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08.02.2026
22:30 Uhr
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Max Langenhan holt im nagelneuen Eiskanal von Cortina den ersten Olympiasieg für das deutsche Team. Neben grandiosem Bahngefühl helfen die medizinische Abteilung – und extra unbequemes Schuhwerk.

Er ist jetzt Olympiasieger: Max Langenhan, sichtlich gerührt bei der Siegerehrung. (Foto: Robert Michael/dpa)
Zwei von vier Läufen waren absolviert, Dunkelheit hatte sich schon über die Bahn gelegt, da stand Max Langenhan, 26, in seinen Rodelschuhen und im langen Daunenmantel vor Journalisten und sinnierte über seine Startzeiten im Eiskanal: „Das nervt mich schon ein bisschen.“ Es war nicht die Explosivität im Antritt, die er bemängelte, auch die Schuhe waren völlig in Ordnung. Nur konnte er den Kopf kaum drehen. Langenhan hatte sich offenbar im Schlaf den Hals verdreht, ausgerechnet in der Nacht vor dem wichtigsten Wettkampf seiner Laufbahn. Der Rodler hatte ernsthaft erwogen, zum Rennen nicht anzutreten. „Aber wir haben gute Physiotherapeuten und Ärzte“, sagte er: „Die haben sechs Stunden herumgewerkt an meinem Genick.“
24 Stunden und zwei Läufe später war er Olympiasieger im Einsitzer.
Im durchweg optimierten Spitzensport kann kein Mensch heute mehr Anspruch darauf erheben, das Außergewöhnliche ganz auf sich allein gestellt fabriziert zu haben. Schon gar nicht im Schlittensport, diesem Schaffensgebiet der Handwerker und Tüftler, der Schweißer, Schleifer und Schrauber, in dem die Athleten fast genauso viel Zeit mit den Designern und Mechanikern in der Werkstatt verbringen wie im Kraftraum. Bei diesem Olympiasieg jedoch, dem ersten für das deutsche Team in Mailand und Cortina, fällt nicht nur ein Hauch, sondern eine Handvoll Goldstaub auf die medizinische Abteilung ab. Langenhan jedenfalls wusste, wem er zu Dank verpflichtet war: „Am liebsten würde ich die Medaille in tausend Stückchen teilen, weil so viele Leute daran Anteil haben“, sagte er und erwähnte Förderer von Jugendtrainern bis zu den ersten Sponsoren.
Um die fehlerlosen Fahrten des 1,90 Meter großen Athleten einzuordnen, der pfeilschnell und wie ein Lot durch die Eisröhre schoss, muss allerdings ergänzt werden, dass er viermal nacheinander den Bahnrekord brach. Am Samstagabend in den ersten beiden Läufen. Und am Sonntag, als der Hals im nagelneuen Eiskanal immer noch heftig schmerzte, erneut. 0,596 Sekunden Vorsprung hatte er in Summe auf den Österreicher Jonas Müller, fast eine Sekunde auf Dominik Fischnaller aus Südtirol. Besonders am Abstand zu Fischnaller lässt sich Langenhans fantastisches Schlittengefühl gut illustrieren. Denn die italienische Mannschaft war durch Cortinas neuen Eiskanal, das Prestigeprojekt, das sich nachts wie ein Silberband vom Waldrand bis an den Ortsrand schlängelt, häufiger gerodelt als der Rest der Welt. Womöglich bis zu einhundertmal mehr, vermutete man im deutschen Team. Ein Heimvorteil, sicherlich. „Allerdings machen wir es bei uns nicht anders, wenn wir Heimwettkämpfe haben“, hatte Felix Loch, der Olympiasieger von 2010 und 2014, dazu diplomatisch angemerkt.
Loch war der Erste, der auf Langenhan noch in der Bahn zueilte und gratulierte, schwer geschlagen als Olympia-Sechster, noch mit Tränen in den Augen; und doch war er auch glücklich für den zehn Jahre jüngeren Kollegen und Rivalen aus Thüringen, mit dem er im Weltcup seit Jahren ein Zimmer teilt. Wenn es einen Favoriten gegeben hatte vor diesem Olympiawettkampf, dann war es der 36 Jahre alte, bei Berchtesgaden lebende Felix Loch: Vier Weltcuprennen hatte er in diesem Winter gewonnen. Erst vor zwei Wochen sicherte er sich den Gesamtweltcup. Der Altmeister des Rodelns fand bis Januar beständig die idealen Linien durch die Eisröhren in den USA und Europa, so schnell und intuitiv wie seit Jahren nicht. Für Langenhan dagegen, in den vergangenen Jahren dominierend, stand bis Sonntag noch kein Saisonsieg zu Buche.
Doch in Cortina, bei seinen fünften Winterspielen, touchierte Loch schon im ersten Lauf am Samstag gleich am Start die Bande. Der Patzer, so eklatant er war, sei allerdings nicht ausschlaggebend gewesen, befand er. Vielmehr stimmte wohl das Finetuning des Schlittens nicht, weil er auch in nahezu fehlerfreien Läufen kaum aufholte. Er schraubte zwischen den Wettkampftagen noch ein wenig, aber mehr als eine Zehntelsekunde, das wusste er vorher, konnte er nicht gutmachen. „Es gibt solche Rennen“, sagte er: „Bitter, wenn es bei Olympia passiert.“ Und wenn die Familie mit den beiden Söhnen an der Bande steht. Vermutlich wird im Teamwettbewerb am Donnerstag nun Langenhan den Vorzug vor Loch erhalten.
Getüftelt und gepokert bis zur letzten Minute hatte auch Max Langenhan mit seinem Schlittenexperten Robert Eschrich. Was er erprobt und erneuert hatte, welche Kufen er bevorzugte, behielt er noch nach der Ankunft in Cortina für lieber sich. „Das weiß man noch nicht, das wird man noch sehen am Tag X“, sagte er verschmitzt. Rodler teilen ihre Betriebsgeheimnisse nicht gern. Der rasante Rutsch durch die Röhre mit 130 km/h ist immer auch ein großes Pokerspiel.
Was Langenhan jedoch verriet, war der offenbar weitverbreitete Trick mit dem Schuhwerk. Statt Größe 46 trägt er im Eiskanal Schuhe der Größe 43 – in denen sich die Zehen krümmen. Alles eine Frage der Aerodynamik: Der geschlossene Reißverschluss im Stiefel, so erklärte er, streckt die Füße – und in vier Läufen, in denen Hundertstelsekunden entscheiden, kann dieser Aschenputtelschuh-Effekt mitunter entscheidend sein.
Drückende Schuhe und Nackenschmerzen: Wer sich nicht quält, gewinnt kein Gold.
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