|
12.01.2026
15:08 Uhr
|
Die HBO-Serie „All Her Fault“ über das Verschwinden eines fünfjährigen Jungen will die Überforderung von Müttern thematisieren. Aber selbst mit Sarah Snook und Dakota Fanning bleibt die Sache flach.

„Ich bin hier, um meinen Sohn abzuholen.“ Nach diesem Satz ist in Marissa Irvines Leben nichts mehr wie zuvor. Denn die freundliche Dame, die ihr soeben die Tür geöffnet hat, teilt ihr mit, dass ihr Sohn Milo nicht da sei. Ja, sie wisse nicht mal, wer das überhaupt sein soll. Und das, obwohl die Adresse, die Marissa in einer Nachricht auf ihrem Handy immer wieder nachliest, doch stimmt.
Unter der Nummer, von der die Nachricht geschickt wurde und hinter der sie Jenny, die Mutter eines Jungen aus Milos Schule, vermutet, erreicht sie niemanden. Und eine weitere Mutter, die sie anruft, sagt ihr, dass Jacob, der Junge, mit dem ihr Sohn eigentlich zum Spielen verabredet war, gerade auf dem Spielplatz neben ihr rumturnt. Aber wo ist dann Milo?
Mit dieser Frage beginnt die HBO-Serie „All Her Fault“. Und schafft es in wenigen Sekunden, dass man selbst mittendrin ist in dem Albtraum, den Marissa und ihr Ehemann Peter durchleben. Auch Milos Nanny ist nicht zu erreichen, stattdessen liegt ihr Handy auf der Terrasse. Offenbar ist auf der Ebene der Kinderbetreuung etwas schrecklich schiefgelaufen. Und das kurz vor seinem sechsten Geburtstag.
Nun ist „All Her Fault“ aber nicht nur Crime, sondern will, wie der Titel schon sagt, unbedingt das Thema Gleichberechtigung verhandeln. Die Irvines arbeiten beide in der Finanzbranche, leben in einem wirklich riesigen Anwesen mit Pool, und Marissa trägt feine Klamotten in schickem Farbton Nude. Die Message soll offenbar lauten: Auch oder gerade Frauen dieser Klasse haben es nicht leicht, Privatleben und Job unter einen Hut zu bringen. Dabei liegen die wahren Probleme hier im innersten familiären Kern.
Sarah Snook ist Marissa Irvine. Berühmt geworden ist die Australierin als Siobhan „Shiv“ Roy in „Succession“, zuletzt wurde sie für ihre One-Woman-Show „The Picture of Dorian Gray“ gefeiert und ausgezeichnet. Als sie „All Her Fault“ zwischen den Aufführungen von „Dorian Gray“ im West End und am Broadway drehte, war ihre eigene Tochter ein gutes Jahr alt. Die Rolle der Marissa Irvine ist die erste, die Snook spielte, nachdem sie nun auch im wahren Leben Mutter geworden war.
„Ich muss andere Wege finden, um zu weinen“, schrieb sie laut Variety anfangs in ihr Skript. Milos Mutter spielt Snook mit voller Hingabe – es gibt nicht wenige Szenen, in denen sie schreit, zusammenbricht und, besonders am Anfang, ganz wirre Dinge mit ihren Augen macht (Rollen ist kein Ausdruck). Aber wirklich überzeugen kann sie mit „All Her Fault“ nicht.
Was weniger an ihr liegt als an der Figurenzeichnung, die leider ziemlich flach ausfällt. Mehr, als dass Marissa mit viel Geld zu tun hat und ihrem Sohn lieber Pfannkuchen macht, als ihn Froot Loops essen zu lassen, erfährt man nicht über sie. Ebenso wenig, was genau sie und ihren Mann verbindet – außer der Handel mit großem Geld.
"Succession"-Star Sarah Snook spielt im Londoner Theatre Royal Haymarket Oscar Wildes nicht alternden Dorian Gray. Und 25 weitere Gestalten.
Überhaupt sind die Männer hier ziemliche Luschen. Peter Irvine (eher platt: Jake Lacy aus „The White Lotus“) will alles und jeden nach seiner Pfeife tanzen lassen. So herrscht er seinen Sohn in seiner Szene mit „Du gehörst mir“ an, was weniger nach väterlicher Sorge oder Liebe als nach sturem Machtwillen klingt. Der Ehemann von der in das Verschwinden verwickelten Jenny (Dakota Fanning), bedingt sich, während sie beruflich einen Riesendeal an Land zieht, dagegen mehr Zeit für sich aus. Beiden Männern ist es dann aber nicht zu blöd, die Schuld schnell der eigenen Ehefrau in die Schuhe zu schieben. All her fault – alles ihre Schuld? Stattdessen sollte der Serientitel eher lauten „All His Fault“.
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Snook und Fanning haben eine gute Chemie, zwischen den beiden Müttern, die die Außenwelt als Kontrahentinnen sehen will, entwickelt sich ein besonderes Band, das gern hätte vertieft werden können. Aber leider geht „All Her Fault“ selten in die Tiefe. In acht Folgen ver- und entwirrt Showrunnerin Megan Gallagher auf der Basis des gleichnamigen Romans von Andrea Mara ein Netz aus Schockmomenten, Plot-Twists (wenn auch überraschenden) und wechselnden Verdächtigen.
Tatsächlich fährt „All Her Fault“ eine ganze Reihe außergewöhnlicher Familienmitglieder der Irvines auf (Abby Elliott aus„ The Bear“ ist Peter Irvines drogensüchtige Schwester Lia, Daniel Monks sein gehbehinderter Bruder), die nicht mehr dürfen, als ihr Schicksal vor sich herzutragen. An einer Stelle wirft Lia ihrem Bruder auch wörtlich vor, sie immer auf ihre Sucht zu reduzieren. Das könnte man den Serienmachern aber genauso vorwerfen. Man tut sich schwer, in all diesen Blaupausen geplagter Seelen einen Anknüpfungspunkt zu finden.
Zwischendrin gibt es lange Verhörszenen, in denen sich die Serie fast verliert, bis in den letzten beiden Episoden dann so viel aufgelöst wird, dass man kaum noch mitkommt. Und so ist „All Her Fault“ zwar eine solide, unterhaltsame Thrillerserie, aber leider auch, zumal mit diesem Cast, eine vertane Chance.
All Her Fault, acht Folgen, auf HBO Max.
SZ-Serienempfehlungen finden Sie hier.
Eine junge Frau wird brutal ermordet, und die Vergangenheit einer ganzen Kleinstadt ist plötzlich wieder aktuell. Die Thriller-Serie „His & Hers“ birgt ein Geheimnis, das jedem zum Verhängnis werden kann.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: