SZ 06.03.2026
15:08 Uhr

(+) Ski alpin: Aicher bringt Shiffrin ins Schwitzen


Die deutsche Skirennläuferin sammelte zuletzt so viele Punkte, dass die scheinbar unbezwingbare US-Amerikanerin um ihren Gesamtsieg im Weltcup bangen muss.

(+) Ski alpin: Aicher bringt Shiffrin ins Schwitzen

Ziemlich genau 15 Jahre ist es her, da stand die Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch vor einem Hotel in Lenzerheide, als sie eine Botschaft erreichte. „Echt jetzt?“, fragte sie. Dann fiel sie ihrer Teamkollegin Viktoria Rebensburg um den Hals und weinte vor Freude. Höfl-Riesch hatte an jenem Samstag im März 2011 erfahren, dass sie den Ski-Gesamtweltcup gewonnen hat – ohne im Finale auf die Piste zu gehen. Das letzte Saisonrennen in der Schweiz war wegen schlechter Bedingungen abgesagt worden. Der Zwischenstand wandelte sich zum Endergebnis. Lindsey Vonn: 1725 Punkte, Maria Höfl-Riesch: 1728 Punkte – so endete einer der ärgsten und engsten Zweikämpfe in der Geschichte des alpinen Skisports. Seither durfte nie wieder eine Deutsche die große Kristallkugel küssen.

Der Exkurs in den Winter 2010/11 lässt erahnen, warum die Beobachter der Wintersportszene derzeit eine Frau besonders genau beobachten: Emma Aicher hat sich in den Fokus der Szene gecarvt, so rasant und vehement, dass spätestens seit Freitagmittag wieder in den historischen Statistikbüchern gegraben wird. Denn Aicher hat es am Freitag schon wieder getan: Sie glitt erneut mit der Leichtigkeit einer Trainingsfahrt den Hang hinab, diesmal war die 21-Jährige im italienischen Val di Fassa zugange – und wurde Tageszweite. Eine winzige Hundertstelsekunde fehlte Aicher hinter dem Zielstrich auf die Italienerin Laura Pirovano, 28 Zentimeter Rückstand nach 2274 Metern Strecke.

Keine Skirennläuferin beherrscht die vier alpinen Disziplinen wie die Deutsche Emma Aicher. Warum? Eine Analyse – mit Trainingsvideos aus ihrer Perspektive und Einschätzungen von Hilde Gerg.

Viele sehr knappe Entscheidungen brachte dieser Winter im Rennsport der Skifrauen zutage. Und in der finalen Saisonphase könnte es nun in vielerlei Hinsicht so knapp werden wie lange nicht. Etwa im Ranking der Abfahrerinnen, wo die zurückgekehrte, aber nun wieder verletzte Vonn immer noch in Führung liegt, allerdings nur mehr 14 Zähler vor Aicher und 64 vor Pirovano. Als Vierte in dieser Liste wird Aichers Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann geführt, die am Freitag ihrerseits sehr knapp, um drei Hundertstelsekunden nämlich, Rang drei verpasste, wo sich die US-Amerikanerin Breezy Johnson einfand – die Fünfte im Abfahrtsgesamtranking. Und spätestens seit diesem Freitag lohnt auch der Blick aufs große Ganze.

Im Gesamtweltcup der Frauen schien der Hauptpreis bereits vergeben zu sein, so weit war die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin enteilt. Der Rennkalender hatte im ersten Winterabschnitt eine Häufung von Slalomrennen vorgesehen, die Spezialdisziplin der 30-Jährigen, in der sie 780 von 800 möglichen Punkten für sich beanspruchte und bei sieben Siegen nur einmal Zweite wurde. Mit zunehmender Saisondauer allerdings schmolz der Vorsprung langsam, aber stetig dahin. Im Fassatal kletterte Aicher einstweilen an der Schweizerin Camille Rast vorbei auf den zweiten Gesamtrang. Mit 994 Punkten liegt sie nun hinter Shiffrin, die bei 1133 steht. Deutlich ist das, doch der Blick auf das Restprogramm der Skirennläuferinnen könnte Shiffrin den Schweiß auf die Stirn treiben – und zwar nicht nur wegen der hohen Temperaturen.

Acht Rennen stehen noch an, 800 Punkte sind also maximal zu holen. Vier Speedrennen sind vorgesehen, je zwei Abfahrten und Super-Gs, hinzu stehen je zweimal Riesenslalom und Slalom auf dem Programm. Aicher startet in allen Disziplinen, hat in der Abfahrt (386), Super-G (304) und Slalom (241) regelmäßig gepunktet, im Riesenslalom am wenigsten (63). Shiffrin indes war sonst nur im Riesenslalom erfolgreich, 353 Punkte stehen da bei ihr zu Buche. Nimmt man bei beiden Skirennläuferinnen die Start-Punkte-Quote dieses Winters als Basis, reicht es für Shiffrin zum sechsten Gesamtweltcupsieg ihrer Karriere. Sollte Aicher aber ihren postolympischen Ergebnislauf fortsetzen (vier Starts, ein Sieg, zwei zweite Plätze, ein vierter Rang, 77,5 Punkte pro Rennen), müsste sich Shiffrin eventuell doch mal wieder die langen Speed-Rennskier unterschnallen.

Aicher selbst meldete sich am Freitagmittag per Sprachnachricht. „Ja, ich bin wieder ganz zufrieden mit meiner Fahrt. Ich habe es oben ganz gut getroffen, und unten im Steilen war es auch okay“, sagte sie und klang weniger euphorisch, mehr in sich ruhend. Es könnte den riesigen Werbeballon im Ziel mit einem Knall zerreißen, Emma Aicher würde höchstens kurz die Nase rümpfen.

Für den zuletzt wenig erfolgsverwöhnten Deutschen Skiverband ist der Zugewinn der Halbschwedin Aicher ein historischer Glücksfall, andernfalls müsste Weidle-Winkelmann auf den Abfahrtspisten dieser Welt die schwarz-rot-goldene Alleinunterhalterin geben.  Aicher und Weidle-Winkelmann, fast wie einst die reich dekorierten Rebensburg und Höfl-Riesch? „Die Emma erinnert mich in vielen Punkten ein bisschen an mich selbst in diesem Alter“, hatte Höfl-Riesch der SZ vor den olympischen Skiwettkämpfen in Cortina berichtet, ehe Aicher dort zweimal zu Silber raste. Der Grund: „Diese jugendliche Unbeschwertheit und Lockerheit.“

In den italienischen Dolomiten wird am Samstag abermals ein Abfahrtsrennen der Frauen ausgetragen, mit Aicher und Weidle-Winkelmann, aber ohne Shiffrin. Die US-Amerikanerin war indes am Freitag auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen beim Skifahren zu sehen – und zwar mit den langen Speed-Latten.

Anmerkung: In einer älteren Version des Artikels wurde der Rückstand von Emma Aicher auf Laura Pirovano mit der falschen Distanz angegeben.

Die US-Amerikanerin hat mehr Profiskirennen gewonnen als jeder andere Mensch und ist nun auch Olympiasiegerin von Cortina. Was sie so überlegen macht, lässt sich mit Daten und Ski-Expertise erklären.

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