SZ 15.02.2026
16:46 Uhr

(+) Sommerspiele 2028: Der Olympia-Chef als Störfaktor


Weil er in den Epstein-Files vorkommt, wird Casey Wasserman dazu gedrängt, seine Berateragentur zu verkaufen. Chef der Olympischen Sommerspiele 2028 will er aber bleiben. Wie passt das zusammen?

(+) Sommerspiele 2028: Der Olympia-Chef als Störfaktor

Am klarsten fasste es die Künstlerin Bethany Cosentino zusammen, Aktivistin und Frontsängerin der Band „Best Coast“, Stilrichtung „Mom Rock“ (Selbstauskunft Cosentino). Sie habe sich vor fünf Jahren der Agentur des Geschäftsmanns Casey Wasserman angeschlossen, als dieser mit seinem traditionsreichen Business im Musikgeschäft expandierte, schrieb Cosentino kürzlich in den sozialen Medien. Nun habe sie erfahren, dass Wasserman Anfang der Nullerjahre einen intimen Austausch mit Ghislaine Maxwell gepflegt habe, der langjährigen Lebensgefährtin und Komplizin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein.

Maxwell wiederum, fuhr Cosentino fort, sei auch kein neutraler Charakter in einer „chaotischen“ Geschichte – sondern ebenfalls eine verurteilte Sexualstraftäterin, die den Missbrauch Minderjähriger ermöglichte. Von jemandem, der „eine Verbindung hat zu einer solchen Ausbeutung“, wolle sie nicht mehr vertreten werden. Auch könne sie jetzt nicht einfach stillhalten; insbesondere, da „Männer in Machtpositionen gerade so häufig beschützt werden und weitermachen dürfen, als wäre nichts geschehen“.

Der Olympia-2028-Boss war im Kontakt mit Jeffrey Epsteins langjähriger Komplizin. Doch die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry tut so, als ginge sie das nichts an.

Und weil in den vergangenen Tagen sich mehrere Künstler ebenfalls von Wasserman trennten – die Sängerinnen Chappell Roan und Orville Peck, die einstige Fußballerin Abby Wambach, unter anderem –, verkündete der Unternehmer am Wochenende einen Schritt, der auch die olympische Familie bei den Winterspielen in Italien aufgeschreckt haben dürfte. Der 51-Jährige schrieb in einer E-Mail an seine rund 4000 Mitarbeiter, dass er seine Agentur verkaufen werde. Er bedauere seine „früheren persönlichen Fehler“ zutiefst, betonte aber erneut, dass sein E-Mail-Verkehr mit Maxwell „über zwei Jahrzehnte“ zurückliege, „weit bevor ihre furchtbaren Taten ans Licht kamen“. Persönliche oder geschäftliche Beziehung zu Epstein bestreite er ebenfalls. Allerdings, schrieb Wasserman nun, sei er selbst zum Störfaktor geworden und habe seinen Klienten viel „Unwohlsein“ beschert. Das hätten alle, die ihm so sehr am Herzen liegen, nicht verdient – darunter auch große Namen wie Ed Sheeran, Coldplay und Kendrick Lamar.

Das wiederum ist ein großes Problem für die olympische Bewegung, die ja keine Gelegenheit auslässt, um jene edlen Werte zu betonen, mit denen sie Tag für Tag die Welt beglückt. Wasserman ist auch Chef des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles, Gesicht und Garant dafür, dass die Rückkehr auf den US-Markt ein Erfolg werden soll. Und als solcher hatte ihm der Aufsichtsrat des Spiele-OK erst Tage zuvor den Rücken gestärkt.

Man habe eine unabhängige Kanzlei engagiert, hieß es in einer Mitteilung, und diese habe herausgefunden: Wassermans Beziehung zu Maxwell und der Austausch zu Epstein gingen nicht über das hinaus, was öffentlich dokumentiert sei. Etwa Bilder, die Epstein, Maxwell und Wasserman nebeneinander zeigen, eng vertraut vor einem Privatflugzeug. Dies sei aber sei Wassermans „einziger Austausch“ mit Epstein gewesen, teilte das Board der LA-Spiele mit. Sprich: Alles unglücklich gelaufen, aber nicht genug, um Wasserman zu entlassen. Zumal er bei den Untersuchungen tadellos kooperiert habe und für die Spiele seit zehn Jahren ohnehin prächtige Arbeit leiste, so ließ sich die Mitteilung sinngemäß bündeln. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts mehr zu sehen.

Das steht nun allerdings im scharfen Kontrast zu den Werten, mit denen viele von Wassermans einstigen Klienten ihren Fortgang begründen. Und zu Wassermans Eingeständnis, dass er seinen Klienten tiefstes Unwohlsein bereitet habe, welches diese nicht verdient hätten. Haben die Mitarbeiter der LA-Spiele etwa Unwohlsein verdient? Die olympische Bewegung?

Längst ist die Frage, ob das Gesicht der Spiele deren Beginn in zwei Jahren noch in seiner Funktion als OK-Chef erleben wird; wenn er es denn bis zum Ende der Schlussfeier der aktuellen Spiele schaffen sollte. Zwar trägt Wasserman großen Anteil daran, dass Los Angeles vor gut einem Jahrzehnt die Spiele zugesprochen bekam, nachdem die amerikanische Kampagne mit Boston zuvor zerbröselt war. Und im vergangenen Dezember verkündeten die LA-Organisatoren noch stolz, dass sie mittlerweile Sponsorenverträge im Wert von zwei Milliarden Dollar signiert haben, dank Konzernen wie Google, Honda, Delta und Starbucks. Diese hielten, anders als Wassermans Künstler, bislang öffentlich still.

Aber wie lange noch?

Auffällig ist, dass sich weder Wasserman noch die Delegation der LA-Spiele bei der Session in Mailand vor den Kameras und Mikrofonen der Reporter in der Mixed Zone blicken ließen, wie vor einem Jahr bei der IOC-Versammlung in Costa Navarino. Darauf angesprochen sagte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, sie werde da noch mal nachhaken. Den bisherigen Auskünften von Wasserman und dem OK habe man aber nichts hinzuzufügen. Als würde das IOC die Reputation seines wichtigsten Zeremonienmeisters der kommenden Jahre nichts angehen.

Ähnlich verhält es sich mit einem IOC-Mitglied, das wie Wasserman in den Epstein-Dokumenten auftaucht – und, wie Wasserman, bestreitet, je eine Beziehung zu Epstein gepflegt zu haben: Johan Eliasch, der Präsident des Ski-Weltverbandes Fis. Die Dokumente selbst legen eine andere Geschichte nahe, auch taucht Eliasch in einem Prospekt einer Stiftung von Ghislaine Maxwell als Berater auf. Nach einem SZ-Bericht darüber teilte das IOC nun mit: Man habe den Ausführungen des Fis-Präsidenten nichts hinzuzufügen.

Der Milliardär Johan Eliasch, IOC-Mitglied und Präsident des Ski-Weltverbands Fis, kommt in den Epstein Files vor. Er selbst sagt: Es gab keinen Kontakt. Die Dokumente legen eine andere Geschichte nahe.

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