SZ 10.02.2026
16:02 Uhr

(+) Snowboard: Monumentale Bühne für die nächste Generation


Aus Japan, Neuseeland und Südkorea kommen die Medaillengewinnerinnen im Big-Air-Wettbewerb. In ihrem Wirken beziehen sich alle drei auf Anna Gasser – die sieht ihre Sportart „in guten Händen“.

(+) Snowboard: Monumentale Bühne für die nächste Generation
Die Beste: Kokomo Murase aus Japan fliegt im Livigno Snow Park zur Goldmedaille. (Foto: Marko Djurica/Reuters)

50 Meter hoch ragt die Big-Air-Schanze über Livigno, im ganzen Tal ist sie nicht zu übersehen. Der gesamte Snow Park, der hier mit viel Aufwand errichtet wurde, zentriert sich um den eindrücklichen Aufbau, der nachts immer hell erleuchtet ist und dann gleich noch mehr hervorsticht. Als würdige, monumentale Bühne fungierte diese Schanze am Montagabend, für zwölf Athletinnen, die etwas Besonderes verbindet. Einzigartig ist, dass im Big Air bei den Olympischen Spielen zwölf Snowboarderinnen antreten, die sich nicht als Konkurrentinnen begreifen – sondern als Gemeinschaft.

Faszinierende Szenen spielen sich bei so einem Wettkampf deshalb ab. Die spätere Bronzemedaillen-Gewinnerin etwa, Yu Seungeun aus Südkorea, zeigte im ersten Durchgang einen Backside Triple Cork 1440, einen komplexen Sprung mit vier kompletten Drehungen. Im Zielraum fielen ihr dafür nacheinander das chinesische, das australische und das japanische Team in die Arme und feierten sie lautstark. Politische, kulturelle, persönliche Grenzen? Nicht zu sehen, bei den Snowboarderinnen, die erst seit 2018 im Big Air bei Winterspielen antreten und doch mehr als andere den olympischen Gedanken in sich tragen.

Passenderweise führt die Suche nach der Person, die für diese Kultur entscheidend mitverantwortlich ist, nicht nur auf das Podest, zu den Medaillenträgerinnen. Sondern auf den achten Platz, den Anna Gasser bei ihrem Abschied von der großen Schanze erreicht hat.

Zweimal hat Anna Gasser schon Olympia-Gold im Big Air gewonnen. Und jetzt? Ist die Konkurrenz zehn bis 15 Jahre jünger als sie. Doch die Österreicherin hat den Sport erst groß gemacht.

Snowboarden ist mehr als ein Sport, das ist ein Lifestyle“, sagte Gasser, 34, zweimalige und damit bis Montag einzige Olympiasiegerin im Big Air. Die Österreicherin ist neun Jahre älter als die zweitälteste Teilnehmerin beim Wettbewerb, sie sprang schon über Big-Air-Schanzen, als viele ihre Mitstreiterinnen nicht einmal geboren waren. Zu einer Zeit, in der es nicht um Olympia-Medaillen ging: „Ich habe den Sport ohne den Wettkampfgedanken angefangen, und ich hoffe, das bleibt erhalten“, sagte Gasser: „Aber er ist in guten Händen.“

Aus den unterschiedlichsten Ecken des Planeten kommen diejenigen, die Gasser nun beerben sollen, auch das macht Snowboard-Freestyle zu einer besonderen Sportart. Hier baut sich nicht alles um die Alpen als Zentrum auf, ganz im Gegenteil: Die Besten der Welt kommen aus Australien, Großbritannien, China, Südkorea, Neuseeland. Und allen voran: aus Japan.

Kokomo Murase heißt die Nachfolgerin von Gasser als Inhaberin der Big-Air-Krone, mit den zwei besten Sprüngen des Wettbewerbs gewann sie die Goldmedaille. An Murase kann man die enorme sportliche Weiterentwicklung erkennen, die der Snowboard-Sport insbesondere bei den Frauen erlebt. Bei den Spielen vor vier Jahren in Peking scheiterte sie noch knapp an dem Trick mit vierfacher Umdrehung, der mittlerweile zu ihrem Standard-Repertoire zählt. Das hat auch mit den Big-Air-Trainingsmöglichkeiten zu tun, die in Japan besser entwickelt sind als im Rest der Welt: Snowboard-Zentren mit großen Schanzen und Luftkissen in der Landezone gibt es dort in großer Zahl, was den Athletinnen die Möglichkeit eröffnet, verletzungsfrei zu bleiben bei ihren Trainingsläufen.

