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22.12.2025
15:56 Uhr
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Der Chef einer strategischen Abteilung des Generalstabs wird von einer Autobombe getroffen. Russische Ermittler verdächtigen den ukrainischen Geheimdienst.

Fanil Sarwarow war nach russischen Maßstäben einer der besten einheimischen Generäle: Er absolvierte mehrere Militärhochschulen, nahm in den 90er-Jahren an beiden Tschetschenienkriegen teil. Und 2015/16 zeichnete er sich bei Russlands militärischer Unterstützung (und etlichen Kriegsverbrechen) für Syriens Diktator Baschir al-Assad aus Moskauer Sicht so aus, dass er 2016 Chef der Abteilung zur Vorbereitung von Operationen des russischen Generalstabs wurde. Als solcher dürfte der Generalleutnant auch am russischen Angriffskrieg auf die Ukraine maßgeblich beteiligt gewesen sein.
Im Moskauer Süden gehörten ihm nach Angaben des russischen Infodienstes Agentstwo mehrere Wohnungen und ein Auto der Marke Kia. Mit dem machte sich Sarwarow am Montagmorgen kurz vor sieben Uhr Ortszeit auf dem Weg zur Arbeit, als sein Wagen durch eine Bombe explodierte, die unter dem vorderen Wagenteil angebracht worden war. Der 56 Jahre alte Generalleutnant starb an seinen Verletzungen wenig später im Krankenhaus, so das russische Ermittlerkomitee, das auch ein Video vom Schauplatz der Explosion veröffentlichte. Eine Sprecherin der Ermittler schrieb auf Telegram, eine Version zu dem Mord sei, „dass das Verbrechen von den ukrainischen Geheimdiensten organisiert wurde“. Die Ukraine nahm zunächst keine Stellung zu dem Attentat.
Sarwarow wäre der dritte General, den einer der ukrainischen Geheimdienste für eine mutmaßliche Beteiligung am Ukrainekrieg ermordet hat. Im Dezember 2024 starb Generalleutnant Igor Kirillow, Leiter der atomaren, biologischen und chemischen Kriegsführungskräfte, als er aus dem Haus trat und eine Bombe explodierte, die in einem Scooter versteckt worden war. Kirillow sei durch ein ukrainisches Attentat getötet worden, bestätigte ein ukrainischer Geheimdienstler dem Kyiv Independent (KI).
Ebenfalls 2024, am 28. September, seien der Drohnenspezialist Oberst Alexej Kolomejzew und – am 12. Dezember – der Raketenexperte Michail Schatskij in Moskau erschossen worden, so der KI unter Berufung auf Militärkreise. Im April dieses Jahres tötete eine Bombe Generalleutnant Jaroslaw Moskalik, den Vizechef der Operationsabteilung des russischen Generalstabs.
Der Tod des russischen Generalleutnants Fanil Sarwarow am Montag war aus ukrainischer Sicht indes nicht das einzige wichtige Ereignis: Auf einem russischen Militärflughafen bei Lipezk will der ukrainische Militärgeheimdienst HUR in der Nacht auf Sonntag gleich zwei russische Jagdbomber vom Typ SU-30 und SU-27 so stark beschädigt haben, dass sie flugunfähig seien.
Der HUR veröffentlichte Videos, auf denen zwei Militärflugzeuge mit den Nummern 12 und 82 zu sehen sind und wie sie später durch Bomben außer Gefecht gesetzt wurden. Dem HUR zufolge sei die Operation zwei Wochen lang geplant worden. Dabei seien Patrouillenwege und Ablösungszeiten der Russen ausgekundschaftet worden, und ukrainische Agenten hätten sich unbemerkt auf den Militärflughafen geschlichen und ihn nach der Operation wieder verlassen. Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür zunächst nicht.
Auch die Kollegen vom ukrainischen Geheimdienst SBU wollen in den vergangenen Tagen aktiv gewesen sein: Agenten der Operationsabteilung Alpha zerstörten demnach angeblich mit weit fliegenden, bombenbestückten Drohnen zwei Jagdbomber SU-27 auf dem Militärflughafen Belbek in der Nähe von Sewastopol auf der von Russland besetzten Krim. „Eines der Flugzeuge war mit voller Bombenlast auf dem Weg zur Startbahn und bereit für einen Kampfeinsatz – es wurde zerstört“, so der SBU am 20. Dezember. Bereits am 18. Dezember will der SBU ebenfalls auf dem Flughafen Belbek drei russische Radarsysteme, ein Raketenabwehrsystem Panzir S2 und ein Jagdflugzeug MiG-31 „mit voller Kampflast“ zerstört haben.
Die ukrainische Partisanengruppe Atesch meldete zudem, sie habe in der russischen Region Rostow am Don am Eisenbahnknotenpunkt von Bataisk Feuer gelegt und den Bahnhof zumindest vorübergehend lahmgelegt. Über diesen würden russische Einheiten im Süden der Ukraine versorgt.
Eine aus Kiewer Sicht positive Nachricht gab es auch aus der russischen Region Krasnodar. Dort sollen Trümmer einer abgeschossenen ukrainischen Drohne eine Ölpipeline und zwei Schiffe beschädigt haben, berichtete der Kyiv Independent. Bereits zwei Wochen zuvor hatte eine ukrainische Drohne am Hafen Temrjuk ein Gasterminal angegriffen, das daraufhin mehrere Tage lang gebrannt haben soll. Zudem griffen die Ukrainer in den vergangenen Tagen erstmals Schiffe der russischen Schattenflotte an, also Schiffe, die russisches Öl etwa nach Indien oder China transportieren.
Die Ukraine selbst muss sich indes nicht nur gegen weitergehende russische Drohnen- und Raketenangriffe wehren, wobei etwa die Hafenstadt Odessa und ihre Stromversorgung mit im Zentrum stehen. Wichtiger noch ist der offenbare Fall der Stadt Siwersk in der Region Donezk an Russland, wie sowohl ukrainische Militärbeobachter als auch das Institut für Kriegsstudien in Washington (ISW) melden. Dem ISW zufolge benötigte Russland allerdings 41 Monate, um die Kleinstadt zu erobern. Vor dem Krieg hatte Siwersk knapp 11 000 Einwohner, es hat eine Fläche von etwa zehn Quadratkilometer. Siwersk liegt 30 Kilometer von der wichtigen Festungsstadt Slowjansk entfernt. Auch die Stadt Lyman, über die der Weg nach Slowjansk führt, wird noch von der Ukraine kontrolliert.
Wie schauen die Ukrainer auf die aktuellen Verhandlungen über ein mögliches Kriegsende? Der Glaube an einen sicheren Frieden ist geschwächt, doch jeder zweite hofft noch auf Europas Stärke.
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