SZ 15.12.2025
10:15 Uhr

(+) Silber für deutsche Handballerinnen: „Es muss sofort weitergehen“


Nach WM-Silber geht es um die Frage, wie der deutsche Frauenhandball und die Bundesliga von diesem Erfolg profitieren können. Dieses Turnier soll den Beginn einer neuen Ära markieren.

(+) Silber für deutsche Handballerinnen: „Es muss sofort weitergehen“

Ein hochkarätig besetztes Expertinnen-Gremium hat in den vergangenen drei Wochen intensiv erforscht, welcher Sport der tollste der Welt ist. Eine Sprecherin hat am Sonntagabend vor Medien dann offiziell das Ergebnis verkündet: „Handball ist der tollste Sport der Welt!“ Antje Döll ist Kapitänin jenes deutschen Handballteams, das bei der Weltmeisterschaft sehr überraschend das Endspiel erreicht, dieses aber mit 20:23 verloren hat. Norwegen ist nun alles gleichzeitig: Weltmeister, Europameister und Olympiasieger.

Die mit vielen neuen Erkenntnissen sowie mit Freude und Stolz gleichermaßen ausgestatteten deutschen Handballerinnen sind am Montag mit dem Bus von der finalen WM-Station Rotterdam aus heimgefahren, verewigten sich im Goldenen Buch der den Deutschen Handballbund beherbergenden Stadt Dortmund. Dann verteilten sie sich wieder auf verschiedene Städte und Vereine, in die sie die bei der WM entwickelte Begeisterung hinaustragen wollen zu den Menschen im ganzen Land an der Basis.

Für die ganz große Sensation reicht es am Ende nur fast: Die deutschen Handballerinnen unterliegen den übermächtigen Norwegerinnen im WM-Endspiel knapp mit 20:23. Doch Platz zwei ist der größte Erfolg seit 1993. Und das Team hat noch viel vor.

Bereits am kommenden Sonntag spielt in der Bundesliga der VfL Oldenburg mit den Silbergewinnerinnen Jenny Behrend und Marie Steffen bei der TuS Metzingen; am Samstag nach Weihnachten empfängt die HSG Bensheim/Auerbach mit Nina Engel und Mareike Thomaier den SV Union Halle-Neustadt; am selben Tag spielen Alina Grijseels, Lisa Antl und Sarah Wachter mit Borussia Dortmund gegen Frisch Auf Göppingen. Und der Tabellenführer HSG Blomberg-Lippe tritt mit Nieke Kühne und Alexia Hauf beim VfL Oldenburg mit Behrend und Steffen an.

Es geht jetzt ganz entscheidend um die Frage, wie der Frauenhandball und die Bundesliga davon profitieren können, dass die Nationalmannschaft das erste WM-Finale seit 1993 (damals Gold) gespielt und mit Silber die erste WM-Medaille seit 2007 (damals Bronze) gewonnen hat. Das Viertelfinale gegen Brasilien haben im ZDF 2,5 Millionen Menschen gesehen, das Halbfinale in der ARD 3,1 Millionen und das Endspiel am Sonntag in der ARD 5,8 Millionen. Letzteres entsprach einem Marktanteil von 31,3 Prozent.

„Man wird die Auswirkungen der WM-Euphorie auch bei den nächsten Bundesligaspielen spüren“, da ist sich Döll ganz sicher. Sie selbst spielt am 27. Dezember mit der Sport-Union Neckarsulm in Metzingen: „Die WM wird sich in den Zuschauerzahlen der Bundesliga sicher bemerkbar machen – und darauf freue ich mich schon.“

Teammanagerin Anja Althaus, die früher selbst lange in der Nationalmannschaft gespielt hat, hat in den vergangenen Tagen mit Freude gesehen, „wie sehr der Frauenhandball Deutschland begeistern kann“. Sie sei jetzt gespannt „auf alles, was kommt“. Sie hofft auf zusätzliche Sponsoren für die Klubs, fordert mehr Branchenfokus auf die Bundesliga und setzt auf jene Medien, die „die Geschichten unserer Mädels weitererzählen“. Langfristig wünscht sich Althaus aber auch „mehr Politik und mehr Handball-Hallen, damit die Kinder, die Handball spielen wollen, auch die Orte dafür haben“. Mit all diesen Vorhaben dürfe man nicht warten bis zum nächsten Turnier: „Es muss jetzt sofort weitergehen.“

