SZ 19.11.2025
11:50 Uhr

(+) Oliver Bierhoff: Wenn man einmal in der Woche weniger trainiert


Oliver Bierhoff hat Deutschland mal zu einer Europameisterschaft geschossen. Jetzt macht er sich große Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.

(+) Oliver Bierhoff: Wenn man einmal in der Woche weniger trainiert
Erst war er Fußballer, dann Funktionär beim Deutschen Fußbball-Bund (DFB) und jetzt Unternehmer: Oliver Bierhoff. (Foto: Johannes Simon)

Es war in London und es war der 30. Juni 1996, als Oliver Bierhoff für immer bekannt wurde. Im Endspiel der Fußball-Europameisterschaft gegen Tschechien wurde der gelernte Stürmer erst in der 69. Minute eingewechselt. Dann aber schoss er erst per Kopf den Ausgleich zum 1 zu 1. Und in der Verlängerung den Siegtreffer, ein Golden Goal. Deutschland war Europameister, und Bierhoff von da an ein Star.

Heute macht sich der inzwischen 57-Jährige Sorgen um Deutschland, und zwar nicht nur in fußballerischer Hinsicht, sondern vor allem auch um die Wirtschaft. „Wir können uns auf gewissen Dingen nicht ausruhen“, sagte Bierhoff auf dem SZ Wirtschaftsgipfel am Mittwoch. Die Gefahr eines Abstiegs sei schon groß. Denn, so die deutliche Analyse von Bierhoff, die Wirtschaftsnation Deutschland sei wie ein starker Verein mit großem Namen. Aber inzwischen komme ihm das Land vor wie ein Klub, der einmal in der Woche weniger trainiert und sich am schlechtesten Konkurrenten ausrichtet, nicht am besten. Und sich dann wundert, dass man nicht mehr oben mitspielt.

Wenn die Welt also eine Bundesliga wäre – welcher Verein wäre dann Deutschland? Bierhoff überlegt und sagt: „Bayern München sind wir gerade nicht.“ Das wären, weltweit gesehen, eher China oder die USA. „Leipzig und Leverkusen sind wir auch nicht“, fügt er an: „Also vielleicht der FC Köln.“ Die Rheinländer rangieren gerade irgendwo im Mittelmaß der Liga, derzeit auf Platz 9, nicht in Sichtweite der Spitze jedenfalls.

35 Jahre war Bierhoff, privat Fan des Hamburger SV, im Leistungssport, 17 Jahre als Profispieler, lange in Italien, und dann 18 Jahre lang als Manager des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Heute betreibt er eine Vermögensverwaltung, die sich an ehemalige Spitzensportler wendet. Unter seiner Ägide wurde Deutschland 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister. Das Erfolgsgeheimnis damals? Natürlich die hohe Qualität und der Ehrgeiz der damaligen Spieler, berichtet Bierhoff. Aber auch ein kleines und schlagkräftiges Führungsteam von lediglich vier Personen, die eine klare Strategie hatten und diese dann in vertrauensvoller Zusammenarbeit umgesetzt haben.

Und genau das, so Bierhoff, vermisse er heute in der Politik. Bundeskanzler Friedrich Merz sei wie ein Trainer, der klare Maßnahmen ankündigt und diese dann am nächsten Tag wieder aufweicht. Das sorge eben nicht für Vertrauen. 2014 seien der damalige Bundestrainer Jogi Löw und er auch sehr unterschiedlich gewesen. Vielleicht ein wenig wie Merz und SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, wirft der Moderator ein. Bierhoff schmunzelt und sagt: Man habe jedenfalls immer hart diskutiert, dann aber „in Einigkeit nach innen gewirkt“ und mit einer Stimme gesprochen. Es sei dabei auch immer klar gewesen, wer welche Aufgabe hat.

Kann man das auf die Politik übertragen? Bierhoff kritisiert: „Es gibt heute keine klaren Ansagen mehr.“ Er wünsche sich oft eine deutliche Kabinenansprache und ein entsprechendes Handeln.  Und dann hat der ehemalige Fußballer noch eine interessante Analogie parat. Denn der Fußball und die Wirtschaft entwickelten sich in gewisser Weise parallel. 1954, als Deutschland das Wirtschaftswunder erlebte, wurde das Land in Bern Weltmeister, wie auch 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, und auch 2014, als Deutschland eine gute wirtschaftliche Entwicklung hatte.

Und heute? Deutschland spielt derzeit im Fußball nicht gerade in der Top-Gruppe und ist für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in den USA, Kanada und Mexiko nicht der Favorit. „Aber wir haben die Chance, eine gute Rolle zu spielen“, glaubt Bierhoff. Doch es sei auch klar, was der Anspruch ist: Die deutsche Fußballnationalmannschaft muss zu den vier Besten gehören, also ins Halbfinale. Ob das gelingt?

Woche für Woche moderiert Oliver Welke vor Millionen Menschen die „Heute-Show“ im ZDF, und macht sich über die Politik lustig. Ignorieren könnten das nur wenige, aber einer verweigert sich.

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