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25.01.2026
12:27 Uhr
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Der Slowene holt wie Bruder Peter vor zehn Jahren nach dem Sieg bei der Vierschanzentournee auch den Skiflug-WM-Titel. Während die deutschen Athleten hadern, nimmt Prevc Kurs auf seine erste Olympiamedaille.

Perfekte Landung vor historischer Kulisse: Domen Prevc bei seinem Einzel-WM-Titel auf der Skiflugschanze in Oberstdorf, deren Name ihr der Pionier Heini Klopfer (Bild im Hintergrund) gab. (Foto: Hafner/Nordphoto/Imago)
Am Freitagabend schon gab es ein schönes Bild, als Domen Prevc bei der Skiflug-WM in Oberstdorf im zweiten Durchgang auf 224,5 Meter flog. Der Fotograf erwischte den späteren Einzel-Weltmeister direkt bei der Telemark-Landung. Und hinter ihm, auf der Rückseite des Gebäudes, von wo aus ein Aufzug die Athleten (und an anderen Tagen Touristen) zur Schanze hochfahren, sah man ein Schwarz-Weiß-Bild mit Heini Klopfer. Die Aufschrift: „Vor seinem ersten Sprung.“ Heini Klopfer ist ein Pionier des Skispringens, nach dem Oberstdorfer, der später zum Architekten von hunderten Schanzen in aller Welt wurde, ist auch die größte Schanze Deutschlands benannt, die hoch über dem schattigen Stillachtal einige Kilometer südlich von Oberstdorf thront.
Wer dort als Nicht-Skispringer auf ihrem 72 Meter hohen Turm steht, mit Blick auf den Freibergsee, Oberstdorf und die Allgäuer Alpen, der muss hart gesotten sein, um kein Bauchkribbeln zu bekommen. Der Gedanke, den 122,5 Meter langen Anlauf mit am Ende mehr als 100 Km/h hinunterzufahren, in der Luft auf mehr als 120 Km/h zu beschleunigen und nach weit mehr als 200 Metern zu landen – unmöglich für Laien, ihm nachzuhängen. Man brauche dafür sehr viel Mut, sagen selbst die Skiflieger.
Während die etablierten DSV-Adler schwächeln, fliegt Philipp Raimund pünktlich zur Vierschanzentournee in die Weltspitze – wäre da nicht die latente Gefahr eines Kontrollverlusts.
Prevc ist ein solcher Flieger, am 20. März 2022 hat er hier den Schanzenrekord auf 242,5 Meter hochgeschraubt. Den Weltrekord hält er auch, 254,5 Meter, aufgestellt am 30. März 2025 in Planica. Ganz so weit hinunter flog er nicht am Freitag und Samstag im Einzelentscheid dieser WM. Aber Prevc hat nun auch diesen Ort erobert. Nach Flügen auf 204, 224,5, 232 und 222,5 Meter in den vier Durchgängen bestieg er in Oberstdorf den nächsten Thron, 18 000 Zuschauer in der ausverkauften Arena sahen ihn am Samstag 60 Punkte Vorsprung anhäufen auf den zweitplatzierten Norweger Marius Lindvik, der Japaner Ren Nikaido wurde Dritter. Zehn Jahre zuvor war Prevc’ Bruder Peter am Kulm in Österreich als erster der Familie Skiflug-Weltmeister geworden. Welch Duplizität der Ereignisse: Peter hatte 2016 auch die Vierschanzentournee gewonnen, Domen exakt zehn Jahre später – nach seinem Auftaktsieg vor einem Monat in Oberstdorf, auf der fünf Kilometer nördlich gelegenen Schattenbergschanze.
„Ich habe so lange dafür gearbeitet“, sagte Prevc: „Ich bin jemand, der etwas Zeit braucht, um Erfolge zu verarbeiten. Ich werde nicht vor Begeisterung schreien, aber ich habe gerade ein großartiges Gefühl.“ In der Tat schrie er nicht, auch nicht bei der Siegerehrung. Während Nikaido und Lindvik ihren Jubel – von den Fotografen animiert – herausbrüllten, lächelte Prevc wie so oft still in sich hinein. Er ist nun Skisprung-Weltmeister in Team und Einzel, Skiflug-Weltmeister im Einzel, Vierschanzentournee-Sieger. Was ihm noch fehlt, ist eine Olympiamedaille und der Gesamtweltcup-Sieg. Und es ist klar, was Prevc in Predazzo im Val di Fiemme erreichen will: „Der Traum geht weiter. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür und ich kann es kaum erwarten.“ Am 9. Februar starten sie für Prevc mit dem Springen von der Normalschanze.
Die Kluft zu den deutschen Springern konnte kaum größer sein, im Stillachtal erlebten sie die schlechteste Flug-WM im Einzel seit 2010. Diesmal war Philipp Raimund als Bester auf Rang 13 gelandet, ausgerechnet Raimund, der im vergangenen Jahr berichtete, unter Höhenangst zu leiden. Vor neun Monaten hatte er deswegen das Weltcup-Finale in Planica abgesagt. Inzwischen hat er sie dank Mentaltrainings in den Griff bekommen. Karl Geiger, nach dem ersten Tag noch Elfter, kam als zweitbester Deutscher in seiner Heimat Oberstdorf auf Platz 17. Der Tournee-Sechste Felix Hoffmann wurde 22., Pius Paschke 25. Andreas Wellinger stand wegen Formschwäche gar nicht im Kader. Bundestrainer Stefan Horngacher kam daher am Samstagabend ziemlich ernüchtert ins Pressezelt. „Vom Ergebnis her ist das sehr unbefriedigend, ich hätte mir mehr erhofft. Es war das Ziel, dass unsere besten Flieger unter den besten Zehn sind. Dass jetzt keiner drin ist, ist bitter für uns.“
Vor allem Geiger, der Skiflug-Weltmeister von 2020, ärgerte sich am Ende, nachdem er in den ersten drei Flügen auf 217,5, 197 und 202 Meter geflogen war und sich als Elfter eine gute Ausgangsposition vor dem letzten Versuch verschafft hatte. Doch dort hob er zu früh vom Schanzentisch ab und kam nur auf 187,5 Meter. „Der heutige Tag war nicht mehr ganz so gut wie gestern, aber ich bin zufrieden. Ich habe ein Zeichen gesetzt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“
Nur auf dem richtigen Weg wohin? Geiger hat aufgrund seiner Formschwäche, die sich den ganzen Weltcupwinter samt Vierschanzentournee hindurchzog, die Olympischen Winterspiele verpasst, zu spät hatte er auch nur die halbe Norm geschafft. „Das ist schon ein bisschen ärgerlich“, sagte Horngacher, Geiger machte ebenfalls kein Geheimnis aus seiner Enttäuschung: „Klar ärgert mich das, aber ich brauche mich hier nicht schwarz ärgern. Ich nehme jetzt mit, was kommt, bin froh, dass ich die Kurve wieder ein bisschen zu kriegen scheine. Aber in Stein gemeißelt ist das alles nicht, ich muss mich jeden Tag neu anstrengen.“
Der Weltcup in Willingen steht für Geiger und die anderen noch vor den Winterspielen an, danach dann der Kulm, Lahti, Oslo, Vikersund und das Finale Ende März in Planica. Sehr wahrscheinlich wird dort Domen Prevc einen weiteren Meilenstein setzen – als neuer Gesamtweltcup-Sieger. Er würde diesen nächsten Erfolg natürlich zehn Jahre nach seinem Bruder Peter erringen. Und die Deutschen? Werden dort zum Abschied von Horngacher als Bundestrainer einen ihrer dunkelsten Winter ausklingen lassen, sollte ihnen bei den Winterspielen nicht noch eine große Überraschung gelingen.
Was denn eigentlich das Skifliegen so besonders mache, wurde Horngacher am Samstagabend im fast schon heißen Pressezelt noch gefragt: „Du hast ein Kribbeln, das machst du ja nicht jeden Tag. Und wenn du die Luftkräfte überwindest und du fängst an zu fliegen, dann bist du wie schwerelos. Das ist ein wahnsinnig tolles Erlebnis.“ Dann ergänzte er noch: „Wenn du in die Flugsituation kommst.“
Eben nicht wie seine Deutschen. Aber wie Domen Prevc, der auch weiterhin regierende König der Lüfte.
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