SZ 16.02.2026
16:41 Uhr

(+) Snowboardcross bei Olympia: „Fucking Gold“! Für Großbritannien! Auf Snowboards!


Der Boulevard feiert einen „Blizzard of gold“, die Athleten-Eltern feiern sich live im Fernsehen selbst: Wie das Vereinigte Königreich auf den ersten Olympiasieg des Landes auf Schnee reagiert.

(+) Snowboardcross bei Olympia: „Fucking Gold“! Für Großbritannien! Auf Snowboards!
Einfach „wonderful“ alles: Die Snowboardcross-Fahrer Charlotte Bankes und Huw Nightingale gewinnen Gold im Mixed-Wettbewerb. (Foto: Gonzalo Fuentes/Reuters)

Wintersport schauen in der BBC ist nicht wie Wintersport schauen im ORF, nicht mal wie Wintersport schauen in der ARD, aber es hilft ja nichts. Man hat, wenn man in London lebt, nicht oft die Gelegenheit, matschfreien Schnee zu sehen, nicht mal im Fernsehen.

Die BBC überträgt die Olympischen Spiele von Mailand und Cortina immerhin täglich auf einem ihrer Hauptsender, dazu kann man in der Mediathek einen weiteren Kanal wählen. Es gab allerdings bereits haufenweise Beschwerden der paar Zuschauer, die gerne Winter-Olympia schauen in diesem Land, weil die BBC zum einen so wenig Olympia zeigt wie noch nie, nachdem Teile der Übertragungsrechte an den Bezahlsender TNT Sports gegangen sind.

Während sich Trump Käfigkämpfe im Weißen Haus wünscht, feiern sie in der Olympiastadt Cortina d’Ampezzo einen Sport, der in allem der neuen, brüllaffenartigen Welt entgegensteht. Curling und die hohe Kunst, den Gegner zu achten.

Und zum anderen, weil man selten ein ganzes Event durchgängig schauen kann, so oft wird hin- und hergeschaltet zwischen den Stadien und Städten. Nur Curling, akzeptiert als Gesprächsthema in Südlondoner Hipsterkreisen, läuft länger, sogar gelegentlich im Pub, wenn gerade kein Rugby- oder Fußballspiel stattfindet, was zugegebenermaßen eher selten der Fall ist.

Ganze Eishockeyspiele am Stück dagegen gibt es in der BBC nicht, das ist schon deshalb schade, weil die britischen Kommentatoren einer Eishockey-Übertragung sprachlich eine eigene Note verleihen. Der Kommentator stellt, wenn mal wieder einer krachend in die Banden verräumt wird, sachlich fest: „He is dispatched into the boards.“ Was auf Deutsch in etwa so wäre, als würde Bernd Schmelzer im Tonfall von Heinz Sielmann sagen, der Spieler sei soeben in die Eisflächenbegrenzung expediert worden.

Am Sonntag aber war natürlich Schnee zu sehen, viel Schnee, auf der BBC sogar für längere Zeit ohne Wegschalten, denn der Sonntag war, wie die Daily Mail, die vom Tonfall her ganz anders unterwegs ist als die Eishockey-Kommentatoren der BBC, ein „historic sunday“. Am Sonntag gewannen die Briten gleich zwei Goldmedaillen, und eine davon war die allererste ever auf Schnee. Der Sonntag brachte für die Schlagzeilendichter des Boulevards einen „Blizzard of golds“.

Die Snowboardcross-Fahrer Charlotte Bankes und Huw Nightingale gewannen Gold im Mixed-Wettbewerb, was in der BBC von der Expertin Jenny Jones mit einer Rührung beschrieben wurde, wie man sie im Rugby oder im Fußball nicht geliefert bekommt. Jenny Jones aus Bristol war die erste Britin, die je eine Medaille auf Schnee bei Olympia gewonnen hat, 2014 in Sotschi, Bronze im Snowboard Slopestyle. In der Vorbereitung verzichtete sie damals monatelang auf Irish Dancing und High Heels, typische Ursachen für Sprunggelenksverletzungen im Vereinigten Königreich.

„Wonderful“ sei das alles, sagte Jenny Jones mit brüchiger Stimme, nicht nur für Charlotte und Huw, sondern für alle im Team, die Trainer, „all the staff“, und den Wachser, ja, „the waxer“, der sei ganz besonders wichtig, „so important really, yes“.

Die Kollegen von TNT Sports kamen derweil auf die gute Idee, während des Rennens eine Kamera auf die Eltern von Huw Nightingale zu richten, Clive und Christine Nightingale aus Bolton bei Manchester, „parents of the Olympic Champiooon“, wie Clive Nightingale brüllte. Die Nightingales sind, wie das halt so ist im Social-Media-Zeitalter, innerhalb von Minuten zu Weltstars dieser Spiele geworden, jedenfalls in Großbritannien.

„My son“, rief Clive, „our son, our son“, rief Christine, „ich hatte schon auch was damit zu tun, hahaa“, Gelächter, Jubel. Christine: „Unbelievable“, dann: „I changed his nappyyy!“ Pause. Clive: „And so did Iii!“, Gelächter, Jubel, „yeaaahhhh!“ Bei der Siegerehrung nahmen beide ihre Team-GB-Wollmützen ab und sangen mit, den Tränen nahe. „Look at that“, sagte Clive zu Christine. „Fucking Gold.“

Zwar sind auch diese Schnee-Olympiasieger tatsächlich im Schnee aufgewachsen, also nicht in Großbritannien. Charlotte Bankes kommt aus Hemel Hempstead in Hertfordshire, die Eltern zogen in die französischen Alpen, als sie vier war, bis 2018 startete sie für Frankreich. Die Nightingales wiederum zogen mit Huw nach Westendorf bei Kitzbühel, als der noch ein Kind war, um eine Pension zu eröffnen. Aber das macht die Geschichte sogar noch besser, denn jetzt, sagte Clive Nightingale in die Kameras, jetzt hat Westendorf einen Olympiasieger. Und zwar keinen aus Österreich. Sondern, „I’m afraid“, einen aus Great Britain.

Lucas Pinheiro Braathen war nach seiner Lossagung vom norwegischen Verband zum Erfolg verdammt, um nicht als Kunstfigur zu gelten. Mit Gold im Riesenslalom erlöst sich der schillernde 25-Jährige selbst.

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