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25.01.2026
12:27 Uhr
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Der Slowene holt wie Bruder Peter vor zehn Jahren nach dem Sieg bei der Vierschanzentournee auch den Skiflug-WM-Titel. Während die deutschen Athleten hadern, nimmt Prevc Kurs auf seine erste Olympiamedaille.

Es war ein ziemlich einmaliges Bild, das die 10 500 Zuschauer in der Heini-Klopfer-Arena in Oberstdorf am späten Sonntagnachmittag zu sehen bekamen. Und ein verstörendes. Als der Norweger Marius Lindvik gerade auf dem Balken saß und sich auf seinen ersten Sprung im Team-Wettbewerb der Skiflug-Weltmeisterschaft vorbereitete, da schossen plötzlich zwei Ski von hinten unter ihm hindurch. Die Ski flogen unkontrolliert die Schanze hinunter, über den Schanzentisch, einer segelte zwar keine 200 Meter weit, aber immerhin rund 50 Meter, landete früh auf dem Aufsprunghügel und rutschte dann hinunter ins Stadion. Immerhin, ohne jemanden zu verletzen. Nur: Warum fuhr er alleine ohne seinen Springer? Und vor allem: Von wem war dieser Ski?
Das kaum Fassbare: Es waren die Ski von Domen Prevc, dem Flugkönig dieses Winters, der die Vierschanzentournee und am Samstag den Einzeltitel bei der Flug-WM in Oberstdorf gewonnen hatte. Der 26-jährige Slowene hatte offenbar seine Ski während der Anzugkontrolle oben an ein Geländer gelehnt, statt sie in eine dafür vorgesehene Kontrollbox zu stellen oder einem Mitarbeiter des Ski-Weltverbandes Fis zu geben. „Ich habe so etwas noch nie erlebt. Es war Eigenverschulden, es gibt ganz klare Regeln“, sagte Andreas Bauer, Mitglied der Fis-Materialkommission, in der ARD: „Bei dem Schneefall ist es glitschig, dann haben sie sich selbständig gemacht.“
Während die etablierten DSV-Adler schwächeln, fliegt Philipp Raimund pünktlich zur Vierschanzentournee in die Weltspitze – wäre da nicht die latente Gefahr eines Kontrollverlusts.
Ein Mitglied der slowenischen Mannschaft brachte den Ski danach in Windeseile wieder nach oben, doch Prevc durfte nicht mehr zu seinem ersten Sprung antreten. Slowenien legte Protest ein, der abgewiesen wurde. Es ging danach kurios weiter: Zunächst hieß es, dass die Slowenen gar nicht mehr starten würden. Dies war jedoch ein Missverständnis, wie im Funkverkehr zu hören war – wenig später startete Timi Zajc den zweiten Durchgang. Dort durfte auch Prevc dann offiziell wieder auf den Balken, doch durch die fehlenden Punkte war jede Chance auf eine Medaille vertan. Ein herber Rückschlag für das Team des klaren WM-Favoriten Slowenien, das 2022 und 2024 mit Domen Prevc Team-Weltmeister geworden war. Am Ende wurden sie Sechste.
„Ich bin ja nicht oft sprachlos, aber heute fehlen mir die Worte“, sagte Sven Hannawald am Fernsehmikrofon: „Der Junge ist selbst schuld, er hat das selber verbockt.“ Das Ergebnis dieser Skiflug-WM rückte angesichts der Ereignisse aus dem ersten Durchgang fast in den Hintergrund, dabei handelte es sich um ein extrem spannendes Finale: Japan kürte sich zum ersten Mal überhaupt zum Skiflug-Weltmeister, weil Jan Hörl als letzter Österreicher zu kurz sprang. Norwegen gewann Bronze vor den viertplatzierten Deutschen, die trotz Prevc’ verlorenem Ski die Medaillen verpassten.
Am Freitagabend hatte es noch ganz andere Bilder gegeben, als Prevc im Einzel im zweiten Durchgang auf 224,5 Meter geflogen war. Der Fotograf erwischte den späteren Einzel-Weltmeister direkt bei der Telemark-Landung. Und hinter ihm, auf der Rückseite des Gebäudes, wo ein Aufzug die Athleten (und an anderen Tagen Touristen) zur Schanze hochfährt, sah man ein überdimensionales Schwarz-Weiß-Foto mit Heini Klopfer. Die Aufschrift: „Vor seinem ersten Sprung.“ Klopfer ist ein Pionier des Skispringens, nach dem Oberstdorfer, der später zum Architekten von hunderten Schanzen in aller Welt wurde, ist auch die größte Schanze Deutschlands benannt, die hoch über dem schattigen Stillachtal einige Kilometer südlich von Oberstdorf thront.
