SZ 14.01.2026
13:53 Uhr

(+) Raumfahrt und Verteidigung: „Sollte ein Krieg ausbrechen, wird der Weltraum zu einem entscheidenden Faktor“


Generalmajor Michael Traut ist bei der Bundeswehr für die Weltraumsicherheit verantwortlich. Ein Gespräch über Machtkämpfe im Orbit, römische Gladiatoren und warum Deutschland nun auch verstärkt im All verteidigt werden soll.

(+) Raumfahrt und Verteidigung: „Sollte ein Krieg ausbrechen, wird der Weltraum zu einem entscheidenden Faktor“

Das 2021 aufgestellte Weltraumkommando der Bundeswehr blieb lange Zeit eher unbeachtet. Das hat sich mit der geplanten 35-Milliarden-Euro-Investition des Verteidigungsministeriums in Raumfahrtsicherheit geändert. Kommandeur Michael Traut, 61, ist viel auf Podiumsrunden gefragt, jetzt nimmt er sich Zeit für ein ausführliches Videogespräch.

SZ: Herr Generalmajor, wem gehört das All? Gibt es dort eigentlich so etwas wie Grenzen, die verteidigt werden müssen?

Michael Traut: Es gibt den Weltraumvertrag von 1967, der festlegt, dass jeder Zugang zum All haben soll und es keine Eigentumsrechte da oben gibt, auch nicht auf dem Mond. Daher gibt es im Weltraum keine nationalen Grenzen. Und man darf auch keine Massenvernichtungswaffen im All stationieren.

Kein Eigentum, jeder darf hin – das klingt eigentlich nach einem utopischen Idealzustand. Andererseits aber auch nach programmiertem Chaos.

Korrekt, diese sehr weit gefasste Regelung eröffnet große Möglichkeiten, aber auch ein großes Konfliktpotenzial – ein Dilemma in sich! Nebenbei: Wenn Sie in den Weltraum wollen, müssen Sie durch den Luftraum durch. Und da haben Sie es dann wieder mit handfesten nationalen Sicherheitsinteressen zu tun – und dort gibt es ja verbindliche Regelungen.

Auf welcher Höhe beginnt dann jenes Utopia?

Wir orientieren uns in Deutschland an der sogenannten Kármán-Linie, die liegt 100 Kilometer über dem Meeresspiegel. Ab dort beginnt die Verantwortung meines Kommandos. Die Aufgabe des Weltraumkommandos ist es, deutsche Assets im Weltraum zu schützen, alles dort zu beobachten und die Bundesregierung über Auffälligkeiten zu informieren.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat Ende September beim Weltraumkongress gesagt, dass allein in der Zeit seines Auftritts 39 Spionagesatelliten Berlin überfliegen würden. War das übertrieben?

Der Minister hat die richtige Größenordnung genannt, die manche Zuhörer überrascht hat. Wir beobachten die russischen und chinesischen Aufklärungssatelliten sehr genau und berechnen ihre Überflüge. Wobei die Zahl der chinesischen Aufklärungssatelliten deutlich höher ist als die der russischen.

Experten sprechen von „Dogfights in Space“, Luftkämpfen im Weltraum. So berichten die Briten, dass ihre Satelliten von russischen Satelliten gestört werden. Ist der Krieg da oben schon im Gange?

In gewisser Weise schon. Russische und chinesische Aufklärungssatelliten parken zum Beispiel neben westlichen Kommunikationssatelliten ein, um sie abzuhören. China kann an andere Satelliten ankoppeln und sie wegschleppen. Russland und China haben gezeigt, dass sie Satelliten im Erdorbit zerstören können. Und Russland wird verdächtigt, an Technologien zu forschen, um einen nuklearen Sprengsatz in den niedrigen Erdorbit zu bringen. Das sind echte Bedrohungen.

Airbus-Defence-Chef Michael Schöllhorn hat neulich im SZ-Interview gesagt, dass das All „kriegsentscheidend“ sei.

Er hat recht. Eigentlich hatte der Weltraum schon immer eine militärstrategische Bedeutung, das war schon im Kalten Krieg so. Wenn Sie heute im Weltraum glaubhaft abschrecken und einen Krieg verhindern wollen, müssen Sie dort militärisch präsent sein. Sollte ein Krieg ausbrechen, wird der Weltraum zu einem entscheidenden Faktor – allein schon, wenn Sie bedenken, wie wichtig die Satelliten für all das sind, was hier auf der Erde passiert. Von der Kommunikation über das Militär bis hin zur Steuerung von Kraftwerken.

Investieren wir dann nicht zu viel Geld in Panzer und zu wenig in die Verteidigung im All?

Wir haben die Bedeutung des Weltraums für unsere Sicherheit und Verteidigung bisher unterschätzt. Eigentlich haben wir es vorwiegend durch eine wissenschaftliche Brille gesehen und uns dann mit leuchtenden Augen mit sehr inspirierenden Astronauten beschäftigt. Alles schön und gut, aber den militärischen Teil haben wir dabei oft ausgeblendet. Das hat sich allerdings geändert.

Dass wir jahrelang mit zu romantischem Blick in den Sternenhimmel geschaut haben, rächt sich heute?

Ja, und es geht auch um ein wichtiges Thema der europäischen Selbständigkeit. Von wem kommt das satellitengestützte Navigationssystem GPS? Von den USA, die uns das netterweise seit den Neunzigerjahren zur Verfügung gestellt haben. Und heute ist es der US-Milliardär Elon Musk, der über das Raumfahrtunternehmen Space-X das größte Satellitenkommunikationsnetzwerk Starlink kontrolliert. Europa hat mit Galileo inzwischen ein sehr gutes eigenes Navigationssystem, aber insgesamt ist Europa in vielen Bereichen hinterher.

Verteidigungsminister Pistorius will bis 2030 insgesamt 35 Milliarden Euro in die Weltraumsicherheit investieren. Was brauchen wir da alles?

Wir müssen viele funktionale Bereiche wie Kommunikation und Aufklärung massiv verstärken und insbesondere Fähigkeiten aufbauen, wo wir zurzeit wenig bis nichts haben, zum Beispiel bei der Abwehr ballistischer Raketen. Wir müssen fähig sein, deren potenzielle Startplätze und Flugwege zu überwachen – und zwar mit Hilfe satellitengestützter Frühwarnsysteme.

In der Broschüre zur neuen Weltraumsicherheitsstrategie, an der Sie ja beteiligt sind, ist auch ein Raumflugzeug mit Luftwaffen-Symbol zu sehen.

Ich bin ein großer Fan dieser Technologie. Wenn wir es schaffen, ein horizontal startendes Raumflugzeug zu bauen, das Ladungen in den Erdorbit bringen kann und nur einen normalen Flugplatz braucht, würde uns das weit nach vorne bringen.

Wie können wir uns denn überhaupt erfolgreich schützen? Reicht da nicht die reine Abwehr?

Würden Sie als römischer Gladiator nur Ihren Schild mit in die Arena nehmen oder hätten Sie nicht lieber auch noch etwas dabei, womit Sie Ihren Gegner zum Nachdenken bringen können? Sie müssen es ja nicht anwenden, Sie müssen es ihm nur zeigen. Solche Fähigkeiten würden dann der Abschreckung dienen.

Was wäre so etwas?

Wenn ich einen gegnerischen Satelliten davon abhalten kann, ein Bild von uns zu machen, indem ich ihm mit einem Laser in die Kamera leuchte, sein Radargerät störe oder seine Kommunikation unterbreche, dann habe ich ihm schon den Erfolg verwehrt. Es geht um aktive, offensive Aktionen, aber dabei müssen wir nicht zwingend andere Satelliten zerstören. Nebenbei ist aktives Wirken im Rahmen der Verteidigung alles andere als aggressiv.

Wäre das eine Option für Sie – die Zerstörung russischer oder chinesischer Satelliten?

Als Militär muss ich über alles nachdenken, aber ich würde das als ein letztes Mittel sehen. Wir haben uns außerdem verpflichtet, nichts zu testen, was Weltraumschrott erzeugt. Was nicht zwingend bedeutet, dass wir das im Kriegsfall nicht auch anwenden würden, wenn wir müssten.

Neuer Weltraumschrott gefährdet aber auch Ihre Satelliten.

Exakt, da geht es nicht nur um Moral und die nachhaltige Nutzung des Weltraums. Es geht auch darum: Wir schaden uns selbst damit wohl mehr als dem Gegner. Diese Abwägung treffen wir dann selbstverständlich.

Welche Eingreifoptionen hat Ihr Weltraumkommando dann überhaupt?

Unsere eigenen Möglichkeiten sind mit 180 Leuten noch überschaubar, wir werden aber in den nächsten Jahren deutlich wachsen. Wir müssen damit jede Bedrohung aus dem All erfassen, Weltraumoperationen planen und ausführen und unsere derzeit zehn, künftig viel mehr Satelliten verteidigen.

Wie sieht das dann in der Praxis aus?

Nehmen Sie das Beispiel Russland. Moskau stört seit drei Jahren den GPS-Dienst im Baltikum mit Auswirkungen auch auf den zivilen See- und Luftverkehr. Teil einer Weltraumoperation wäre es, solche Störer zu finden. Außerdem wollen wir ein militärisches Satellitenbetriebszentrum aufbauen. Dann können wir schneller handeln, wenn etwa ein Kommunikationssatellit der Bundeswehr ungebetenen Besuch kriegt. Stichwort „Dogfights in Space“.

