SZ 29.06.2026
23:53 Uhr

(+) Stade: Motiv vermutlich Sorgerechtsstreit: Mann erschießt sechs Menschen in Stade


Der 45-Jährige aus Hannover hatte in der Jugendhilfeeinrichtung eigentlich einen Termin mit Mitarbeitern des privaten Trägers. Dann zog er die Waffe.

(+) Stade: Motiv vermutlich Sorgerechtsstreit: Mann erschießt sechs Menschen in Stade
In Stade sind sechs Menschen durch Schüsse ums Leben gekommen. Fünf starben am Tatort, eine weitere Person im Krankenhaus. IBRAHIM OT/AFP

Stade war bis Montagmittag in Deutschland vor allem als Ausflugsziel bekannt. Wegen der schönen Altstadt mit den Fachwerkhäusern, des historischen Hafens und der Nähe Stades zum größten Obstanbaugebiet Europas, dem Alten Land. Doch nun ist die niedersächsische Stadt westlich von Hamburg landesweit in den Schlagzeilen, weil dort am Montagmittag sechs Menschen erschossen worden sind. Weitere Schwerverletzte durch Schüsse gibt es entgegen ersten Meldungen nach derzeitigem Stand nicht.

Die Schüsse fielen in einer Einrichtung in der Dankersstraße, in der auch Mutter-Kind-Wohngruppen untergebracht sind. Der mutmaßliche Täter hatte dort einen Termin mit Mitarbeitenden aus dem Umfeld der Jugendhilfeeinrichtung, wo der Sorgerechtsstreit um das Neugeborene des Mannes Thema sein sollte. Um 12.10 Uhr war die Polizei über die Schüsse informiert worden. Einer Polizeisprecherin zufolge waren kurze Zeit später Einsatzkräfte vor Ort, „mussten aber am Tatort feststellen, dass es in einem Wohngebäude mehrere Tote gab“.

Vier Frauen und zwei Männer wurden getötet. Auf einer Pressekonferenz am Abend im Kreishaus Stade teilte die Polizei mit, dass es sich bei den Todesopfern ausschließlich um Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung handelt.

Der mutmaßliche Täter ist den Ermittlungen zufolge ein 45-jähriger in Deutschland geborener Mann. Den ersten Erkenntnissen der Polizei nach kommt als Motiv wohl der Sorgerechtsstreit um seine drei Monate alte Tochter in Betracht, die in der Jugendhilfeeinrichtung untergebracht war. Das Kind und die 34-jährige Mutter sind nicht unter den Todesopfern. Die Familie stammt ursprünglich aus Hannover. Berichte von Lokalmedien, wonach Kinder Augenzeugen der tödlichen Schüsse gewesen sein sollen, bestätigte die Polizei bisher nicht.

Der mutmaßliche Schütze wurde kurz nach den Schüssen von der Polizei festgenommen. Zwei weitere Personen befänden sich in polizeilichen Maßnahmen, seien aber nicht festgenommen worden, sagte ein Polizeisprecher. Sie würden vernommen und gegebenenfalls einer Spurensicherung unterzogen. Dabei handelt es sich um die 34-jährige Mutter des Kindes und eine 65-jährige Angehörige der Familie, die das spätere Fluchtauto des mutmaßlichen Schützen gefahren haben soll. Einen Haftbefehl gegen den Mann gibt es derzeit noch nicht. Es sei noch offen, ob und wann am Dienstag ein solcher Befehl beantragt werde, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Das hänge nun von den weiteren Ermittlungsergebnissen der Polizei ab.

Nach der Festnahme teilte die Polizei mit, es bestehe keine Gefahr mehr für die Bevölkerung. Zuvor war das Gebiet um die Jugendhilfeeinrichtung großräumig abgesperrt gewesen, die Polizei hatte vor einer „dynamischen Lage“ gewarnt und dazu aufgerufen, das Gebiet um die Dankersstraße in Stade zu meiden. Am späten Montagabend war das Wohnhaus in der Dankersstraße, einer ruhigen, sehr grünen Wohnstraße, noch immer abgesperrt, Menschen in weißen Schutzanzügen standen auf der Straße. Nur wenige Hundert Meter entfernt befindet sich eine Polizeistation.

Auf der Homepage der betroffenen Jugendhilfeeinrichtung sind Fotos der zwei Wohnhäuser mit freundlichen Zimmern, Gemeinschaftsräumen und einem Garten mit bunten Rutschen und Klettergerüsten zu sehen. Seit 2012 hat sich der private Träger auf die Betreuung und Begleitung junger Mütter mit ihren Kindern spezialisiert, es stehen laut offiziellen Angaben elf Plätze in voll- und teilbetreuten Wohngruppen zur Verfügung. Auch Babys und Kinder zwischen null und sechs Jahren, die vom Jugendamt in Obhut genommen werden, sind dort untergebracht. „Bei uns finden werdende Mütter und junge Frauen mit Kind für eine begrenzte Zeit einen neuen Lebensort“, heißt es auf der Website.

Die Polizei war am Montag mit einem dreistelligen Großaufgebot in Stade im Einsatz und wurde von zahlreichen Rettungskräften und Notfallseelsorgern begleitet. Die Einsatzkräfte und der Stader Stadtrat appellierten eindringlich, keine Gerüchte in den sozialen Netzwerken über die Tat in Stade zu verbreiten.

Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach von einer „kaltblütigen“ Tat. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte. „Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark“, schrieb der CDU-Politiker auf X. Viele Menschen, „die helfen und schützen wollten“, hätten ihr Leben verloren oder seien verletzt worden. „Mein Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen“, schrieb Merz weiter. Zudem dankte er den Polizistinnen und Polizisten „für ihren schnellen Einsatz“.

Die Stadt Stade hat eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der sie den Opfern der Tat sowie deren Hinterbliebenen ihr Mitgefühl ausspricht und sich bei den Einsatz- und Rettungskräften bedankt. Ganz in der Nähe des Tatorts betreibt die Stadt eine Kindertagesstätte und eine Grundschule. Für die Kinder und Mitarbeitenden dort habe weder Gefahr bestanden noch seien dort laut der offiziellen Mitteilung Schüsse zu hören gewesen, heißt es in dem Schreiben.

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