SZ 13.01.2026
16:04 Uhr

(+) Nordrhein-Westfalen: Wer nicht gut genug Deutsch spricht, muss ein Jahr früher zur Schule


Jeder dritte angehende Grundschüler in NRW fällt durch den vorschulischen Sprachtest. Künftig sollen alle, die das betrifft, schon mit fünf Jahren Deutschunterricht bekommen.

(+) Nordrhein-Westfalen: Wer nicht gut genug Deutsch spricht, muss ein Jahr früher zur Schule

Die Schulministerin klingt ungeduldig. Es sei jetzt keine Zeit mehr, groß herumzuprobieren. „Wir müssen doch jetzt mal handeln“, sagt Dorothee Feller (CDU). Es gehe schließlich um die Zukunft der Kinder. Ihr Chef, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), führt dazu folgende Kausalkette aus: Damit ein Kind im Leben Chancen habe, brauche es Bildung. Und: „Deutsche Sprache ist das Fundament jedes Bildungserfolgs.“

Deshalb probiert NRW jetzt nicht mehr herum, sondern zieht quasi die Schulpflicht vor. Kinder, die nicht gut genug Deutsch sprechen, sollen vor der richtigen Einschulung ein Jahr lang zweimal die Woche zwei Stunden Deutschunterricht bekommen. „Schulische Vorkurse“ nennen Wüst und Feller das, als sie ihre Pläne am Dienstag in Düsseldorf vorstellen. Beide tragen in besorgtem Ton vor, dass im Moment 30 Prozent der Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung keine ausreichenden Deutschkenntnisse haben. „Mangelnde Deutschkenntnisse ziehen sich durch die ganze Schulkarriere“, sagt Wüst.

Seine schwarz-grüne Landesregierung liegt mit ihren Plänen im Trend. Hamburg testet schon seit Jahren die Deutschkenntnisse bei Viereinhalbjährigen, die dann, wenn nötig, zu Sprachkursen verpflichtet werden. Andere Bundesländer ziehen gerade nach. In Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz zum Beispiel laufen Pilotprojekte mit Vorschulsprachkursen. In Bayern müssen Vorschulkinder, die zu schlecht Deutsch sprechen, seit 2025 ein Jahr lang eine Kita mit Deutschunterricht besuchen.

In NRW wurden schon von 2007 bis 2014 alle Vierjährigen auf ihre Deutschkenntnisse überprüft. Mittlerweile passiert das nur noch bei denen, die keine Kita besuchen. Eltern, deren Kinder dabei Förderbedarf aufweisen, wird empfohlen, sie in eine Kita zu schicken. Tun sie das nicht, kann schon jetzt ein Sprachförderkurs angeordnet werden. Eine „Sprachstandsfeststellung“ gibt es sonst nur bei der Schuleingangsuntersuchung. Diese wird künftig vom Herbst vor der Einschulung aufs Frühjahr vorgezogen, um die Kinder im Bedarfsfall vom Spätsommer an in die „ABC-Klassen“, wie es die Landesregierung nennt, schicken zu können. Stattfinden sollen die Kurse in Grundschulen und Kitas.

Außerdem sollen Schulleiterinnen und Schulleiter schon vor dem Schulstart entscheiden können, ob ein Kind so großen (Sprach-)Förderbedarf hat, dass man die „Schuleingangsphase“, also die erste und zweite Klasse, von zwei auf drei Jahre verlängert. Der betreffende Schüler würde also fünf statt vier Jahre zur Grundschule gehen.

Die „ABC-Klassen“ werden von Grundschullehrerinnen und -lehrern sowie sozialpädagogischem Fachpersonal geleitet. Ministerpräsident Wüst und seine Schulministerin Feller geben sich am Dienstag optimistisch, dass der Mehraufwand zu bewältigen sei. Dabei verwalten sie im Schulsystem schon jetzt Mangel: Weil in einigen Regionen wie dem nördlichen Ruhrgebiet und gerade an Brennpunktschulen Lehrer fehlen, verpflichtet die Landesregierung aktuell mehr als 10 000 Lehrerinnen und Lehrer, an anderen Schulen auszuhelfen, teils eine Stunde Fahrtzeit von ihrer Heimat entfernt. Man sei dabei, die Lücken zu schließen, versichert die Ministerin, etwa durch mehr Studienplätze.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW findet verbindliche Sprachförderung vor der Einschulung zwar „pädagogisch richtig“ und „notwendig“, sagt die Landesvorsitzende Ayla Çelik. Schon heute fehlten aber mehrere Tausend Lehr- und Fachkräfte. „Wenn mit den ABC-Klassen neue Aufgaben eingeführt werden, ohne zusätzliches Personal bereitzustellen, droht eine weitere Überlastung der Schulen.“ Außerdem dürften die Pläne nicht zur Stigmatisierung von Kindern führen.

Schulen haben Hunderttausende eingewanderte Kinder und Jugendliche aufgenommen – und sind damit oft überfordert. Dass das Leistungsniveau an den Schulen insgesamt sinkt, hat Experten zufolge aber andere Gründe.

Schulministerin Feller und Ministerpräsident Wüst sagen am Dienstag auf Nachfrage, ihnen seien keine Erhebungen bekannt, wie groß etwa der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund unter denjenigen ist, die vor dem Schuleintritt zu schlecht Deutsch sprechen. Das Problem betreffe zwar besonders Kinder, die mit ihren Familien erst nach Deutschland eingewandert sind. Aber: „Das zieht sich quer durch alle Kinder“, sagt Feller.

Die SPD in NRW sieht die Pläne skeptisch. Fraktionschef Jochen Ott findet es zwar richtig, dass die Landesregierung auf Probleme bei der Sprachkompetenz reagiere. Seine Partei aber will eigentlich ein verbindliches „Chancenjahr“ für alle, weil es bei Bildungschancen ja nicht nur um Spracherwerb gehe, sondern auch um Sozialkompetenz und die Gesamtentwicklung eines Kindes. Die geplanten „ABC-Klassen“ seien nur eine „schlechte Kopie“, sagt Ott: „Kinder mit Förderbedarf werden zusammengezogen und sollen in einer neuen Lernumgebung, mit für sie nicht vertrautem Personal, lernen. Das widerspricht allem, was wir über erfolgreiche frühkindliche Förderung wissen.“

Die neuen Regeln sollen für alle Kinder gelten, die vom 1. August 2029 an schulpflichtig werden. Die ersten „ABC-Klassen“ sollen also im Sommer 2028 starten.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: