|
17.01.2026
15:51 Uhr
|
Überlegen gewinnt der Schweizer Marco Odermatt mal wieder die traditionelle Lauberhornabfahrt in Wengen. Die Konkurrenz wirkt zunehmend ratlos.

Schöne Aussicht: Marco Odermatt auf dem Weg zum Abfahrtssieg in Wengen. (Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone/dp)
Nur wer stürzt, kommt in Wengen zur ganz großen Ehre. Die berühmten Streckenabschnitte der Lauberhornabfahrt sind vor allem nach jenen Skifahrern benannt, die an Ort und Stelle scheiterten. An der Minsch-Kante stürzte 1965 Josef Minsch, im Canadian Corner rutschten 1976 die „Crazy Canucks“ Ken Read und Dave Irwin in den Zaun, im Österreicherloch kurz vor dem Ziel fielen 1954 Toni Sailer, Anderl Molterer und Walter Schuster hin. Und im berühmtesten Abschnitt, dem Brüggli-S, stürzte 1997 der Schweizer Bruno Kernen so spektakulär, dass es heute Kernen-S heißt.
Sie müssten in Wengen also schon sehr bewusst mit der Tradition der Namensgebung brechen, damit in der Zukunft mal jemand den Marco-Corner, die Odermatt-Kante oder das Odi-S befahren kann. Man müsste dazu nämlich nicht mehr an diejenigen erinnern, die von der Strecke bezwungen wurden. Sondern an den Mann, der die Lauberhornabfahrt beherrscht wie kein anderer in ihrer langen, stolzen Geschichte.
Im Fokus vor den Olympischen Spielen steht zum Jahreswechsel nicht mehr Cortina, sondern die Eishockey-Arena in Mailand. Ob alles fertig wird? Die Macher verbreiten in Seelenruhe ihren Optimismus – dabei zählt jede Stunde.
Auch im Januar 2026 gibt es ausreichend Gründe, in der Schweiz alles von Skistrecken bis Kuhglocken Marco Odermatt zu widmen: Einmal mehr ist er inmitten eines herausragenden Schweizer Skiteams und eines umkämpften Gesamtweltcups der nahezu uneinholbare Athlet. Als würde man neben das Wengener Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau den K2 stellen, so wirkt es mit Odermatt und seinen Konkurrenten.
Die vierte Abfahrt in Serie gewann Odermatt am Samstag am Lauberhorn, innerhalb von drei Jahren (im Jahr 2024 hatte es zwei Ausgaben am selben Wochenende gegeben). Der Schweizer Beat Feuz und der Österreicher Franz Klammer sind mit ihren drei Siegen somit auch hinter Odermatt zurückgerutscht. Bei all den Rekorden kommt man kaum noch hinterher. „Ich wusste das noch gar nicht“, sagte Odermatt später im Interview beim ORF.
Weil es wirklich schnell in Vergessenheit gerät: Die Odermatt-Festspiele im Berner Oberland finden schon das zweite Wochenende in Serie statt. Vor sieben Tagen erst gewann er zum fünften Mal nacheinander den Riesentorlauf im ebenso publikumsstarken Adelboden. Damals übertrumpfte er einen alten Bestwert von Ingemar Stenmark, die Technik-Profis von einst sind vor dem 28-Jährigen schon lange nicht mehr sicher. In Wengen war es dann wieder der Abfahrer Odermatt, der unschlagbar wirkte: „Zwei, drei Zehntel würde ich noch finden auf ihn“, sagte etwa der Zweitplatzierte Österreicher Vincent Kriechmayr. Der Rückstand von acht Zehntelsekunden allerdings sei „bei Gott nicht“ einzuholen: „Es ist einfach unglaublich, was der Odi da gefahren ist.“
Insbesondere das Kernen-S, eine der herausforderndsten Stellen im Skizirkus, definiert Odermatt zunehmend neu. Über die Jahre hatten sich unter den Fahrern verschiedene Wege durch die Engstelle herauskristallisiert: Manche bremsten kurz im Schneepflug ab, andere fuhren eine kleine Extrakurve, einige landeten in der Werbebande. Odermatt allerdings bremst bei der Einfahrt in das S nicht, er verlässt sich darauf, genau in der richtigen Hundertstelsekunde die Kante in den Schnee zu stellen, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Und der Rest der Skiwelt? Muss dasselbe riskieren – und scheitert am Timing. Meistens.
Am Freitag, im Super-G, war dem jungen Italiener Giovanni Franzoni mal das Kunststück gelungen, das Kernen-S besser zu befahren als Odermatt. Der gratulierte nach einer etwas verpatzten Fahrt seinem Gegner überaus euphorisch, fast als ob er sich über die Herausforderung freute. Siege sind am Ende eben doch mehr wert, wenn sie gegen starke Konkurrenten errungen werden. Franzoni wurde am Samstag gleich noch einmal Dritter. Er darf sich damit jetzt offiziell zu den wenigen Kontrahenten zählen, die Odermatt an guten Tagen nahe kommen können. Drei von vier Abfahrten in diesem Winter gewann der viermalige Gesamtweltcupsieger, nur sein Schweizer Kollege Franjo von Allmen konnte ihm im Dezember in Gröden mal mit drei Zehntelsekunden Abstand auf den zweiten Platz verweisen.
All das sind klare Vorzeichen im Hinblick auf das kommende Wochenende in Kitzbühel, wo die Streif allerdings noch eine der letzten Herausforderungen in der Karriere des großen Marco Odermatt bereithält: Ein Abfahrtssieg am Hahnenkamm fehlt dem Lauberhorn-Rekordmann noch.
Schauspieler, Influencer und andere Prominente sind als Fackelträger willkommen, Sportgrößen wie Silvio Fauner und Piero Gros aber nicht. Vor Olympia diskutiert Italien über fehlenden Respekt gegenüber seinen Medaillengewinnern.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: