SZ 24.02.2026
14:45 Uhr

(+) Ralf Kellermann beim VfL Wolfsburg: Abschied nach 20 Titeln in 18 Jahren


Mit Ralf Kellermann als Trainer und Manager wurde der VfL Wolfsburg zu einer Größe des Frauenfußballs. Im Sommer geht er – und hinterlässt eine Lücke, die kaum zu füllen ist.

(+) Ralf Kellermann beim VfL Wolfsburg: Abschied nach 20 Titeln in 18 Jahren

Dieser Arbeitstag war zu dem Zeitpunkt schon bescheiden genug gelaufen. 1:4 hatten Wolfsburgs Fußballerinnen im Spitzenspiel der Bundesliga gegen den FC Bayern verloren, der Rückstand auf den Titelverteidiger beträgt nun 14 Punkte, das wird nicht mehr aufzuholen sein. Lange standen sie am Sonntagabend im Kreis auf dem Rasen des Münchner Campus-Stadions zusammen, länger als sonst, so wirkte es von außen. Ralf Kellermann fing an zu reden. Und in dem Moment kam die nächste schwere Niederlage dazu. Denn ausgerechnet jener Mann, der die Frauen des VfL Wolfsburg zum in Deutschland jahrelang dominierenden und auch international erfolgreichen Team geformt hat, wird Ende dieser Saison gehen, nach mehr als 20 Jahren.

Die Entscheidung sei ihm schwergefallen, wird Kellermann in der am Montag verschickten Mitteilung zitiert: „Ausschlaggebend war der Wunsch, noch einmal eine neue Herausforderung annehmen zu wollen.“ Sein Vertrag endet am 30. Juni 2026, wenn sich der 57-Jährige dann aus Wolfsburg verabschiedet, markiert dieses Datum eine Zäsur. Kellermann hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu schließen sein wird. Er zählt zu den einflussreichsten Managern im Frauenfußball, es gibt wenige mit seiner Erfahrung, seiner Expertise und seinem Netzwerk. Schon diese Saison steht durch den Trainerwechsel und zahlreiche Veränderungen im Kader unter dem Eindruck eines großen Umbruchs. Die nächste Spielzeit wird nun für ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Wolfsburger Frauenfußballs stehen, begleitet von Ungewissheit.

2005 kam der frühere Zweitliga-Torwart (MSV Duisburg, FSV Frankfurt) Kellermann nach seinem Karriereende als Koordinator für die Scouting-Abteilung zum VfL Wolfsburg, nebenbei arbeitete er schon als Trainer. In der Saison 2008/09 übernahm er die Fußballerinnen, zu einer Zeit, als die dominierenden Vereine 1. FFC Turbine Potsdam, 1. FFC Frankfurt und FCR 2001 Duisburg hießen. Wolfsburg verstärkte seinen Kader sinnvoll. Nach Platz acht, fünf und sieben schafften es die Frauen des VfL 2011/12 auf Platz zwei und damit erstmals die Teilnahme an der Champions League. „Es ergibt wenig Sinn, jetzt ein anderes Ziel als die Meisterschaft auszugeben“, sagte Kellermann damals. Damit begann die beachtliche Erfolgsgeschichte der Wölfinnen.

Zur Saison 2012/13 holte Kellermann, seit 2010 auch Sportlicher Leiter, unter anderem Nationalspielerin Alexandra Popp aus Duisburg. Erst schnappte sich der VfL wie angestrebt die Meisterschaft von Turbine und besiegte Potsdam dann auch noch im Endspiel des DFB-Pokals. Das Double nach all den titellosen Jahren war schon ein enormer Schritt. Und es folgte noch das Finale der Champions League, gleich im Jahr der Premiere, ausgerechnet gegen die Ballkünstlerinnen von Olympique Lyon, damals seit 95 Pflichtspielen ohne Niederlage. Doch die Wolfsburgerinnen dachten gar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen, am Ende brachte ihnen ein Handelfmeter das irrwitzige Triple. Wie aus dem Nichts hatte Kellermann Wolfsburg zum Triumph-Standort gemacht. In der folgenden Spielzeit verteidigte das Team die Titel in der Königsklasse und in der Bundesliga, Kellermann wurde von der Fifa als Welttrainer 2014 ausgezeichnet. Nach der Saison 2016/17 konzentrierte er sich ganz aufs Management, 2023 stieg Kellermann zum Direktor auf.

Durch seine Arbeit und bessere Bedingungen, gefördert vom Geld von VW, entwickelte sich Wolfsburg zu einer begehrten Adresse. Neben Popp überzeugte dieses Paket auch deutsche Nationalspielerinnen wie Nadine Keßler, Svenja Huth, Almuth Schult, Jule Brand und Lena Oberdorf sowie ausländische Fußballerinnen wie Pernille Harder, Nilla Fischer, Ewa Pajor und Caroline Graham Hansen. Mit Kellermann in der Verantwortung gewann Wolfsburg 20 Titel: siebenmal die Liga, elfmal den Pokal und zweimal die Champions League, in der vier weitere Final-Teilnahmen hinzukamen, zuletzt vor drei Jahren. Auch inmitten veränderter Kräfteverhältnisse entstanden stimmige Kader, aktuell mit fünf DFB-Spielerinnen – wie beim FC Bayern.

Den Einfluss, den Kellermann auf die Entwicklung und den Erfolg genommen habe, könne man nicht hoch genug würdigen, sagte VfL-Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen, er schätze die Zusammenarbeit mit ihm: „Sie ist von Professionalität und Vertrauen geprägt, von daher trifft mich diese Entscheidung auch persönlich sehr. Wir wären den erfolgreichen Weg gerne weiter mit Ralf gegangen, respektieren aber seine Entscheidung.“ Dass es dem VfL nicht gelungen ist, Kellermann zu halten, fügt sich ins unruhige Bild, das Wolfsburg gerade abgibt: Die in der Bundesliga abstiegsbedrohten Männer stecken tief in der Krise, Trainer mussten gehen, die sportlich Verantwortlichen gerieten in die Kritik, auch Christiansen selbst.

Womöglich wurde Vertragsgesprächen mit Kellermann in dieser Gemengelage nicht die nötige Aufmerksamkeit gewidmet, vielleicht unterschätzte man beim VfL die Folgen. Angebote von anderen renommierten Vereinen wird Kellermann über die Jahre sicher immer wieder bekommen haben. Aber er fühlte sich dem Klub offensichtlich derart verbunden, dass er bisher stets blieb – auch, seit es durch die wachsende internationale, finanzstarke und stetig professioneller arbeitende Konkurrenz schwieriger geworden ist, sich auf dem Transfermarkt und auf dem Rasen durchzusetzen. Ralf Kellermann könnte es nun nach England ziehen, beim FC Chelsea ist seit Kurzem eine Stelle ausgeschrieben, Frauenfußball-Chef Paul Green hört dort nach 13 Jahren und 19 Trophäen auf. Das würde gut passen.

Fritzy Kromp analysiert Fußballspiele im ZDF, im Hauptjob ist sie Trainerin der Frauen von Werder Bremen – und nun in Richtung Champions League unterwegs. Ihr Erfolg zeigt eine Entwicklung der Bundesliga.

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