SZ 16.02.2026
15:51 Uhr

(+) Transatlantische Beziehungen: Drastische Worte über Trumps Amerika müssen sein. Aber nicht von Amtsinhabern


Sind die Beziehungen „in Auflösung“? Hat der US-Präsident die Nato „praktisch zerstört“? Es ist ja verständlich, wenn auch Minister und Senatoren so sprechen. Aber sie helfen damit nur ihm.

(+) Transatlantische Beziehungen: Drastische Worte über Trumps Amerika müssen sein. Aber nicht von Amtsinhabern

Schlimmstenfalls liegt der Finanzminister in der Sache gar nicht so daneben. Lars Klingbeil hat am Wochenende erneut die Formulierung gebraucht, die transatlantischen Beziehungen seien „in der Auflösung“. Dies war bereits seine Wortwahl, als er vor vier Wochen in Washington war. Aber ist es höchste Staatskunst, so zu sprechen?

Schon wahr, Donald Trump ist ekelhaft. Wie er permanent Respekt einfordert, aber nicht entbietet. Wie er Menschen nur danach beurteilt, ob sie ihm folgen oder nicht. Wie er der Meinung ist, physische Stärke sei schon genug der Legitimation. Der Weltdschungelkönig. Welche Beziehung soll (und will) man zu jemandem haben, dem erschossene Aktivisten in Minneapolis geradezu recht sind, der Grönland mit Invasion droht, der von den Ukrainern (aber nicht vom Kreml) Kompromisse verlangt, der Klimaschutz verachtet?

Denn das ist ja neben der Brutalität das nächste Wesensmerkmal von Trump und seinen Leuten: diese monströse Urteilsunfähigkeit. Wie muss man drauf sein, um im Fall Ukraine nicht zwischen Angreifer und Opfer unterscheiden zu können (oder schlimmer: nicht zu wollen)? Wie kann man mutmaßlich nüchtern in München an ein Mikrofon treten und den Europäern „Klimakult“ vorwerfen – wie es der Außenminister am Samstag tat? Der Meeresspiegel ist leider ein noch härterer Verhandler als Wladimir Putin: Ihm sind Marco Rubio und Donald Trump so was von egal. Er wird einfach steigen und steigen. Und die Ursache dafür, die Erderhitzung, ist ja nur das spektakulärste Thema, über das ein rationales Gespräch mit dieser Regierung überhaupt nicht denkbar ist.

Das Entsetzen über die Trump-Regierung hat seine Berechtigung. Aber es ist das eine, sie zu empfinden, und das andere, sie auszusprechen - jedenfalls für Menschen, die ein Amt innehaben. Wer ein Amt hat, wird nicht dafür bezahlt, es allen mal gesagt zu haben. Rhetorischer Aktivismus mag das Publikum erbauen, führt aber nicht weiter. Entweder er verschließt Gesprächskanäle oder er führt zu einer Art unausgesprochenem Konsens, der dann alle Richtung „Auflösung der transatlantischen Beziehungen“ schlafwandeln lässt. Als Finanzminister ist Lars Klingbeil hoffentlich besser, als er es als Außenminister wäre.

„Ein Bastard, aber unser Bastard“ – dieses berühmte, Präsident Franklin D. Roosevelt zugeschriebene Wort über einen lateinamerikanischen Diktator, den er aber nun mal brauche, beschreibt auch Roosevelts späten Nachfolger Trump; nur andersherum. Einen anderen als ihn, auf den sie bei ihrer Verteidigung zurückgreifen könnten, werden die Europäer in den kommenden drei Jahren nicht haben. Es geht für sie darum, sich über das Doch-noch-Herausarbeiten gemeinsamer Interessen irgendwie über die Runden zu retten sowie sich mit Taten langfristig aus der Abhängigkeit zu befreien; unabhängig davon, ob vom 20. Januar 2029 an jemand im Weißen Haus sitzt, der alle Latten am Zaun hat.

Nichts aber kann Europa nun weniger gebrauchen, als einer Diskussion über die Zukunft der Nato Nahrung zu geben. Diese ginge letztlich stets darum, ob die Nato noch eine Zukunft hat, und nicht welche. Indem man aber etwas auch nur unausgesprochen infrage stellt, gibt man es schon verloren – diese Erkenntnis der Linguistik sollte sich herumgesprochen haben. Der demokratische US-Senator Mark Kelly meint es zwar gut mit Europa. Aber wenn er nach der Sicherheitskonferenz sagt, Trump habe nur ein Jahr gebraucht, um die Nato „praktisch zu zerstören“, hilft er nur dem Zerstörer. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul hat recht, wenn er stattdessen Marco Rubio öffentlich so interpretiert, als habe der am Samstag ein Angebot zur Partnerschaft gemacht. Solange man die Möglichkeit hat, Trump und seine Leute bei irgendeinem Wort zu nehmen, muss man dies tun. Besser an etwas festhalten auf die Gefahr hin, dass es sich später als Fiktion erweisen könnte, als jetzt schon wegdriften und gucken, wohin.

Die politische Kultur in Amerika unterschied sich schon immer sehr stark von der in Europa. Sie befördert den Sieger, sie kümmert sich wenig um Ausgleich. Das ist in Europa in den 80 Jahren, in denen Elvis, Levi’s und Apple die Alltagskultur auf beiden Seiten des Atlantiks geprägt haben, leicht übersehen worden. Nur so konnte das Phänomen Trump hier eine solche Überraschung sein.

Dieses Übersehen hatte aber auch Vorteile: Es hat ein Band zwischen sehr vielen Europäern und weiterhin sehr vielen Amerikanern ermöglicht. Deshalb wenden sie sich nun nicht einfach voneinander ab. Auch darauf sollte man achten, wenn man „transatlantische Beziehungen“ sagt. Denn dass damit etwa nur die Beziehungen zwischen Regierungen gemeint sein sollen – an dieser Verkürzung ist nur denen gelegen, die vor lauter Furor etwas nicht erkennen: welchen Wert es hat, wenn Gesellschaften sich einander verbunden fühlen.

Der finnische Präsident Alexander Stubb hat eine selbstbewusste Botschaft für seine Kollegen in Europa: Wir können uns auch ohne die Amerikaner verteidigen. Und im Notfall helfen wir ihnen gerne aus.

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