder repräsentieren und zu denen die fünf mitgliederstärksten wie Bayern und Westfalen zählen, heißt dieser Partner: Adidas. Nike sponsert bisher nur den Berliner Landesverband, ab 2027 kommen Thüringen sowie Neuendorfs Heimatverband Mittelrhein hinzu.

Abseits von Nike und dem Datenstreit wächst das Unbehagen an der Basis aber auch bei anderen Themen. So spitzt sich der Ärger um die seit Jahren geplante, bisher aber stets gescheiterte Regionalligareform zu. Zur Erinnerung: Für alle Beteiligten ist es ein ewiges Ärgernis, dass aus den fünf Staffeln nicht alle fünf Meister aufsteigen können, sondern nur vier – und die Vertreter aus Bayern, Nord und Nordost im Wechsel Playoffs bestreiten müssen.

Neuendorf hatte das Thema an eine Arbeitsgruppe delegiert, die das sogenannte „Kompass-Modell“ gebar: Danach soll es nur noch vier Regionalligastaffeln geben, deren Zusammensetzung nicht mehr an konkrete Verbände gebunden ist, sondern sich von Jahr zu Jahr verändert. Bei den Spitzen der fünf Regionalligaträger stieß das Modell teils auf großen Widerstand; bei der Abstimmung fiel es durch. Verabredet war nämlich, dass die Vereine in allen fünf Regionen mehrheitlich dafür sein müssten. Tatsächlich war dies nur im Westen, Osten und Nordosten der Fall, Südwest und Bayern präferierten andere Lösungen. Jetzt heißt es, dass Neuendorfs DFB-Spitze das Kompass-Modell erneut auf den Tisch legen will – und es noch dieses Jahr zu einem außerordentlichen Bundestag kommen soll. Konfliktpotenzial ist auch hier garantiert.

Und dann ist da noch ein drittes Thema, das die Amateure auf hohe Drehzahl bringt: die Rolle ihres ersten Vizepräsidenten im DFB-Präsidium. Ronny Zimmermann, Chef des badischen Verbandes, operiert gerne eng an Neuendorfs Seite. Für Teile des Amateurlagers zu eng; viele sehen ihre Interessen zu schwach vertreten. Zimmermanns Vorgänger als oberster Amateur-Vize, der Bayer Rainer Koch, war aus vielerlei Gründen umstritten: Er zog die Strippen stets in seinem Sinne, aber er galt auch als einer, der sich effektiv für die Amateure einsetzte. Beim Juristen Zimmermann ist davon wenig zu merken. In einer internen Chatrunde hat ihn Bayerns Landeschef Christoph Kern sogar schon offen angezählt – und einen Tagesordnungspunkt mit dem vielsagenden Betreff „Interessenvertretung Amateurfußball“ angemahnt.

Zumindest eine starke Gruppe von Landesverbänden wäre Zimmermann gerne los. Es kursieren auch Namen von Interessierten für die Nachfolge. Zwar hat der DFB-Bundestag Zimmermann erst im November im Amt bestätigt. Allerdings bietet sich seinen Gegnern bald eine Gelegenheit. Am 17. Oktober ist in Augsburg der Verbandstag des süddeutschen Regionalverbandes angesetzt, dem Zimmermann ebenfalls vorsteht. Sollte dort jemand antreten, der ihn schlägt, wäre die Folge auch auf DFB-Ebene absehbar.

Ein Angriff von Hoeneß, Konter von Watzke – und ein bisher unbekannter Vertrag mit einer Agentur: Widersprüche rund um den langjährigen Klopp- und künftigen DFB-Berater Marc Kosicke belasten den Neustart der Nationalelf.

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