SZ 19.02.2026
16:31 Uhr

(+) Skibergsteigen bei Olympia: Boom-Generation mit Fell


Tatjana Paller aus Starnberg verpasst bei der olympischen Premiere des Skibergsteigens knapp eine Medaille. Über eine Disziplin, die aus dem Skitourengehen entstand – und sich auf präparierten Pisten emanzipierte.

(+) Skibergsteigen bei Olympia: Boom-Generation mit Fell

Das Fell ist der treue Begleiter eines jeden Skitourengehers, aber selbst der treueste Freund kann einem schon mal auf den Geist gehen. Beim Skitourengehen tritt diese Phase meist dann ein, wenn man am Gipfel angekommen ist, das vermeintlich schwierigste hinter sich hat, ehe die Erkenntnis einsetzt: Jetzt muss ich ja noch abfellen. Im Schneegestöber kann es nun unangenehm werden, man ist verschwitzt, abgekämpft – und soll nun filigrane Fertigkeiten zeigen. Abfellen heißt, die beiden rauen Klebestreifen unter den Skiern zu entfernen, also Handschuhe ausziehen – und mit dem Gefummel beginnen.  Die Finger werden kalt, der ganze Körper beginnt zu bibbern. Aber ohne Abfellen gibt es keine Abfahrt.

Es lässt sich darüber streiten, wie viel oder wenig die neue Disziplin Skibergsteigen noch mit Skitourengehen im klassischen Sinn zu tun hat. Parallelen aber wird man finden. Das Abfellen etwa wird hier zum zentralen Element, das über Medaillen entscheiden kann. Zu sehen war das am Donnerstag, bei der olympischen Premiere der Frauen. Die beste Deutsche in dieser Disziplin heißt Tatjana Paller und ließ mehr als erahnen, dass sie auch im internationalen Kräftemessen zu den stärksten Skibergsteigerinnen in der olympischen Disziplin Sprint zählt. Auch wenn es am Ende ganz knapp nicht zur Medaille reichte.

Tatjana Paller tritt bei Olympia in der neuen Disziplin Skibergsteigen an. Warum wechselte sie vom Rennrad in den Schnee? Und wie viel hat das noch mit Skitourengehen zu tun? Ein Gespräch über die Schönheit dieses Sports, seine Kontroversen und seine Gefahren.

Im Sprint der Skibergsteigerei – bei Olympia offiziell Skimountaineering, kurz Skimo genannt – müssen die Athleten, ähnlich wie auch im Langlaufsprint, zwei Ausscheidungsrunden überstehen, um das Finale um Gold, Silber und Bronze zu erreichen. Die Starnbergerin Paller hatte die ersten beiden Hürden souverän genommen. Die 30-Jährige war erst auf Skiern samt Fellen den Anhang von Bormio hinaufgeeilt, was mit den ultraleichten Skimo-Brettern tatsächlich ein wenig an Langlauf im Steilen erinnerte. Ehe sie die Skier abschnallte und auf den Rücken bugsierte und mit Skistiefeln einen Treppenlauf bewältigte, die sogenannte Tragepassage. Anschließend geht es Runde um Runde abermals samt angefellter Skier unter den Beinen zum entscheidenden Wechsel: dem Abfellen.

Dreimal hatte Paller diese strapaziösen, um nicht zu sagen stressig wirkenden ersten zwei Rennminuten hinter sich gebracht. Nun aber, im Finale, lag sie im Wettkampf mit den Stärksten dieses Sports an sechster und letzter Stelle. Aber es stand noch der entscheidende Wechsel an: besagtes Abfellen. Der Vorgang kann beschwerlich sein, Paller aber zeigte, wie es anders geht. Statt sich die Handschuhe abzustreifen und die Skier abzuschnallen, vollführte sie samt Skiern einen kurzen Hüpfer, duckte sich im Sprung nach unten und zog den Skiern das Fell ab. Während sich zwei Konkurrentinnen noch abmühten, zog Paller davon – und hätte beinahe noch die Spanierin Ana Alonso Rodriguez abgefangen. Die finale Abfahrt, das letzte Skimo-Element, war aber zu kurz, um die drei Sekunden Rückstand auf die Bronzegewinnerin noch aufzuholen.

Skimo als Wettkampf ist deutlich jünger als das Skitourengehen. Dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) diese artverwandte Disziplin ins Programm der Winterspiele nahm, darf auch als Reaktion darauf gesehen werden, dass das klassische Skitourengehen immer mehr Menschen fasziniert. Bundesweit sind nach Schätzungen des Deutschen Alpenvereins derzeit mehr als 600 000 aktive Skitourengeher unterwegs, in der Schweiz, Italien, Frankreich und Österreich wurden ähnliche Entwicklungen beobachtet.

Paller darf man wie ihre Konkurrentinnen mehr zu den Skitourenläuferinnen zählen, es ist ein Skilauf im Wortsinn. Mit originären Skitouren hat speziell die olympische Variante kaum etwas zu tun. „Das ist schon etwas anderes, das muss man ehrlich zugeben“, hatte Paller vor den Spielen im SZ-Interview erklärt. Die Elemente des Skitourengehens seien „zwar im Ansatz vorhanden“, so Paller: „Aber natürlich ist das sehr verkürzt und vereinfacht.“

Paller entstammt der neuen Boom-Generation der Befellten, die ihren Sport weitestgehend auf präparierten Skipisten betreiben. Erfahrene Alpinisten, die seit Kindes- oder Jugendjahren Europas Skiberge erkunden, neigen dazu, diese Pistengeherei zu belächeln. Dass aber diese spezielle Form so starken Zuwachs erfährt, passt allerdings zum aktuellen Zeitgeist, da der Schnee den Wintersportlern in all seinen Ausprägungen unter den Brettern dahinschmilzt. Anders gesagt: Skipisten werden mit Kunstschnee erhalten – und sind lawinensicher. Abseits dieser Pisten finden sich in den Zentralalpen dagegen immer weniger Gebirgszüge, die seriöse alpine Skitouren zulassen. Seriös heißt: Mit Lawinenausrüstung, also Piepser, Sonde und Schaufel – und den entsprechenden Kenntnissen und Trainings, um mit diesen Geräten im Ernstfall umgehen zu können.

Lawinengefahr einschätzen, Gletscherspaltenbergung, die Einsamkeit der alpinen Bergwelt, diese Kernelemente des Skitourengehens fehlen auf der Piste – natürlich noch mehr bei Olympia. Dafür, auch das sprach aus den Bildern von Bormio, lebt der Skimo-Sprint von Spannung und Rasanz. Für TV-Zuschauer dürfte diese Abwandlung des Sports interessanter sein als ein mehrstündiger Aufstieg, bei dem es rein um die Ausdauer geht. Ähnlich wie im Langlauf, wo sich das 50-Kilometer-Rennen nicht nur für die Athleten merklich in die Länge zieht.

Die ersten olympischen Preise sind nun vergeben. Sprint-Weltmeisterin Marianne Fatton aus der Schweiz holte sich bei der olympischen Premiere die erste Goldmedaille im Skibergsteigen, sie und die Silbermedaillengewinnerin Emily Harrop aus Frankreich (+2,38 Sekunden) waren Paller und den drei anderen Finalistinnen um mehr als zehn Sekunden enteilt. Bei den Männern gewann ebenfalls der aktuelle Weltmeister: Oriol Cardona Coll aus Spanien siegte vor Nikita Fillipow, der die erste Medaille eines „neutralen“ russischen Athleten bei diesen Winterspielen gewann, und Thibault Anselmet aus Frankreich.

So endete der olympische Donnerstag im Schneetreiben von Bormio mit emotionalen Bildern: Die Spanierin Rodriguez weinte vor Glück, als sie und Paller sich in den Armen lagen. Da war zu erahnen, was es den beiden bedeutete, hier dabei zu sein. Ob mit Medaille oder ohne, Hauptsache mit Fellen.

Mit 17 wurde er selbst von einem Schneebrett mitgerissen: Ein Gespräch mit dem Lawinenforscher Thomas Feistl darüber, wie Skitourengeher sich absichern können – und was zu tun ist, wenn ein Verschütteter zu ersticken droht.

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