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01.12.2025
15:26 Uhr
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Im August 2024 nehmen vier Patienten der geschlossenen forensischen Psychiatrie Straubing einen Pflegehelfer als Geisel und flüchten anschließend. Das Opfer leidet bis heute unter der Tat. Nun müssen sie sich vor Gericht verantworten.

Im August 2024 sind vier Männer aus der geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses Straubing entflohen. Nun sitzen sie am Landgericht Regensburg unter anderem wegen Geiselnahme auf der Anklagebank. (Foto: Armin Weigel/dpa)
Es war ein aufsehenerregender Fall, der auch politische Debatten über Verschärfungen im Maßregelvollzug von psychisch und suchtkranken Straftätern in Bayern ausgelöst hat. Vier Männer, heute zwischen 29 und 32 Jahre alt, sollen im August 2024 auf einer geschlossenen Station der forensischen Psychiatrie in Straubing einen Pflegehelfer überwältigt und gedroht haben, ihn mit einer spitzen Spiegelscherbe zu töten, falls die Sicherheitsschleuse nicht geöffnet werde.
Den vier Männern, die unter Einfluss einer Suchterkrankung Straftaten wie Drogenhandel, Diebstahl oder Körperverletzung begangen hatten und sich deshalb im Bezirkskrankenhaus (BKH) Straubing im Maßregelvollzug befanden, gelang schließlich die Flucht. Nach wochenlanger Fahndung wurden sie in Österreich und der Türkei festgenommen.
Seit Montag müssen sie sich am Landgericht Regensburg wegen Geiselnahme, gefährlicher Körperverletzung und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte verantworten. Einem der vier Angeklagten wird zudem der Handel mit Drogen in nicht geringer Menge zur Last gelegt, als er vor der Flucht im August 2024 schon einmal von einem unbegleiteten Ausgang nicht ins BKH zurückgekehrt war.
Zum Prozessauftakt folgen die vier Angeklagten Antonio J., 29 (alle Namen geändert), Zejlko B., 29, Martin K., 30, und Daniel E., 32, den Ausführungen des Staatsanwalts meist regungslos – ehe sie mit Bedauern die Geschehnisse vom 17. August 2024 über Erklärungen ihrer Verteidigerinnen und Verteidiger im Wesentlichen einräumen. Gleichzeitig erheben sie Vorwürfe gegen den für sie zuständigen Oberarzt des Klinikums, von dem sie sich schikaniert und ungerecht behandelt gefühlt hatten.
Laut Anklage sollen die vier Männer ihren Ausbruch aus dem BKH genau geplant haben. So sollen sie am Vorabend zwei 45 Zentimeter lange Stuhlbeine von einem Stuhl im Gemeinschaftsraum gebrochen haben, um diese als Knüppel zu verwenden. Am Nachmittag des Tattags, so der Vorwurf, ließ sich einer der Angeklagten einen Handspiegel zur Körperpflege bringen und zerbrach diesen, um eine scharfkantige, spitze Scherbe „als Stich- beziehungsweise Schnittwerkzeug einzusetzen“.
Die Angeklagten manipulierten am Tatabend dann einen Trockner, um besagten Mitarbeiter der Klinik, als der das vermeintlich defekte Gerät begutachtete, zu überwältigen. Allerdings wehrte dieser sich offenbar heftiger und länger, als die Angeklagten das erwartet hatten. Auf dem Weg zur Pforte sollen sie dem Geschädigten zahlreiche Schläge gegen den Kopf und Tritte verpasst haben. In der Anklage ist von „mindestens 40 Faustschlägen auf den Kopfbereich“ die Rede.
Auf dem Weg zum Ausgang sollen die Angeklagten dem Klinikmitarbeiter auch die Scherbe an den Hals gedrückt und ihn damit verletzt haben. Im Ausgangsbereich soll einer der Angeklagten anderen Klinikmitarbeitern zugerufen haben: „Wenn ihr die Tür nicht aufmacht, dann schneiden wir ihm den Kopf ab.“ Unter diesem Eindruck öffnete einer der Mitarbeiter schließlich die Türen. Die vier Angeklagten gelangten so in die Freiheit. Ihr Opfer ließen sie im Eingangsbereich der Klinik zurück.
Als Zeuge schildert der 55-jährige Sicherheitsmitarbeiter in der Pflege, der in dem Prozess auch als Nebenkläger auftritt, detailliert die Vorgänge des 17. August. Wie er versucht hat, sich zu wehren, den Alarmknopf, der erst beim zweiten Drücken anschlägt, nur einmal drücken konnte. Wie er den Angeklagten sagte: „Ihr begeht eine sehr schwere Straftat.“ Und als Antwort erhalten habe: „Halt’s Maul, sonst stechen wir dich ab.“ Während seiner Aussage muss der Zeuge immer wieder innehalten und pausieren. Man merkt, dass ihm das Geschehene immer noch nahegeht. „Diese Leute sind voller krimineller Energie“, sagt er.
Der 55-Jährige erlitt laut Anklage bei der Geiselnahme zahlreiche Prellungen und Hämatome an Kopf, Rumpf, Schlüsselbein, Becken, Armen und Beinen sowie oberflächliche Stich- und Schnittverletzungen und weitere Prellungen im Halsbereich. Seit dem Vorfall leidet er an Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Herzrasen, Panikattacken und Albträumen. Zudem befindet er sich bis heute in psychotherapeutischer Behandlung. „Die schlimmsten Verletzungen sind die seelischen Verletzungen“, sagt er in der Verhandlung.
Die vier Angeklagten äußern sich zum Prozessauftakt über mehr oder weniger lange Erklärungen ihrer Verteidiger. Drei von ihnen haben im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs 5000 Euro an den geschädigten Klinikmitarbeiter überwiesen oder werden das noch nachholen. Dem vierten fehlen dafür die finanziellen Mittel. Über ihre Anwälte teilen sie mit, dass ihnen das Geschehene leidtue, teilweise haben sie sich in persönlichen Briefen beim Opfer entschuldigt.
Sie betonen aber auch, warum sie die Tat begangen haben. „Ich sah keine andere Möglichkeit, aus der Anstalt zu kommen“, teilt Daniel E. mit. Er sei ein Musterpatient gewesen, aber dann sei seine Bezugspflegerin abgezogen worden. Der Oberarzt habe ihn „schikaniert und kleinkriegen“ wollen. Sein Verlegungsantrag sei abgelehnt worden. „Ich war sehr hilflos und verzweifelt.“
Auch der Verteidiger von Martin K. spricht davon, sein Mandant sei schikaniert worden und habe es nicht mehr ausgehalten. K. sei auf einem guten Weg gewesen, erklärt der Anwalt von Antonio J., aber dann habe es Differenzen mit dem Oberarzt gegeben. J. habe die Zustände als sehr frustrierend erlebt, er wusste nicht mehr, was er noch besser machen soll. Der Verteidiger redet in der Erklärung von „zumindest sehr merkwürdigen Zuständen in diesem Bezirkskrankenhaus“. Näheres, so sagen die Verteidiger, werde der weitere Verlauf der Hauptverhandlung zeigen. Der Prozess wird fortgesetzt.
Sagt ausgerechnet Ulrich Weber, der Hunderte Opfer in der katholischen Kirche ermittelt hat. Über den erstaunlichen Erfolg eines Mannes, den alle unterschätzt haben. Womöglich sogar die Kirche selbst.
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