SZ 18.02.2026
15:24 Uhr

(+) Politischer Aschermittwoch: Ein Ritual, das völlig aus der Zeit gefallen ist


Alle Jahre wieder kommen sie in Niederbayern zusammen, um einander auf offener Bühne bei Blasmusik und Bier zu beschimpfen.  Braucht es das? Wirklich?

(+) Politischer Aschermittwoch: Ein Ritual, das völlig aus der Zeit gefallen ist
Nur nichts verpassen: Anhänger der CSU beim politischen Aschermittwoch der CSU. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Jedes Jahr, wenn der Aschermittwoch naht, taucht die Frage auf, ob es das heuer auch wieder braucht. Dieses Ritual, völlig aus der Zeit gefallen, das Eindreschen auf die politischen Gegner – als ob man nicht bald wieder Kompromisse schließen müsste miteinander. Dieses gegenseitige Beschimpfen auf offener Bühne, als ob nicht in den sozialen Netzwerken Tag für Tag genügend Mist ausgekübelt würde. Alles hübsch choreografiert mit Musik und Gejohle, das Publikum freundlich gestimmt von ein paar Mass Bier in aller Frühe.

Ein politischer Schlagabtausch soll das sein, eine Standortbestimmung sogar, dabei bleibt vom vermeintlichen Diskurs oft nicht mehr als Geplärre. Der Markenkern der Parteien soll dargestellt werden, ernüchternd, dass Diffamierung von politisch Andersdenkenden offenbar dazu gehört. Sogar juristische Folgen hat das inzwischen. Als die AfD-Redner Ministerpräsident Markus Söder als „Södolf“ verunglimpften, mussten sie hernach Geldstrafen bezahlen. Immerhin.

Die Stimmung ist ohnehin schon aufgeladen. Immer mehr Politikerinnen und Politiker werden beschimpft und angepöbelt, anonym im Internet oder ganz real an den Wahlkampfständen und sogar daheim. Die Scham ist dahin, ebenso der Konsens darüber, was sich einfach nicht gehört. Und dann bleiben am Aschermittwoch die Rednerinnen und Redner auch noch bewusst schlicht in der Argumentation, wenn es überhaupt eine gibt. Weil differenzierte Betrachtungen an dem Tag sowieso keiner hören will.

Der CSU-Chef schimpft über Grüne und Linke, der FW-Vorsitzende über Bürgergeldempfänger und der Vizekanzler will über die Erbschaftssteuer diskutieren. Viel Krawall, wenig Neues.

Tradition, von wegen. Nur weil sie am Aschermittwoch Fischsemmeln essen statt Leberkäse, hat es nichts mit Brauchtum zu tun oder gar mit Lebensart, wenn mehr oder weniger originelle Schimpfwörter ausgetauscht werden.  Weder Klamauk noch Fasching sei das, sagt CSU-Chef Markus Söder. Ach so? Nur möge das um Himmelswillen niemand als bayerisches Kulturgut begreifen, da hat dieses schöne Land wahrlich mehr zu bieten.

All das wird also ausgetauscht, jedes Jahr vor dem politischen Aschermittwoch. Und dann werden die Fernsehkameras aufgebaut und die Reporterinnen und Reporter losgeschickt, damit wir nur nicht verpassen, wie Markus Söder auf die Grünen losgeht, Hubert Aiwanger über Bürgergeldempfänger herzieht und Katharina Schulze Söder-Witze macht.

Braucht zwar keiner, aber dabei sein müssen wir schon. Sicherheitshalber.

Helmut Knaus will als Bürgermeister von Philippsreut endlich in den Ruhestand gehen. Aber es gibt keinen Kandidaten. Kann also gut sein, dass ihn seine Gemeindemitglieder trotzdem auf den Wahlzettel schreiben. Und dann?

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