So viele Ebenen und Komponenten hat das, was das Team bei der WM geleistet hat. Drei Vorrundensiege in Stuttgart, drei Hauptrundensiege und ein Viertelfinalerfolg in Dortmund, das überragende 29:23 im Halbfinale gegen den WM-Titelverteidiger Frankreich in Rotterdam. Dann am Sonntag am selben Ort ein Endspiel gegen Norwegen, in dem die deutsche Mannschaft mehrmals kurz davor war, das Spiel auf ihre Seite zu ziehen. Spielerinnen wie die Welthandballerin, WM-Toptorschützin und als beste WM-Spielerin gekürte Henny Reistad mit entscheidenden Aktionen in relevanten Spielphasen sowie die Torhüterlegende Katrine Lunde mit 14 Paraden haben aber knapp den Ausschlag zugunsten der Skandinavierinnen gegeben. „Nach dem Abpfiff waren wir kurz enttäuscht, weil nicht viel gefehlt hat, um Norwegen zu schlagen“, sagte Kapitänin Döll, „aber am Ende sind wir wahnsinnig stolz auf Silber.“

Das knapp verlorene Finale als Schlusspunkt der WM soll für den deutschen Frauenhandball den Beginn einer neuen Ära markieren. „Wir haben eine Mannschaft, die jetzt schon super funktioniert, die sich aber noch weiterentwickeln wird“, sagt Bundestrainer Markus Gaugisch. Die Mannschaft wolle nun häufiger in solchen Spielen dabei sein, „auch wenn es keine Garantie gibt, das immer zu schaffen“. In einem Jahr ist die Europameisterschaft in Osteuropa und der Türkei, in zwei Jahren WM in Ungarn, in drei Jahren Olympia in Los Angeles. Anreize gibt es genug, nachrückende Talente übrigens auch. „Nina Engel ist Jahrgang 2003, Viola Leuchter und Nieke Kühne sind von 2004“, zählte Gaugisch auf, „ich wüsste nicht, dass Norwegen auch nur eine so junge Spielerin bei der WM dabeihatte.“ Es gehe jetzt darum, dass „im deutschen Frauenhandball alle zusammen darauf achten, solche Spielerinnen zu entwickeln“.

Zu diesem Zweck werden in Stuttgart und Leipzig 2027 Bundesstützpunkte eröffnet. „Wir müssen jetzt dranbleiben“, sagt Andreas Michelmann als Präsident des Deutschen Handballbunds: „Es bleibt noch einiges zu tun, um stabil in der Weltspitze zu spielen.“ Es gehe immer auch um mehr Sichtbarkeit des Frauenhandballs. Für alle diese Ziele haben die Nationalspielerinnen in den vergangenen drei Wochen relevante Arbeit geleistet. „Diese Spielerinnen sind Vorbilder für die Basis, sie kämpfen auch für die nächsten Generationen“, sagt Gaugisch. Die Linksaußen Antje Döll und die Rückraumspielerin Emily Vogel wurden ins All-Star-Team der WM gewählt. Viola Leuchter wurde wie schon 2023 zur „besten jungen Spielerin“ ernannt.

Die Stimmung im Team während der anstrengenden WM mit neun Spielen binnen 19 Tagen und trotz des Drucks vor heimischem Publikum war offenbar so gut wie lange nicht mehr. „Diese WM hat derart viel Spaß gemacht, dass ich in den drei Wochen so gut geschlafen habe wie im ganzen Jahr nicht“, sagte Gaugisch lachend. Ein ebenso ungewöhnliches wie vielsagendes Lob an die Mannschaft und ans Trainerteam: „Es war eine Freude, jeden Morgen aufzustehen und diese Spielerinnen wieder mitzunehmen.“

Am Mittwoch beginnt die Handball-WM in Deutschland. Bundestrainer Markus Gaugisch spricht über den Stellenwert des Frauenhandballs, Probleme auf dem Fernsehmarkt und den Plan, bei der WM endlich eine Topnation zu besiegen.

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