SZ 21.11.2025
15:15 Uhr

(+) Samerberg: Experte hält Bärensichtung für nahezu ausgeschlossen


Zwar sind die Tiere auf der Südseite der Alpen wieder heimisch. Doch viele Gründe sprechen dagegen, dass die Spaziergängerin in Samerberg tatsächlich einen Bären gesehen hat - nicht zuletzt die Tatsache, dass er jetzt Winterschlaf hält.

(+) Samerberg: Experte hält Bärensichtung für nahezu ausgeschlossen
Ein Braunbär klettert in einem Gehege auf einen Baum. (Archivbild) (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Eine Spaziergängerin will am Rande der Chiemgauer Alpen unweit von Rosenheim einen Bären gesichtet haben. Sie sei am Nachmittag in der Gemeinde Samerberg unterwegs gewesen, wie sie anschließend dem privaten Hörfunksender Radio Charivari berichtete. Sie habe Geräusche gehört, sagte die Frau einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa zufolge. „Dann hat eine Krähe so richtig laut geschrien und dann habe ich mal geschaut und dann habe ich so 200 Meter weiter weg einen Bären stehen sehen, aufrecht“, berichtete sie weiter. „Und dann bin ich gelaufen.“ Ein Foto von der Sichtung habe sie nicht. „Ich habe in dem Moment wirklich nur noch diesen Fluchtreflex gehabt.“

Der Bären- und Wolfsexperte Wolfgang Schröder, 84, und lange Jahre Inhaber der Professur für Wildbiologie und Wildtiermanagement an der TU München, hält es – vorsichtig gesagt – für sehr unwahrscheinlich, dass die Frau wirklich eine Begegnung mit einem Bären hatte. „Sicher ist für mich nur, dass die Frau etwas gesehen hat“, sagt er. „Aber dass es wirklich ein Bär war, halte ich für nahezu ausgeschlossen.“

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Für seine Einschätzung führt Schröder gleich mehrere Punkte an. „Die 200 Meter Entfernung, auf die die Frau den Bären erkannt haben will, sind eine ungewöhnlich große Distanz“, sagt der Experte. „Gerade für Laien.“ Da täusche man sich schnell. Nicht weniger ungewöhnlich sei es, dass der Bär aufrecht dagestanden sein soll. „Bären richten sich in der Regel nicht auf“, sagt Schröder. „Höchstens, wenn sie sich orientieren wollen.“

Auch die Geräusche und das Krähengeschrei, auf die die Frau im Radio verwiesen hat, taugen aus Schröders Sicht nicht als Hinweise auf einen Bären. „Geräusche sind etwas ganz Normales in der Natur, ein Knacken im Unterholz etwa“, sagt er. „Aber nicht von Bären, die Tiere sind sehr leise und heimlich unterwegs.“ Und Krähen schreien Schröder zufolge aus allen möglichen Gründen, aber nicht wegen Bären. Der Grund: „Ein Bär tut einer Krähe ja nichts“, wie der Experte sagt. „Sie hat keinen Anlass, wegen eines Bären zu schreien.“

Die beiden entscheidenden Punkte sind für Schröder freilich die aktuelle Jahreszeit und das völlige Fehlen von anderen Nachrichten von einem Bären in den bayerischen Alpen und im angrenzenden Tirol. „Jetzt im November sind die Bären in aller Regel schon in der Winterruhe“, sagt er. Deshalb wäre es extrem außergewöhnlich, wenn da jetzt plötzlich einer am Samerberg auftaucht. Zumal die nächste Bärenpopulation 200 Kilometer Luftlinie entfernt im Trentiner Adamello-Gebirge lebt.

Von dort wandern zwar immer wieder Jungbären ab, mitunter auch nach Norden in Richtung Tirol und Bayern. „Aber man hätte schon längst erfahren, wenn da einer unterwegs wäre, da hätte es bereits anderswo Sichtungen oder Spuren gegeben“, sagt Schröder. Das sei jedoch nicht der Fall. Und es gebe auch keinerlei Hinweise, dass sich der Bär, der seit Längerem im Tiroler Lechtal lebt und immer wieder mal in den Allgäuer Bergen auftaucht, auf Wanderschaft in Richtung Osten gemacht habe.

Im Chiemgau – der Region östlich des Inntals – gibt es immer mal wieder Meldungen über angebliche Bären-Sichtungen. Zuletzt im August 2025. Da soll am Sondersberg oberhalb der Winklmoosalm bei Reit im Winkl ein Bär gesehen worden sein, außerdem gab es angebliche Trittabrücke und eine Stelle, an der er sich den Pelz gewetzt haben soll. Die Almbauern und Lokalpolitiker waren gleich in großer Sorge wegen Almviehs auf den Weiden.

Das Landesamt für Umwelt, das für den Umgang mit Wolf, Bär und anderen großen Raubtieren in Bayern zuständig ist, ging den Berichten denn auch sehr sorgfältig nach und ließ alle Spuren sorgfältig prüfen. Die Experten fanden freilich keinerlei Anhaltspunkte, dass tatsächlich ein Bär an der Winklmoosalm unterwegs war.

Der letzte gesicherte Nachweis eines Bären in Bayern stammt vom Mai 2023 und zwar von dem Bären im Tiroler Lechtal. Er war damals kurz über die Grenze in die Allgäuer Berge marschiert und dort fotografiert worden. In den Wochen davor gab es außerdem sichere Spuren, dass in den Landkreisen Miesbach, Rosenheim, Traunstein und Berchtesgadener Land ein Bär unterwegs war. Das Tier wurde am 23. Mai 2023 im benachbarten Salzburger Land von einem Zug überfahren und getötet.

Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien war die größte Naturkatastrophe des 19. Jahrhunderts. Sie stürzte auch Bayern ins Elend. Über unheimliche Wetterphänomene, ein ungeahntes Comeback der Kirche und eine Warnung für die Gegenwart.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Gutscheine: