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18.12.2025
14:07 Uhr
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Mehrere Siebtklässler werden erwischt, wie sie auf den Holzstäbchen herumkauen. Das Schulpersonal schreitet unverzüglich ein – denn Mundhygiene hatten die Jugendlichen offenbar nicht im Sinn.

Wir schreiben das Jahr 1983: Der Comic-Held Lucky Luke wird auf Entzug gesetzt. Weil es vor allem den nordamerikanischen Eltern ein Dorn im Auge ist, muss der Cowboy künftig auf die Zigarette im Mundwinkel verzichten. Zu groß die Sorge, die Kinder könnten das Rauchen plötzlich gut finden. Sein Schöpfer, der belgische Comiczeichner Morris, lässt Luke von da an nicht minder lucky auf einem Grashalm herumkauen. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefällt das, 1988 gibt’s sogar einen Preis dafür.
Tatsächlich lassen sich manche Firmen auch heute viel einfallen, um Menschen bei der Entwöhnung zu unterstützen, beispielsweise mit Nikotinpflastern oder -Kaugummis. Nun schwappt ein Trend nach Europa, der auch Lucky Luke gefallen haben dürfte: nikotingetränkte Zahnstocher. Und die sorgen jetzt an der städtischen Carl-von-Linde-Realschule in München für mächtig Rauch.
Bereits Ende Oktober verschickte Schulleiter Harald Kraus eine Mail an alle Eltern. Mehrere Kinder, vorwiegend der Jahrgangsstufe sieben, so heißt es dort, seien mit Zahnstochern im Mund gesehen worden. Bei genauerer Recherche habe sich herausgestellt, dass diese nicht selten mit Geschmack oder gar mit Nikotin getränkt gewesen seien. Da die getränkten Zahnstocher nicht von normalen zu unterscheiden seien, mache die Schule nun vom Hausrecht Gebrauch und verbiete ohne Ausnahme das Mitbringen jeglicher Zahnstocher in die Schule, heißt es in dem Schreiben.
Harald Kraus selbst ist der Rummel um diese Entscheidung offenbar zu groß geworden. In einer autorisierten Stellungnahme lässt er über das Referat für Bildung und Sport mitteilen: „Suchtmittel haben an unserer Schule nichts zu suchen, das gilt auch für Nikotinzahnstocher.“ Das Verbot solle zudem die Ausbreitung des Trends verhindern. Eine Sprecherin des Referats erklärt am Telefon: „Herr Kraus hat genau das getan, was wir uns von unseren Schulleitungen in der Stadt wünschen und vorbildlich gehandelt.“ An anderen Schulen sei das Phänomen bislang jedoch nicht bekannt, weshalb es keinen Aufruf zu einem allgemeinen Zahnstocherverbot an Münchner Schulen gebe.
Ausgelöst wurde der Trend offenbar über die Social-Media-Plattform Tiktok, wo ausgerechnet nordamerikanische Stars wie Shawn Mendes und Ryan Phillippe für das öffentlich unästhetische Herumkauen auf einem Stück Holz bekannt sein sollen. Anscheinend hat ihnen bislang noch niemand einen Grashalm angeboten. Vorbei die Vorbildfunktion der US-Amerikaner, die vor 42 Jahren noch dafür gesorgt hatte, dass der Erzfeind der gefährlichen Dalton-Brüder zwar weiter eine scharfe Schusswaffe benutzen durfte, aber immerhin mit rauchfreier Lunge. Die Zahnstocher sind, gerade für Kinderkörper, jedoch nicht ungefährlich. Je nach Marke beinhalten sie bis zu zehn Milligramm Nikotin – fünfmal so viel wie eine Zigarette.
Besorgte Eltern sollten nun wissen, dass die Nikotinstäbchen in Deutschland nicht verkauft werden – sehr wohl aber via Internet aus dem Ausland bestellt werden können. Die Hürde dabei: bei der Frage „Are you older than 18?“ auf „Yes“ zu klicken. Altersnachweis? Geschenkt. Bleibt also nicht viel übrig als Aufklärung. Oder einfach mal einen Grashalm anbieten. Der WHO gefällt das. Wie Lucky Luke die Umstellung damals verkraftet hat, bleibt ungewiss. Der Comic „Lucky Luke und der Nikotin-Entzug“ wurde leider nie gezeichnet.
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