SZ 12.02.2026
15:01 Uhr

(+) Überraschung im Biathlon: „Wer ist diese Bulgarin?“


Die kaum bekannte Lora Hristova holt überraschend Olympiabronze – und muss sich Franziska Preuß erst vorstellen. Hinter dem historischen Erfolg steht der Felix Magath des Biathlons: Wolfgang Pichler.

(+) Überraschung im Biathlon: „Wer ist diese Bulgarin?“
Zweite olympische Medaille der bulgarischen Biathlon-Historie: Lora Hristova, 22, gewinnt in Antholz Bronze im Einzel der Frauen. (Foto: Matthew Childs/Reuters)

Olympische Spiele sollen Begegnungen fördern, und so war diese Szene am Mittwoch ein Moment im olympischen Geiste: Die deutsche Biathletin Franziska Preuß hatte soeben eine Medaille verpasst und betrat die Umkleidekabine, leicht zerknirscht und mit einem Fragezeichen im Gesicht. „Wer ist eigentlich diese Bulgarin?“, fragte Preuß in die Runde – also jene Frau, die gerade Bronze gewonnen hatte. Ehe sich eine 22 Jahre alte Athletin zu erkennen gab und sagte: „Das bin ich.“

Preuß selbst hat später geschildert, wie sie Lora Hristova kennenlernte, nach diesem olympischen Einzelrennen der Frauen. Lora wer? Das dürften sich viele der 18 000 Zuschauer gefragt haben, die am Mittwoch das Antholzer Biathlonstadion bevölkert hatten. Italienische und deutsche, französische und schwedische Fahnen wurden geschwenkt. Und dann stürmte eine junge Frau durch den Zielraum, die niemand auf dem Tippzettel hatte. Nun ja, fast niemand.

Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.

Da saß nun eine Frau auf dem Pressepodium und verschwand fast unter ihrer riesigen Wintermütze. Man mochte mehr als eine Spur Ehrfurcht erahnen, wie sie zur Französin Julia Simon hinübersah, die samt Goldmedaille neben ihr saß. Dass man ihren Namen erst einmal googeln müsse, „darüber bin ich nicht überrascht“, sagte Hristova dann: „Weil dies nun mal mein allererstes gutes Ergebnis ist, wenn ich das so sagen kann.“

Diese kurze Analyse war nicht ganz verkehrt, nimmt man die erste Liga des Biathlons als Maß, wo Hristova drei Winter lang in den hintersten Reihen der Rangliste zu finden gewesen war. Weit weg von den Besten oder auch nur von den Guten, das war ihre Konstante. 34 Pünktchen hatte sie in drei Saisons im Weltcup gesammelt. Da passte es, dass sie sich bei ihrem Olympiadebüt 2022 in Peking als 89. und Letzte über die Ziellinie schleppte. Und so spräche bei dieser zweiten olympischen Medaille in der bulgarischen Biathlonhistorie manches für einen zufälligen Glückstreffer der Lora Hristova. Es spricht aber noch mehr dafür, dass Zufall und Glück hier eine Nebenrolle spielten.

Zur Wahrheit im bulgarischen Wintermärchen gehört ein Hintermann dieses kleinen Biathlonteams, der öffentlich wenig in Erscheinung tritt: Wolfgang Pichler, 71 Jahre alt und wenn man so will der Felix Magath der Skijägerei, dessen Trainingsmethoden von Moskau bis Stockholm bewundert wie gefürchtet werden. Pichler betreut das bulgarische Team seit Juli 2024, offiziell als Berater. Oder, wie Hristova es ausdrückte: „Seit dem Anfang hat er mir das Gefühl von Vertrauen gegeben. Er war sehr inspirierend für uns alle.“ Pichler habe ihnen den Glauben vermittelt, „dass wir es schaffen können, bei diesen Olympischen Spielen gute Ergebnisse zu erzielen“. Aber gleich eine Medaille?

Der Mittwochabend ist fortgeschritten, das Stadion hat sich gelehrt. Und auch Wolfgang Pichler sitzt in einem Shuttlebus zurück ins Dorf, wo die jüngsten Ereignisse eventuell nach einem Fest verlangen. „Ja freilich“, sagt Pichler, „da werde ich schon ein paar Flaschen zahlen müssen.“ Wobei sich seine finanzielle Belastung angesichts der Teamgröße in Grenzen halten dürfe. Vier Athleten, drei Wachser, ein Schießtrainer, ein Physio, ein Generalsekretär, ein Arzt– und ein Wolfgang Pichler. „Wir haben keinen Wachstruck, kein nichts“, erzählt der Ruhpoldinger: „Und dann machst du hier eine Medaille.“ Selbst für ihn, der unzählige Athleten zu Welterfolgen coachte, sei das „schon ganz groß“.

Hristova hatte zuvor noch berichtet, dass sie „sehr viel Selbstvertrauen an der Startlinie verspürt“ habe. „Ich wusste, dass ich sehr viel Arbeit in mein Training gesteckt habe seit den letzten Spielen und ich mit den anderen starken Athleten da draußen mithalten kann.“ Was genau sie damit meinte, berichtet nun Wolfgang Pichler im Bus.

Fast schüchtern hat sie auf dem Pressepodium gewirkt. Zurückhaltend, aber bestimmt – so beschreibt Pichler sie jetzt. „Lora ist unsere Mutter Teresa, so ein Gutmensch. Wenn es Probleme gibt, mag sie immer vermitteln.“ Ihr „Schießtalent“ komme ihr sportlich entgegen, zudem attestiert Pichler Hristova eine auffällige Disziplin. Was ratsam sein dürfte im Team Pichler, der sich bis heute zur Trainerkategorie der Schleifer und Driller bekennt. „Wenn ich ihr sage, du läufst jetzt 50 Kilometer, dann läuft sie 50 Kilometer“, berichtet Pichler. Ihm sei bewusst, dass sich das reichlich unnachgiebig anhören mag. Er sagt aber auch: „Ich weiß, was funktioniert.“

Pichler bezieht das aufs ganze bulgarische Team, neben Hristova sind das Milena Todorova, Blagoy Todev und Vladimir Iliev, die beim olympischen Auftakt in der Mixed-Staffel auf Rang 16 gelandet waren. Samt ausbaufähiger Trefferquote – aber auch der besten Laufzeit im gesamten Feld, von Todorova. Im Männereinzel am Dienstag verbuchte das bulgarische Duo die Laufzeiten 15 und 18, die Schießeinlagen ließen sie zurückfallen. Genau diese nicht ganz unwichtige Teildisziplin, das Scheibenschießen, machte in Hristovas Medaillenlauf den Unterschied: Sie versenkte alle 20 Scheiben.

Pichler erstellt und organisiert die Trainingspläne, das laufe alles über ihn. „Ich bin jetzt da der Cheftrainer“, sagt er, auch wenn das so nicht offiziell hinterlegt ist. Überhaupt unterscheidet sich sein Konzept von denen anderer Nationen. „Ich setze im Olympiawinter überhaupt nicht auf den Weltcup“, sagt er. Anders als sie es etwa beim deutschen Verband praktizieren, wo die Laufleistungen der Frauen schon mal stärker waren als nun in Antholz. „Ich würde da nicht mehr reinpassen“, sagt Pichler: „Ich bin zu altmodisch und zu diktatorisch.“

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