Dass dann allerdings zwei herrenlose Ski seine Schanze bei der WM 2026 herunterfahren – das hätte wohl auch Klopfer nicht für möglich gehalten. Wer dort oben als Nicht-Skispringer auf dem 72 Meter hohen Turm steht, mit Blick auf den Freibergsee, Oberstdorf und die Allgäuer Alpen, der muss ohnehin hart gesotten sein, um kein Bauchkribbeln zu bekommen. Der Gedanke, den 122,5 Meter langen Anlauf mit am Ende mehr als 100 km/h hinunterzufahren, in der Luft auf mehr als 120 km/h zu beschleunigen und nach weit mehr als 200 Metern zu landen – unmöglich für Laien, ihm nachzuhängen. Man brauche dafür sehr viel Mut, sagen selbst die Skiflieger.
Aber man braucht auch Ski. Jedenfalls war für Prevc am Samstag die Welt dort oben noch in Ordnung, ohnehin hat er am 20. März 2022 hier den Schanzenrekord auf 242,5 Meter hochgeschraubt. Den Weltrekord hält er auch, 254,5 Meter, aufgestellt am 30. März 2025 in Planica. Ganz so weit flog er nicht am Freitag und Samstag im Einzelentscheid dieser WM. Aber nach Flügen auf 204, 224,5, 232 und 222,5 Meter in den vier Durchgängen bestieg er den nächsten Thron. 18 000 Zuschauer in der ausverkauften Arena sahen ihn am Samstag 60 Punkte Vorsprung anhäufen auf den zweitplatzierten Norweger Lindvik, der Japaner Ren Nikaido wurde Dritter. Die Deutschen landeten auf den hinteren Plätzen, Philipp Raimund war Bester als 13. Im Stillachtal erlebten sie die schlechteste Flug-WM im Einzel seit 2010. „Vom Ergebnis her ist das sehr unbefriedigend, ich hätte mir mehr erhofft. Es war das Ziel, dass unsere besten Flieger unter den besten Zehn sind. Dass jetzt keiner drin ist, ist bitter für uns“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher schon nach dem Einzel.
Zehn Jahre zuvor war Prevc’ Bruder Peter am Kulm in Österreich als erster der Familie Skiflug-Weltmeister geworden. Welch Duplizität der Ereignisse: Peter hatte 2016 auch die Vierschanzentournee gewonnen, Domen exakt zehn Jahre später – nach seinem Auftaktsieg vor einem Monat in Oberstdorf, auf der fünf Kilometer nördlich gelegenen Schattenbergschanze.
„Ich habe so lange dafür gearbeitet“, sagte Prevc: „Ich bin jemand, der etwas Zeit braucht, um Erfolge zu verarbeiten. Ich werde nicht vor Begeisterung schreien, aber ich habe gerade ein großartiges Gefühl.“ Was ihm noch fehlt, sind eine Olympiamedaille und der Gesamtweltcup-Sieg. Aber daran dachte er wohl kaum nach seinem unglaublichen Fauxpas vom Sonntag.
Der Weltcup in Willingen steht noch vor den Winterspielen an, bei denen Prevc natürlich der Favorit ist. Danach dann der Kulm, Lahti, Oslo, Vikersund und das Finale Ende März in Planica. Sehr wahrscheinlich wird dort Prevc einen weiteren Meilenstein setzen – als neuer Gesamtweltcup-Sieger. Er würde diesen nächsten Erfolg natürlich zehn Jahre nach seinem Bruder Peter erringen.
Aber das Bild, das von ihm und diesem Skisprung-Winter bleibt und in die Geschichte dieses Sports eingehen wird, ist jenes von seinen Skiern, die einfach ohne ihn die Schanze hinunterspringen.
Domen Prevc beherrscht die Vierschanzentournee mit Leichtigkeit: Wer ist der eher leise Mann aus Slowenien, dessen Familie das Skispringen im Blut hat? Ein Anruf bei Bruder Cene.
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