SZ 06.02.2026
14:15 Uhr

(+) Olympia in Antholz: „So ein Wirbel, so viele Leut'“


In Antholz in Südtirol herrscht Rummel wie noch nie, Ärger um die Beschilderung und Irritation über eine gesperrte Lokalheldin. Eindrücke aus einer Gemeinde, in der nichts mehr normal ist.

(+) Olympia in Antholz: „So ein Wirbel, so viele Leut'“

Der Schneepflug kam um zwei Uhr früh, er tankte sich hinauf zum Oberstallerhof, der diesen Namen zu Recht trägt. Oberhalb der Ortschaft Oberrasen ist dieses Gehöft gelegen, so weit droben, dass man den Stallgeruch erst nach einigen Steilpassagen in der Nase hat. Ein schöner Geruch bäuerlicher Ursprünglichkeit ist das, aber schwer zu erklimmen ohne Doping für die Reifen, also Allrad oder Schneeketten. Die guten Nachrichten für die Gäste im Oberstallerhof: Nicht nur verschlungene Bergpfade sind schneebedeckt, sondern auch Skipisten – oder eben Loipen in Biathlonstadien. Und: Wirtin Roberta hat gekocht: Spaghetti Carbonara gefolgt von Wiener Schnitzel, italienisch-österreichisch. Oder besser: südtirolerisch.

Drei Tage noch bis zu den ersten olympischen Wettkämpfen in der Südtirol Arena von Antholz, wo täglich bis zu 19 000 Stadionbesucher erwartet werden und kaum messbare Fanscharen, die sich an der Loipe versammeln. Die Welt der Skijägerei wird hier erstmals in der Geschichte ihre Olympiasieger ermitteln. Die Hauptdarsteller sind längst da, Lisa Vittozzi war im blauen Outfit der Italienerinnen in der Loipe, die Deutsche Franziska Preuß schoss sich im Stadion warm, Eric Perrot aus Frankreich wirkte startklar. Eine aber, die fehlt, deswegen wird Wirtin Roberta für einen Moment sentimental. Was denn da passiert sei, mit Rebecca Passler, fragt sie. Das kann doch keine Absicht gewesen sein, oder wissen Sie da mehr?

Die Olympischen Winterspiele haben ihren ersten Dopingfall: Ausgerechnet bei einer italienischen Biathletin aus Antholz wird eine verbotene Substanz nachgewiesen.

Praktisch jeder hier im Ort kennt die 24-Jährige, auch im Nachbardorf Niederrasen, wo zwei Einheimische sich am Wurstregal über ihre Sperre austauschen. Früher habe man sie oft hier durch die Wälder skaten sehen, eine Antholzerin, die es zuletzt weit gebracht hat, bis in die Weltspitze der Top 15, zwei elfte Plätze gelangen Passler in dieser Saison, ihrer bisher erfolgreichsten. Man sollte doch stolz auf sie sein, meint eine Frau mit Einkaufskorb, „und unsere Rebecca jetzt nicht wie eine Sau durchs Dorf treiben“.

Die Fahnder von der italienischen Antidopingagentur taten ihre Pflicht und testeten eben ausgerechnet die Südtirolerin unlängst positiv auf die Substanz Letrozol, ein im Sport verbotenes Brustkrebs-Medikament zur Senkung des Östrogenspiegels. Passler wurde daraufhin für die Spiele suspendiert, der Fall liegt jetzt bei Anwälten. Und auch sonst hat Passler offenbar Fürsprecher. Klaus Höllrigl, Italiens Biathlon-Sportdirektor, hatte beteuert, dass man ihren Fall intern aufgearbeitet habe und an Passlers Unschuld glaube, das Nationale Olympische Komitee stehe ebenfalls hinter ihr. Und dann sind da noch die Kunden im Dorfladen.

Doping beschäftigt die olympische Gemeinschaft fast schon traditionell, ansonsten ist vieles anders hier in Antholz, zuvorderst für die Antholzer selbst. Jedes Fremdenzimmer ist belegt, auch die zehn Schlafräume im Oberstallerhof, wo Wirtin Roberta jetzt wieder selbst Auskünfte erteilt. Wenn hier einmal im Jahr der Weltcup Station mache, oder 2020 als hier die WM gastierte, da sei schon auch einiges los. Aber „so einen Wirbel, so viele Leut'“? Die Olympischen Spiele zwingen nicht wenige Gäste in weitere Verzweigungen den Berg hinauf, wie etwa in die Frühstücksstube von Roberta. „Desch is gerade a ganz a neie Dimension.“

Bagger schaufeln den Schnee haufenweise auf Laster, im Ortsteil Mittertal zimmern sie das „Biathlon Gaudi Dorf“ zusammen, wo die Gäste an den Wettkampftagen bis spät in die Nacht zu Après-Ski-Feten mit DJ-Sound eingeladen sind. Ein olympisches Dorf im herkömmlichen Sinn wie etwa in Livigno oder Mailand wird man hier nicht finden. In Niederrasen aber wurde ein großes Zelt errichtet, wo sich Volunteers, Helfer vom Militär oder eben Reporter ihre Akkreditierung abholen – und ins Gespräch kommen können. Die meisten Konversationen beginnen auf Englisch, ehe man zur Feststellung gelangt, dass man ja auch Italienisch oder Deutsch miteinander sprechen könnte. Auch darum ging es zuletzt: um die Sprache.

Ja, sagt Roberta und lässt noch mal einen Seufzer erahnen, „da war die Aufregung bei einigen groß“: Grund waren die neuen Schilder der olympischen Wettkampfstätten, auf denen nicht Antholz geschrieben stand, sondern die italienische Bezeichnung „Anterselva“. In Rasen-Antholz sind 98 Prozent der knapp 3000 Einwohner deutsche Muttersprachler, nur etwa 1,4 Prozent sprechen Italienisch und 0,6 Prozent Ladinisch als Muttersprache. Prompt war Unmut zu vernehmen, von Vereinen, Politikern – und vielleicht auch im Dorfladen zu Niederrasen.

Mehr als hundert Jahre alte Überbleibsel aus der Nachkriegszeit schwingen da mit, als damals Österreich dazu gezwungen war, Südtirol gegen den Willen der dortigen Bevölkerung an Italien abzutreten. „Mir sind die Schilder eigentlich egal“, sagt die Wirtin vom Oberstallerhof. Sie spreche eh beides fließend. „Vielleicht wäre es für die vielen Gäste von überallher am besten auf Englisch gewesen.“ Inzwischen „wurde die fehlerhafte Beschilderung nach einer Intervention des Landes korrigiert“, wie das Nachrichtenportal UnserTirol24 wissen ließ.

Die Geschichte spielt immer eine Rolle. Speziell in Antholz, wo der Winter nun jenen Bildern gleicht, die einst auch in Teilen Deutschlands dazugehörten, wie Tiefschneefahren und Schlittschuhlaufen. Im Antholzer Tal liegt dieser Tage so viel Schnee wie länger nicht, als hätte da oben jemand eine olympische Speziallieferung geordert. Der Schnee ist nicht restlos von der globalen Erwärmung verdrängt, das ist die schönste Nachricht dieser Tage von Antholz. Heute Nacht, sagt Roberta, da kommt wieder der Schneepflug.

Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: