SZ 03.03.2026
15:55 Uhr

(+) Spanische Liga: Realdämmerung


Real Madrids Heimniederlage gegen Getafe festigt den Abwärtstrend unter dem Trainer Álvaro Arbeloa. Nationalspieler Antonio Rüdiger ist dabei wieder in eine wilde und umstrittene Szene verwickelt.

(+) Spanische Liga: Realdämmerung
Womöglich hätte Antonio Rüdiger (Mitte) selbst Rot sehen müssen gegen Getafe, hier aber beschwert er sich über den Platzverweis eines Teamkollegen. (Foto: Acero/PsnewZ/Imago)

Es gibt Dinge, die sind derart in der Geschichte von Real Madrid verwurzelt, dass nur verwundern konnte, was am Montagabend im Estadio Santiago Bernabéu geschah. Die Nachspielzeit lief, Spaniens Rekordmeister lag daheim mit 0:1 – sprich: alles andere als uneinholbar – gegen den bescheidenen FC Getafe hinten, da begann sich das Stadion zu leeren. Zahlreiche Anhänger Madrids verließen den Ort, weil sie jede Hoffnung auf einen Ausgleich oder Sieg hatten fahren lassen. Jene, die blieben, ließen einen Chor erschallen, der nicht zum ersten Mal in dieser Saison zu hören, aber nie so laut gewesen war wie diesmal: „¡Florentino, di-mi-sión!“, Vereinsboss Florentino Pérez möge zurücktreten. Die einschlägigen Zeitungen ließen am Dienstag ebenfalls Überdruss erkennen. „Noch ein Fiasko“, ächzte Marca, auch As beugte sich einer Evidenz: „Mehr ist bei diesem Madrid nicht drin.“

Für Real Madrid war die Niederlage gegen die Mannschaft aus dem Arbeitervorort der Hauptstadt gleichbedeutend mit dem wahrscheinlichen Abschied vom Meisterschaftskampf. Der FC Barcelona des ehemaligen Bundestrainers Hansi Flick ist in der Tabelle vier Punkte vorn, und es half nichts, dass Real-Coach Álvaro Arbeloa vorrechnete, es seien bis zum Ende der Saison noch 36 Punkte zu vergeben: „Niemand wird das Handtuch werfen, wir sind Real Madrid.“ Aber Real Madrid ist unübersehbar in Schieflage.

Álvaro Arbeloa zählt den entlassenen Xabi Alonso zu seinen engsten Freunden. Das hindert ihn nicht daran, ihn als Trainer bei Real Madrid zu beerben. Arbeloa gilt als Ziehkind des Präsidenten Florentino Pérez.

Es war nicht nur die erste Niederlage gegen Getafe seit dem fernen Jahr 2008, es war auch das erste Mal seit 2020, dass Real Madrid zwei Liga-Niederlagen nacheinander kassierte; in der Vorwoche hatten die Madrilenen beim CA Osasuna verloren. Der Trainereffekt – wenn es ihn denn je gegeben hat – ist nach kaum mehr als anderthalb Monaten verpufft. Unter Xabi Alonso musste Real Madrid in 28 Spielen fünf Niederlagen verdauen, der neulich noch von der Madrider Propaganda als Allheilmittel gefeierte Arbeloa kommt in zwölf Spielen schon auf vier Niederlagen.

Ob Arbeloa, dem Vernehmen nach mit einem Vertrag bis 2027 ausgestattet, über den Sommer hinaus bleibt, wird immer fraglicher. Nach dem 0:1 ergoss er sich nicht nur in hohlen Phrasen, sondern auch in Klagen darüber, dass seine Mannschaft fast ausschließlich über links angegriffen habe. Was einerseits stimmte, andererseits aber auch die Folgefrage aufwarf, warum er zwar einen Links-, aber keinen Rechtsaußen aufgestellt hatte. Dort, auf links, spielte Vinícius, der sich unter Arbeloa stabilisiert zu haben schien; allerdings vergab er eine der wenigen wirklich großen Chancen. Getafe hingegen? Arbeitete defensiv alles weg und ließ Reals Torwart Thibaut Courtois einmal das Nachsehen, als der Uruguayer Martín Satriano vom Sechzehner einen Volleyschuss absonderte, der rechts oben im Winkel einschlug (39.).

