SZ 19.02.2026
16:42 Uhr

(+) Nordische Kombination: „Ein beschissenes Unglück“ statt Gold


Zwei Stürze machen die Medaillenchancen von Vinzenz Geiger und Johannes Rydzek zunichte. Erstmals seit 1998 gehen Deutschlands Kombinierer leer aus – im vielleicht letzten Olympiarennen der Sportart.

(+) Nordische Kombination: „Ein beschissenes Unglück“ statt Gold

Als Vinzenz Geiger ins Ziel fuhr, bog er seinen Körper durch, fasste sich an den Kopf – und dann warf er seine Stöcke weg. Der Oberstdorfer schimpfte, wütete, und seine Tiraden waren völlig nachvollziehbar. Denn Geigers Stürze zuvor hatten den deutschen Kombinierern im dichten Schneetreiben von Tesero die erste Olympiamedaille bei diesen Winterspielen gekostet, vielleicht sogar Gold.

Geiger, 28, war im Teamsprint in der achten von zehn Runden, die er im Wechsel mit Johannes Rydzek absolvierte, in der Spitzengruppe plötzlich mit der Skispitze im Schnee hängengeblieben. Er drehte sich daraufhin halb um sich selbst, der herankommende Japaner konnte nicht mehr bremsen und purzelte auch noch über ihn. Geiger rappelte sich auf, fuhr kurz weiter – und fiel wieder hin. Die Sekunden verrannen, und die Konkurrenten nutzten die Chance, um auf- und davonzufahren. „Es tut mir leid für den Johannes und für das ganze deutsche Team, es war nicht das Ende, wie wir uns das erhofft haben“, sagte der untröstliche Geiger, der auch über seinen Sturz sprach: „Blöder Fehler, meine Brille war voll Schnee, ich habe nichts gesehen. Mein linker Ski hat sich in den tiefen Schnee eingegraben, dann bin ich gestürzt. Dann bin ich aufgestanden, er hat sich direkt wieder eingegraben, ich bin wieder gestürzt.“

Am Ende fehlten Geiger und Teamkollege Rydzek, die Fünfte wurden, 1:06,1 Minuten auf Gold, das die Norweger Andreas Skoglund und Jens Luraas Oftebro gewannen, vor den Finnen Eero Hirvonen/Ilkka Herola und den Österreichern Stefan Rettenegger/Johannes Lamparter. Damit bleiben die deutschen Kombinierer, die in den beiden Einzelwettbewerben zuvor insbesondere auf der Schanze enttäuschten, erstmals seit Nagano 1998 ohne olympische Medaille.

Geiger ließ sich später in die Arme von Rydzek fallen, gemeinsam kauerten sie im Schnee, im Wissen darum, dass ihre gemeinsame Olympia-Reise nun auf bitterste Art und Weise endet. Rydzek hatte bereits vor den Winterspielen angedeutet, dass es seine letzten sein werden. Später entschuldigte sich Geiger immer wieder bei Rydzek und dem deutschen Team.

Auch Bundestrainer Eric Frenzel stand der Schreck ins Gesicht geschrieben, er verspüre gerade nur „pure Enttäuschung. Wir wollten uns am eigenen Schlafittchen aus dem Schlamm ziehen. Die zwei waren voll dabei, haben sich in eine ideale Ausgangsposition gebracht. Und dann passiert so ein beschissenes Unglück. Ich habe den Vinz noch nie irgendwo im Schnee liegen sehen. Ehe er da wieder raus war, war auch die Luft raus.“

Dabei hatte es nach dem Springen endlich einmal gut ausgesehen für die DSV-Kombinierer nach den verkorksten Einzel-Wettbewerben. Rydzek war am Donnerstagvormittag bei heftigem Schneefall 123 Meter weit gesprungen, Geiger landete nach 122,5 Metern, was Platz eins bedeutete – und 13 Sekunden Vorsprung auf Norwegen in der Langlaufloipe. Dort holten Skoglund und Oftebro die Deutschen auf den 1,5-Kilometer-Runden bald ein, es bildete sich im tiefen, langsamen Schnee eine Sechsergruppe, die Deutschen lagen aber immer noch höchst aussichtsreich im Rennen. Bis Geiger der fatale Fauxpas unterlief.

Ausgerechnet in einem olympischen Rennen hatte er nun seinen ersten Sturz, welch sportliche Tragödie, noch dazu im vielleicht letzten Wettkampf, den die Nordischen Kombinierer bei Winterspielen zeigen durften. Denn das Internationale Olympische Komitee (IOC) überlegt, die Disziplin 2030 in den französischen Alpen wegen zu schwacher TV-Quoten und zu geringer Vermarktungschancen aus dem Programm zu nehmen. Die Kombiniererinnen waren ohnehin noch nie dabei. Es ist die einzige Sportart bei Winterspielen, in der keine Geschlechtergleichheit herrscht. Für die Winterspiele 2030 heißt das Szenario: Entweder starten dann Frauen und Männer in der Nordischen Kombination – oder die Sportart wird komplett gestrichen. Mit fatalen strukturellen Folgen. Das IOC wird über diese Frage wohl im Juni entscheiden.

Es gab viel Protest in diesem Winter gegen das mögliche Aus des Traditionssports, der seit 1924 – jedenfalls bei den Männern – im olympischen Programm ist. Viele Kombiniererinnen, wie Nathalie Armbruster, die Weltcupgesamtsiegerin von 2025, setzten sich mit starker Stimme dafür ein, auch die Frauen 2030 zuzulassen. Zuletzt äußerte sich die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein: „Die Bundesregierung und ich als Sportstaatsministerin auch ganz persönlich unterstützen die Bemühungen des Deutschen Olympischen Sportbundes, die Nordische Kombination als Teil des olympischen Wettkampfprogramms zu erhalten“, ließ Schenderlein am Mittwoch mitteilen: „Die Zukunftsfrage der Nordischen Kombination kann für mich aber nicht damit beantwortet werden, indem man die Sportart aus dem olympischen Kanon entfernt, sondern indem man die Frauen hinzufügt.“

Rydzek ficht das selbst nicht mehr an, auch wenn er sich in den vergangenen Jahren immer wieder selbst für die Eingliederung der Frauen starkgemacht hat – und weiterhin dafür kämpfen will. Der 34-Jährige hatte schon vor diesen Winterspielen betont, dass dies seine letzten sein werden. Dass sie dann aber so enden werden, dass er Geiger im Ziel in seinen Armen trösten muss, das hätte sich auch der zweimalige Olympiasieger von Pyeongchang wohl nicht vorstellen können.

„Solche Geschichten schreibt nur Olympia“, hatte Rydzek am Vortag gesagt, als seine Schwester Coletta zusammen mit Laura Gimmler im Langlauf-Teamsprint zu Bronze gelaufen war. Einen Tag später konstatierte er: „Solche leider auch.“ Nach dem so vielversprechenden Springen von der Großschanze hatte Rydzek noch voller Hoffnung prognostiziert: „Der Vinz wird in dem Tiefschnee gut zurechtkommen. Und wenn er weiß, es geht um was, ist er der schwierigste Gegner auf der Zielgeraden.“ Doch letztlich gab es dann kein Happy End in dieser olympischen Geschichte. Es war der Tiefschnee, der zu Geigers größtem Albtraum wurde.

Die Nordische Kombination ist die einzige reine Männersportart bei Olympia. Gesamtweltcup-Siegerin Nathalie Armbruster findet das diskriminierend. Ein Gespräch über Frauenrechte im Sport.

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