SZ 13.02.2026
13:12 Uhr

(+) Snowboard-Halfpipe der Frauen: Choi fällt, Choi steht auf, Choi gewinnt Gold


In der Halfpipe gehören Stürze zum Programm, aber was sich bei den Snowboarderinnen in Livigno zuträgt, ist selbst für das Spektakel-Event dieser Spiele eine bemerkenswerte Geschichte.

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Ein Ort des Hinfallens und Aufstehens ist so eine Halfpipe. Eine sogenannte Superpipe kommt bei den Olympischen Spielen in Livigno zum Einsatz, 220 Meter lang, die beiden Seitenwangen sind 6,70 Meter hoch, die Sprünge über die Kante hinaus bei den Frauen bis zu dreieinhalb Meter. Wer in der Halfpipe bestehen will, muss viel Risiko in Kauf nehmen, immer wieder hinfallen und immer wieder aufstehen. Es ist ein unnachgiebiger Ort, bei der Landung wartet hartes Eis statt weichem Schnee. Dramen spielen sich hier in aller Regelmäßigkeit ab, nicht zuletzt in den Qualifikationsbewerben und Trainings der vergangenen Tage, als sich mehrere Athleten verletzten. Was sich dann aber am Donnerstagabend in Livigno zutrug, war selbst für die Superpipe eine bemerkenswerte Geschichte.

Im ersten von drei Läufen stürzte Gaon Choi aus Südkorea, im Zuschauerraum kehrte für einige Minuten Stille ein. Bei all der anwesenden Prominenz aus Boardern wie Shaun White und Rappern wie Snoop Dogg, die die Party befeuern, kann gerade die Stille besonders laut sein, auch wenn sie diesmal in Applaus mündete. Choi konnte nach einiger Zeit aufstehen, sie weinte, und als sie unten ankam, überlegte sie nach eigener Aussage, den Wettkampf aufzugeben. „Dann bin ich etwas gegangen und habe gemerkt, wie Energie in meine Beine zurückkehrt“, sagte sie. Es folgte ein zweiter Run mit angezogener Handbremse, Choi wirkte unsicher im Ziel. Dann jedoch kam das Aufstehen. Oder sollte man sagen: der Aufstand?

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Nichts anderes war dieser dritte Lauf der 17-jährigen Gaon Choi, die mit einem Score von 90,25 die Halfpipe-Regentschaft der Chloe Kim beendete. Die US-Amerikanerin hatte bei den Spielen 2018 und 2022 die Goldmedaille gewonnen und auch in Livigno vorgelegt: Während eine Konkurrentin nach der anderen stürzte, in einem nächtlichen Wettkampf unter schwierigen Schnee- und Sichtbedingungen, hatte Kim sich gleich im ersten Lauf die Führung gesichert. Auf Choi jedoch hatte sie keine Antwort mehr, Kim blieb nur die Silbermedaille vor der Japanerin Mitsuki Ono.

„Vor einem Monat wusste ich gar nicht, ob ich es überhaupt hierher schaffen würde“, sagte Kim später. Auch sie hatte mit Verletzungsproblemen zu kämpfen und konnte weniger trainieren als üblich. Deshalb bedeute ihr die Silbermedaille „sehr viel“ und überhaupt: Auch an der Halfpipe ist im Frauen-Snowboard keine Feindseligkeit zu spüren. „Sie ist mein Baby, ich kenne sie, seit sie klein war. Ich könnte nicht stolzer auf sie sein“, sagte Kim über die Olympiasiegerin aus Südkorea, der sie nach ihrem Sturz noch geholfen hatte: „Auch nach ihrem ersten Sturz bin ich zu ihr gegangen und hab gesagt: Du bist echt gut im Snowboarden. Du schaffst das. Mach dir keine Gedanken darüber, was passiert ist.“

Kim übergab die Goldmedaille an der Halfpipe mit viel Zufriedenheit in die Hände ihrer Nachfolgerin, der Repräsentantin einer neuen Generation. „Lange Zeit habe ich Wettbewerbe gewonnen, indem ich immer wieder die gleichen Läufe gemacht habe“, sagte Kim: „Diese neue Entwicklung hat mich dazu gebracht, meine Grenzen zu erweitern und Sachen auszuprobieren, die ich noch nie gemacht habe. Wenn sie mich nicht angespornt hätten, hätte ich nie gesehen, wie weit ich als Snowboarderin kommen kann.“

Die erste Südkoreanerin mit einer Goldmedaille auf dem Snowboard dankte wiederum Kim, der Amerikanerin mit südkoreanischen Eltern, dem „Vorbild“ von Choi und vermutlich der meisten anderen Snowboarderinnen. Choi dankte auch ihren Eltern, die mit ihr nach Livigno gereist sind, und den Südkoreanern zu Hause, die Olympia diesmal aus der Ferne erleben. Schon vor den Spielen hatte sie gesagt, sie wolle ihr ganzes Land für die Halfpipe begeistern. Besser hätte ihr das kaum gelingen können als mit ihrer Geschichte vom Donnerstag. „Ich bin jemand, die stärker wird, wenn sie hinfällt“, sagte Choi, die erst die Kraft verließ, als sie nicht mehr auf dem Snowboard stand. Tapfer humpelte sie aus dem Zielraum unterhalb der Superpipe von Livigno, die Goldmedaille baumelte ihr um den Hals.

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