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11.01.2026
13:31 Uhr
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HSV-Trainer Merlin Polzin ist nach dem 1:2 in Freiburg wütend auf den VAR. Schiedsrichter Timo Gerach und sein Chef Knut Kircher verteidigen zwei umstrittene Entscheidungen.

Man kann über den Video Assistant Referee (VAR) denken, was man will. Unstrittig dürfte allerdings sein, dass seit dessen Einführung mindestens genauso oft wie zuvor über die Spielleitung statt über das Spiel an sich gesprochen wird. Überraschend ist das nicht, schließlich bringt der Einsatz des VAR die Erwartungshaltung mit sich, dass es nun gerechter zugehe im Fußball, weil falsche Schiedsrichterentscheidungen korrigiert werden können.
Bei der 1:2-Niederlage des HSV in Freiburg wurde diese Erwartungshaltung mal wieder enttäuscht. Und das ärgerte Hamburgs Trainer Merlin Polzin mit jeder TV-Einstellung mehr, die er nach dem Spiel zu Gesicht bekam. Den ersten Freiburger Treffer, einen von Vincenzo Grifo verwandelten Elfer, hatte Schiedsrichter Timo Gerach ermöglicht, weil er nach einem erst in der Zeitlupe zu sehenden Kontakt von Daniel Elfadlis Fuß mit Lucas Hölers Wade auf Strafstoß entschieden hatte. Dabei war der Freiburger Angreifer noch zwei Schritte weitergelaufen und hatte sich erst fallen lassen, nachdem er erkannt hatte, dass er den Ball nicht mehr erreichen würde. Mal wieder war eine Sentenz von Alt-SC-Trainer Christian Streich aktuell. Der hatte schon vor fünf Jahren festgestellt, dass „heute immer davon gesprochen wird, dass es einen Kontakt gab. Ich dachte aber immer, es müsse ein Foul geben“.
Ständig wird über ihn diskutiert, seine Arbeit kennen die wenigsten. Ein Gespräch mit Videoschiedsrichter Pascal Müller, der seit sechs Jahren fast jede Woche im Kölner Keller sitzt und sagt: Ein Fußball ohne VAR würde nicht mehr akzeptiert.
Einen noch größeren Aufreger boten derweil die Begleitumstände des Freiburger 2:1-Siegtreffers durch Igor Matanovic. Denn der fiel, nachdem Johan Manzambi den Hamburger Jordan Torunarigha mit dem Ellenbogen im Gesicht getroffen hatte. Dass keine Intervention erfolgte, fand nicht nur Polzin merkwürdig: „Der Ellenbogen ist im Gesicht des Spielers, wo er absolut nichts verloren hat. Da muss spätestens der Videoschiedsrichter eingreifen.“
Schiedsrichter Gerach allerdings verzichtete nach Rücksprache mit dem VAR darauf, sich die Szene noch mal anzuschauen. „Für mich ist das alles fußballtypisch. Ich habe keine Schlagbewegung wahrgenommen und sehe die auch in den Bildern nicht. Deshalb ging es für mich weiter“, sagte er. Weil am Abend Schiedsrichter-Chef Knut Kircher im ZDF-Sportstudio zu Gast war, wurde die Szene auch von der obersten Stelle diskutiert. Kircher wollte ebenfalls nicht von einem Fehler sprechen, sondern von einer „grenzwertigen Situation“. Die Frage sei: „Ist es eher ein Wegräumen – wie eine Art Stoßstange des Gegenspielers – oder ist es ein grenzwertig normaler, fußballtypisch robuster Einsatz?“
Die Hamburger Wahrnehmung, wonach das Urteil des Unparteiischen die Partie entschieden hat, war jedenfalls nachvollziehbar. Wobei der HSV auch seinen eigenen Beitrag leistete – und sich über 70 Minuten in einer Art 1-10-0-0-Taktik vor dem eigenen Strafraum einmummte. Dass der aus Southampton geliehene Stürmer Damion Downs im Freiburger Schneetreiben gleich sein Startelf-Debüt geben durfte, fiel erst in der 78. Minute mit dessen Auswechslung auf. Die Spielweise warf mal wieder die Frage auf, wie man ein Bundesliga-Auswärtsspiel gewinnen will, wenn die Offensivstrategie sich darin erschöpft, lange Bälle zu schlagen und zu hoffen, dass sich zwei Offensive schon irgendwie gegen vier, fünf Gegner durchsetzen werden. Zwei Auswärtspunkte hat der HSV bisher zustande gebracht. Wenn das Team in der Fremde weiter so agiert wie in Freiburg, dürften nicht mehr viele dazukommen.
Allerdings gab es auch auf Freiburger Seite außer dem Ergebnis wenig Grund zur Selbstzufriedenheit. Dass es schwer ist, gegen eine derart defensive Mannschaft wie den HSV spielerisch zu glänzen, sei zugestanden. Bedenklich ist allerdings, dass es Freiburg in mehr als 50 Minuten Überzahl – Elfadli hatte vor dem Elfmeter auch noch die gelb-rote Karte gesehen – nie gelang, in Überzahlsituationen zu kommen. Und das hat auch systemische Gründe.
Trainer Julian Schuster denkt grundsätzlich defensiv, auch am Samstag lobte er zu Recht, man habe „eine gute Spielkontrolle“ gehabt. Der Stabilität zuliebe lässt er deshalb auch zu Hause mit nur einem Stürmer spielen und wechselte beim Stand von 1:1 gegen zehn Hamburger den offensiven Vincenzo Grifo aus und in Patrick Osterhage einen defensiven Spieler ein. Auch wenn Manzambi dafür nach vorn rückte, blieb Yuito Suzuki so der einzige spielerische Lichtblick in einer Partie, in der sich der Freiburger Midtempo-Fußball dennoch verdient gegen den Hamburger Null-Tempo-Fußball durchsetzte.
Schuster muss es auch nicht kümmern, wie gut sich die Freiburger Fans bei den Heimspielen unterhalten fühlen. Schließlich ist sein Kontrollfußball ohne Frage erfolgreich. Die direkte Achtelfinal-Qualifikation für die Europa-League ist zum Greifen nahe, im DFB-Pokal steht der Sport-Club im Achtelfinale und trifft dort auf den Zweitligisten Hertha BSC. Und in der Liga liegt man nach zuletzt sieben Zählern aus drei Partien auf Platz acht. Alles bestens also im Breisgau, zumal die Fans dort ähnlich ticken wie der Trainer. Der Pulk an durchgefrorenen SC-Anhängern, der sich noch beim Einsteigen in die Straßenbahn über den „zähen Kick“ echauffierte, besang beim Aussteigen schon voller Vorfreude die möglichen Gegner in der kommenden Europapokal-Saison.
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