Drei Zeitzonen weiter östlich liegt ein weiteres Zentrum der Sportart, wo am Montag erneut eine Olympia-Medaillengewinnerin gefeiert wurde. Aus Wanaka, auf der neuseeländischen Südinsel, kommt Zoi Sadowski-Synnott. Die 24-Jährige ist mit ihrer Silbermedaille vom Montag – der dritten Olympia-Medaille in ihrer Karriere – die erfolgreichste Wintersportlerin in der Geschichte ihres Landes und bekam dafür von ihrem Team eine besondere Ehrung. Eine halbe Stunde nach Wettkampfende hallten kriegerische Schreie durch den Zielraum in Livigno, als die neuseeländische Mannschaft einen Haka aufführte, den Kriegs- und Ehrentanz der Māori, der Ureinwohner Aotearoas. Gerührt empfing Sadowski-Synnott die höchste Ehrung ihres Landes: „Ich hatte Gänsehaut, das hat mir viel bedeutet.“

Sadowski-Synnott wird von ihrer ganzen Großfamilie in Livigno begleitet, allerdings zählt sie auch die der anderen Snowboarderinnen dazu: „Deren Familien umarmen mich auch, wir machen das hier nicht für den Wettbewerb“, sagte Sadowski-Synnott: „Wir nehmen viel Risiko in Kauf bei unserem Sport, daher haben wir so viel Respekt füreinander. Die anderen Mädels sind meine größte Inspiration.“ Leere Worte sind das nicht: Es war die Silbermedaillengewinnerin aus Neuseeland, die für die Goldmedaillengewinnerin aus Japan ein traditionelles Hochleben unterhalb der Schanze organisierte, als das Endergebnis feststand.

Sowohl Murase, die Überfliegerin, als auch Sadowski-Synnott, der Familienmensch, beziehen sich in ihrem Wirken auf Anna Gasser. „Ich werde sehr emotional, wenn ich heute über sie spreche“, sagte Sadowski-Synnott mit feuchten Augen: „Sie hat diesen Sport angeführt. Wenn ich eine Person nennen könnte, die den größten Einfluss auf das Snowboarden hatte, dann wäre es Anna.“ Und Murase sagte, sie habe Gasser schon bewundert, „als ich noch sehr klein war“.

Die Österreicherin konnte dazu selbst noch eine Geschichte beitragen: Vor etwa zehn Jahren sei Gasser zum Training nach Japan gereist und habe dort mit den Kindern und Jugendlichen auch in Murases Heimatprovinz Gifu trainiert. „Ein Board von mir habe ich damals dort gelassen“, erzählte Gasser, die Jahre später bei einem Wettkampf von Murases Vater ein Foto gezeigt bekam: Gassers Board hatte einen Ehrenplatz im Zimmer seiner Tochter bekommen. „Eine coole Sache, dass die Olympiasiegerin vor zehn Jahren schon ein Board von mir in ihrem Zimmer aufgehängt hatte“, sagte Gasser.

Im Slopestyle wird Gasser in der kommenden Woche noch einmal gegen die nächste und übernächste Generation antreten, mit derselben Ambition wie früher: „Ich sage immer noch, das alles möglich ist“, sagte Gasser, nachdem sie sich von ihrer Paradedisziplin „mit unglaublich viel Stolz“ verabschiedet hatte: „Heute habe ich die Big-Air-Krone weitergereicht an die nächste Generation.“

Das IOC erwägt, Snowboard-Rennen in Zukunft aus dem Programm zu nehmen. Ikone Ester Ledecka formuliert deutliche Kritik, die Sorge der Athleten ist groß. Aber noch kämpfen sie für ihren Sport.

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