Sie möchten auch eine eigene Kommunikationskonstellation, die geplanten EU-Satelliten namens Iris² reichen nicht?

Je mehr, desto besser. All das steigert unsere Abwehrbereitschaft. Wir sehen ganz klar einen zusätzlichen nationalen militärischen Bedarf – auch neben Iris². In den 35 Milliarden Euro des Verteidigungsministers ist Geld dafür vorgesehen, um eine eigene militärische Kommunikation aufzubauen. Ich denke da an eine dreistellige Zahl von Satelliten.

Was kalkulieren Sie dafür?

Das ist schwer zu sagen, aber sie ist ein signifikanter Anteil auf der 35-Milliarden-Euro-Liste des Ministers.

Das Geld dürfte aber so nicht ausreichen.

Das hört ja nach 2030 nicht auf. Einige dieser Projekte werden über 2030 hinaus laufen. Und selbst wenn die Satelliten da sind, müssen wir sie ja auch betreiben und ständig ersetzen. Wir müssen von dem Punkt wegkommen, dass wir Satelliten fünf, acht Jahre lang entwickeln und die dann mit veralteter Technik im Weltraum fliegen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Sie setzen bei solchen Plänen immer voraus, dass die Industrie da mithalten kann.

Da bin ich ganz optimistisch. Es ist vielleicht gar nicht sinnvoll, gleich große Stückzahlen ins Lager zu legen, weil sie schnell veraltet sind. Ich muss eher mehr Komponenten und Rohstoffe vorhalten als fertige Produkte und mit den Produktionskapazitäten sehr schnell hochfahren können. Und da haben wir mit der deutschen Automobilindustrie ein enormes Potenzial.

Die hat im Moment sowieso weniger zu tun.

Ja, und bei der industriellen Fertigung von Raumfahrtsystemen kann man mit den Methoden aus der Autoindustrie erfolgreich sein – zu deutlich geringeren Kosten. Auch Elon Musk hat sich ja Leute aus dem Bereich geholt und gezeigt, dass nicht überall höchste, teure Raumfahrtstandards nötig sind. Oder nehmen Sie Rheinmetall, die dafür in Neuss ein Automobilzulieferwerk in eine Satellitenfabrik umbauen. Von Autos zu Satelliten – genau das ist ein Weg!

Haben Start-ups denn auch eine Chance auf Aufträge?

Unbedingt. Am liebsten wäre mir ein Konsortium mit einem Großunternehmen und jeder Menge Start-ups. Wir haben großartige kleinere Hersteller, die die richtige Technologie besitzen. Die sind agil und oft schneller als die Großen. Deshalb bin ich auch ein großer Fan der deutschen Microlauncher, also kleiner Trägerraketen.

Von denen bisher noch keiner den Orbit erreicht hat.

Über viele Jahrzehnte hatten wir für die militärische Beschaffung wenig Geld, aber viel Zeit. Dies hat zu einer Kultur der Risikovermeidung geführt, das muss sich wandeln. Wir haben jetzt Geld, aber keine Zeit, also müssen wir Dinge schneller, flexibler und agiler vergeben und auch mal ins Risiko gehen. Dazu kann auch gehören, Starts von deutschen Microlaunchern zu kaufen, die noch nie im Weltraum waren. Oder deutsche Satellitenbauer, die bisher nur Kleinigkeiten gemacht haben, mit Serienfertigung zu beauftragen.

Braucht die Bundeswehr dann auch irgendwann einen eigenen Startplatz für Kleinraketen?

Die Bundeswehr wünscht sich Kapazitäten, auf die sie flexibel und schnell zugreifen kann. Das bedeutet aber nicht, dass wir einen Startplatz in Deutschland bräuchten. Wir schauen, von wo unsere deutschen Microlauncher starten wollen und wie wir unsere Nutzlasten von deren Startplätzen schnell und sicher in den Weltraum bringen können.

Wenn alles so einfach wäre wie in Filmen … Haben Sie da eigentlich eine Vorliebe? „Star Trek“ oder „Star Wars“?

Im Unterschied zu meinem Minister, der ja bekennender „Star Trek“-Fan ist, „Star Wars“.

Warum das?

Ich bin als 13-Jähriger fünfmal hintereinander in den ersten „Star Wars“-Film gegangen, weil ich den so faszinierend fand. Mit dem Alter wird man dann schlauer, dann weiß man auch, dass die angebliche Physik, die da zugrunde gelegt wird, mit dem wirklichen Weltraum wenig zu tun hat. Bei „Star Trek“ übrigens auch nicht. Obwohl: Da fand ich die erste Staffel mit Captain Kirk schon toll. Okay, ich würde mal sagen 60 zu 40 für „Star Wars“.

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