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18.12.2025
10:11 Uhr
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Im Magazin „Vanity Fair“ berichtet Susie Wiles recht ungeschminkt aus dem Weißen Haus. Wer ist die Stabschefin des US-Präsidenten, die da auf einmal so freizügig erzählt?

Vielen Menschen war diese Frau wahrscheinlich noch nie aufgefallen, dabei ist sie Donald Trumps wichtigste Mitarbeiterin. Noch. Man sieht Susie Wiles kaum, wenn mal wieder das vergoldete Oval Office oder eine andere Bühne für den US-Präsidenten ausgeleuchtet wird. Die Stabschefin ist nicht annähernd so präsent wie ihr Boss, dessen Sprecherin Karoline Leavitt und andere.
Ihr Stuhl stehe an der Ecke des Sofas, weshalb sie immer den Mikrofonständer ins Gesicht kriege, hat sie gerade dem Magazin Vanity Fair berichtet. „Ich suche niemals Aufmerksamkeit“, sagt sie. Doch genau wegen dieses Gesprächs in der Hochglanzzeitschrift ist sie auf einmal weltbekannt.
Am Dienstag erschien das lange Porträt. Es speist sich nicht zuletzt aus elf Interviews, die der Journalist Chris Whipple in einem Jahr mit ihr geführt hat. Da sagt sie zum Beispiel, dass der US-Präsident, ein Abstinenzler, „die Persönlichkeit eines Alkoholikers“ habe und sein Vize J. D. Vance schon „seit einem Jahrzehnt ein Verschwörungsschwurbler“ sei. Dessen Verwandlung vom Trump-Hasser zum Maga-Mann nennt Susie Wiles „gewissermaßen politisch“.
Den Multimilliardär und vormaligen Trump-Buddy Elon Musk beschreibt sie laut Autor „als eine Art aufgeputschten Nosferatu“. Die Herausforderung sei, „mit ihm Schritt zu halten“, sagt sie. „Er ist ein bekennender Ketamin-Konsument.“ Tagsüber habe er in einem Schlafsack im Executive Office Building geschlafen, das Gebäude steht neben dem Weißen Haus. „Und er ist ein seltsamer, seltsamer Typ, wie es meiner Meinung nach Genies sind.“
Von der Ausweidung der Auslandshilfsorganisation USAID durch Musks Leute sei sie entsetzt gewesen, „kein vernünftiger Mensch“ habe das gut gefunden. „Niemand.“ Auf Whipples Frage nach einem von Musk weitergeleiteten Tweet, wonach nicht Hitler, Stalin und Mao am Mord von Millionen Menschen schuld gewesen seien, sondern die Beamten, antwortet sie dies: „Ich glaube, das ist, wenn er Mikrodosen nimmt.“
Der Budgetchef und Architekt des „Project 2025“, Russell Vought, ist für sie „ein absoluter Fanatiker der Rechten“. Die Justizministerin Pam Bondi sei beim Umgang mit dem Material über den toten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein „völlig danebengelegen“. Trump komme in den Epstein Files vor. Er sei aber nicht in der Akte, weil er etwas Schreckliches getan habe.
Solche Perlen aus dem Innenleben der amerikanischen Regierung sind in dem zweiteiligen Stück mehrere zu finden. Aber wer alles liest, der wird auch feststellen, dass dies kein Generalangriff auf Trump und seine Riege ist, sie gehört ja selbst dazu. Eher erklärt Susie Wiles ihrem Interviewer, wie sie ihrem Oberbefehlshaber trotz allem loyal zur Seite steht.
Dennoch spricht da eine im Zentrum der Macht Dinge aus, die in diesen Kreisen sonst niemand öffentlich beim Namen nennt. Das sorgt umso mehr für Aufsehen, als diese Managerin im Schatten Trumps ja sonst kaum Interviews gibt. Wieso also hat sie über elf Monate so offen mit einem Reporter gesprochen? Wer ist diese Kronzeugin aus dem Inner Circle?
Ihre Geschichte mit Donald Trump begann vor zehn Jahren auf dem Weg zu seinem ersten Wahlsieg. Als sie der damalige Immobilien-Tycoon und Star der Reality-Show „The Apprentice“ 2015 erstmals in seinen Trump Tower einlud, da war er offenbar vor allem von ihrem Vater begeistert. Er konnte es nicht fassen, dass sie die Tochter des von ihm verehrten Pat Summerall ist, des früheren Football-Profis und nachmaligen Sport-Kommentators, der „Stimme der NFL“.
Trump habe es „eine Million Mal gesagt“, er beurteile Menschen „nach ihren Genen“, Susie Wiles hat für ihn die richtigen Gene. Dann sei sie eines Nachts von ihm angerufen und gebeten worden, als stellvertretende Vorsitzende seines Wahlkampfteams in Florida einzusteigen. Sie verstanden sich demnach auf Anhieb. Wiles kam zwar 1957 in Lake City im Sunshine State Florida zur Welt, elf Jahre nach Trump, wuchs jedoch in der New Yorker Bronx, in Connecticut und New Jersey auf. Sie teilen Erfahrungen.
Vieles, woran sich Trump aus dieser Zeit in New York erinnere, habe sie über ihren Vater auch erlebt. „Wenn er also über Frank Sinatras Bodyguard spricht, kenne ich diesen Namen“, sagt sie. Sie half ihm 2016, Florida zu gewinnen und die Präsidentschaft. 2018 trug die Lobbyistin dann dazu bei, Ron DeSantis zum Gouverneur des Bundesstaates im Süden zu machen.
Trumps von ihm bis heute geleugnete Wahlniederlage 2020 konnte sie als Beraterin nicht verhindern, als Politiker schien er danach erledigt zu sein. Doch 2022 war die Strategin wieder da. Unter ihrer Leitung gelang ihm 2024 das Comeback. Zum Dank machte sie Trump zur Chief of Staff, als erste Frau in diesem Amt.
Einer ihrer Vorgänger war Donald Rumsfeld, einst unter Gerald Ford. Der Stabschef, sagte er mal, sei außer dessen Frau die einzige Person, die dem Präsidenten in die Augen schauen und sagen könne: „Das ist nicht richtig. Du kannst diesen Weg einfach nicht gehen.“ Barack Obamas Stabschef Rahm Emanuel wiederum soll sich früher bei Besuchern beschwert haben, dass der Job undankbar sei. Er fand den Kamin im Büro schön und die Terrasse. „Und alles dazwischen ist furchtbar.“ Sie empfinde das überhaupt nicht so, sagt dagegen Susie Wiles. All das liest man in diesem Beitrag von Vanity Fair, der Washington durchschüttelt.
Vermutlich sprach sie deshalb mit Chris Whipple, weil er ausgewiesener Experte für Stabschefs ist. Er hatte darüber 2017 während Trumps erster Amtszeit auch ein Buch veröffentlicht, der Titel: „The Gatekeepers: How the White House Chiefs of Staff Define Every Presidency.“ Zu Deutsch: „Die Torwächter: Wie die Stabschefs des Weißen Hauses jede Präsidentschaft prägen.“
Die Torwächterin Wiles hat nun während der vielen Begegnungen mit Whipple eventuell etwas weiter als geplant die Türen geöffnet. Außer ihr äußern sich auch Vance, Außenminister Marco Rubio und andere Befragte, nur unverfänglicher. „Ich glaube nicht, dass es derzeit jemanden auf der Welt gibt, der ihre Arbeit so gut machen könnte wie sie“, sagt Rubio, „verdientes Vertrauen“ verbinde sie mit Trump. „Susie, du bist die Größte!“, steht auf einem Foto in ihrem Büro, darauf Trump und Wladimir Putin, unterschrieben von Trump.
In ihrem Stab ist die Chefin vornehmlich von jungen Maga-Männern umgeben. „Sie erhebt nicht ihre Stimme“, sagt James Blair, einer ihrer Stellvertreter, 36 Jahre alt und damit 32 Jahre jünger als sie. „Aber sie mag es, in der Nähe von junkyard dogs zu sein.“ Junkyard dogs, Schrottplatzhunde, darunter der Hardliner Stephen Miller, noch ein Stellvertreter. Die geschiedene Mutter zweier Kinder regelt Trump den Betrieb und hält das Personal bisher zusammen, auch wenn Leser von Vanity Fair stellenweise den Eindruck haben, als sei dies die Chronologie einer Palastintrige.
Gewöhnlich wechselt Trump seine Stabschefs schnell aus, Wiles hat bislang elf Monate überstanden. Vielleicht wollte sie mitteilen, dass sie ihn gelegentlich bremsen wollte, bei den Zöllen oder der Begnadigung der Kapitol-Stürmer vom 6. Januar 2021. Doch er hat das letzte Wort, und sie hat nun wegen der Aufregung über ihre Sätze in Vanity Fair offensichtlich Angst vor der eigenen Courage bekommen. Dies sei ein „unaufrichtig verfasster Hetzartikel“ und zeichne „ein überwiegend chaotisches und negatives Bild des Präsidenten und unseres Teams“, schimpft sie auf X.
Viel kommentiert wird auch die Bebilderung, weniger das Foto von Susie Wiles im olivgrünen Anzug, sondern eher die Nahaufnahmen, darunter jene der Sprecherin Leavitt mit Einstichstellen an der Oberlippe. Da seien Bilder „bewusst manipuliert und Aussagen ohne Kontext wiedergegeben“ worden, wettert Rubio. „Alles war sorgfältig in den Kontext eingebettet“, kontert Chris Whipple und lobt Susie Wiles bei CNN als „die faszinierendste Person in der amerikanischen Politik“.
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Sie habe „einen brillanten Wahlkampf“ geführt und „Trump von den Toten zurückgebracht, um die Wahl 2024 zu gewinnen“. Für ihn ist sie „so etwas wie die Greta Garbo unter den Stabschefs des Weißen Hauses“. Trump nimmt seiner Aufpasserin die neue Medienkarriere jedenfalls offiziell nicht übel. Das mit der Alkoholikerpersönlichkeit hatte Wiles von ihrem alkoholkranken Vater. Sie sei, sagt sie, deshalb „so etwas wie eine Expertin für starke Persönlichkeiten“.
Trump selbst trinkt keinen Alkohol. Aber wenn er trinken würde, dann wäre er „sehr wahrscheinlich Alkoholiker“, sagte er der New York Post. „Ich habe eine sehr besitzergreifende Persönlichkeit.“ Wie er Susie Wiles jetzt findet? „Oh, sie ist fantastisch.“ Er nahm sie am Mittwoch mit nach Delaware zur Ehrung in Syrien getöteter Soldaten. Abends durfte sie dann zuhören, wie er in seiner Rede an die Nation von seiner bisher eigentlich bescheidenen Wirtschaftsleistung schwärmte und die Opposition beleidigte.
Seine amtierende Stabschefin attestiert Donald Trump „die Persönlichkeit eines Alkoholikers“. Susie Wiles lässt sich auch über weitere Mitglieder der US-Administration aus.
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