Zu den Spielern, die bei der Anbahnung des Treffers auffielen, zählte DFB-Verteidiger Antonio Rüdiger. Am Vorabend seines 33. Geburtstages war ihm eine Kopfballabwehr zu kurz geraten. Im Zentrum stand er aber nicht deswegen. Sondern wegen eines Scharmützels mit Diego Rico. Dieses ging einerseits für den Spanier glimpflich aus, warf aber andererseits die Frage auf, wie viel Rüdiger aus jenen Vorfällen gelernt hat, die ihm im vergangenen Sommer eine „letzte Warnung“ durch den DFB einbrachten. Nach dem spanischen Pokalfinale 2025, als er den Schiedsrichter mit einer Rolle Tapeverband bewarf, hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann davon gesprochen, dass das Limit erreicht sei.

Nun brannten Rüdiger augenscheinlich die Sicherungen durch. Rund um die 25. Minute war Rico am Strafraum Getafes zu Boden gegangen, was unter normalen Umständen nicht weiter der Erwähnung wert gewesen wäre. Rüdiger zog Rico am Arm, Rico fiel, der Schiedsrichter pfiff, der DFB-Verteidiger empfand das als lachhaft. Sekunden später aber trafen beide erneut aufeinander: Arda Güler foulte Rico in der Hälfte von Real Madrid, Rüdiger eilte herbei und stürzte – wohlwollend betrachtet – unkoordiniert auf den am Boden liegenden Rico und brachte ihm dabei zwei Schläge mit dem Knie ins Gesicht bei. Über die Intentionen Rüdigers lässt sich nur spekulieren, ehrenhaft wirkten sie dem Anschein nach nicht. Rico musste behandelt werden, aber er hatte Glück, dass Rüdiger nicht mit seinem vollen Gewicht auf den Kiefer geflogen war.

Unmittelbar nach dem Spiel übte sich der Gegner in Nachsicht. Trainer José Bordalás hielt sich mit einer Bewertung zurück; Mittelfeldspieler Luis Milla schloss sich in einem Radiointerview der Meinung eines Journalisten an, der die Aktion als Tätlichkeit gewertet hatte, die rotwürdig gewesen wäre und mit mehreren Spielen Sperre hätte geahndet werden müssen. Dann meldete sich Rico selbst zu Wort und unterstellte Rüdiger „Absicht“. Er habe ihn nach dem ersten Aufeinandertreffen verbal provoziert, dann sogar einen Mitspieler abgeräumt, um ihn, Rico, im Gesicht zu treffen: „Wenn er mich böse erwischt, bleibe ich auf dem Rasen liegen. Er wollte mir das Gesicht zertrümmern“, sagte er im Radiosender Cope.

Rüdiger hatte in vielfacher Hinsicht Glück: Der Schiedsrichter pfiff nicht, der Videoschiedsrichter griff – unerklärlicherweise – nicht ein. Zwei Platzverweise gab es dennoch. In der Nachspielzeit sah Getafes Adrián Liso die zweite gelbe Karte; kurz zuvor hatte Reals Franco Mastantuono glatt Rot gesehen. Der Schiedsrichter hatte sich einmal sagen lassen, dass seine Leistung „eine verfluchte Schande“ gewesen sei, aber eben nicht zwei- oder dreimal.

Damit steht schon fest, dass der argentinische 60-Millionen-Euro -Einkauf am Freitag bei Celta de Vigo pausieren darf; auch Innenverteidiger Dean Huijsen und Außenbahnspieler Álvaro Carreras werden dort gesperrt fehlen. Das ist einerseits irrelevant, weil ihre Formkurve unter Arbeloa dramatisch nach unten zeigt, andererseits insofern von Belang, als auch weitere Spieler absent sind – unter anderem der knieverletzte Angreifer Kylian Mbappé, der Anfang der Woche von französischen Spezialisten begutachtet wurde, sowie Innenverteidiger Éder Militão. Am Dienstag kam dann noch die Nachricht, dass der Brasilianer Rodrygo sich das Kreuzband gerissen hat. Er verpasst die restliche Saison und die Weltmeisterschaft.

Misslich ist das in doppelter Hinsicht: Der Partie an der nordwestspanischen Küste kommt eine große Bedeutung bei, weil sich in Madrid allmählich Untergangsstimmung breitmacht – und in der kommenden Woche in der Champions League Manchester City wartet. Und wenn es etwas gibt, was bei Florentino Pérez Nesselsucht verursacht, so sind es Pleiten gegen Pep Guardiola, derzeit Coach beim Tabellenzweiten der englischen Premier League.

Der Sportdirektor des DFB-Teams sagt nach dem Ausraster von Antonio Rüdiger im spanischen Pokalfinale, der Nationalspieler müsse sein Verhalten ändern. Konsequenzen für das Nations-League-Finalturnier wird es aber keine geben.

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