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17.12.2025
16:22 Uhr
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Um die Skischaukel am Riedberger Horn wurde erbittert gekämpft – doch statt neuer Lifte und Beschneiung kam das Alpinium: eine einzigartige Einrichtung für naturnahen Tourismus. Als Entschädigung. Daraus wird nun doch nichts.

Das Skigebiet am Riedberger Horn gilt nach wie vor als vergleichsweise schneesicher. (Foto: Alexander Rochau/Imago)
Der Streit über die Skischaukel am Riedberger Horn zählt zu den erbittertsten Auseinandersetzungen zwischen Naturschützern und Touristikern um den Skitourismus mit immer neuen Bergbahnen und Kunstschnee in Bayern. Sieben Jahre nach der Absage der Skischaukel hat die Staatsregierung nun das Ende des Alpiniums beschlossen. Die Einrichtung sollte ein Ausgleich dafür sein, dass die beiden Oberallgäuer Gemeinden Obermaiselstein und Balderschwang letztlich doch auf die Skischaukel verzichtet haben. Zugleich sollte sie für einen sanften, naturnahen Tourismus in der Allgäuer Bergwelt stehen.
Das Alpinium selbst beschreibt sich auf seiner Homepage „als staatliches Kompetenzzentrum für Naturschutz in den Alpen“, das „modellhafte Lösungen für das Zusammenleben von Mensch und Natur im Allgäu und anderen bayerischen Regionen“ entwickelt. Die Einrichtung beschäftigt 14 Mitarbeiter, sie befassen sich sowohl mit dem Naturschutz als auch der Dokumentation von Flora und Fauna in der Allgäuer Bergwelt. Zudem veranstaltet das Alpinium Exkursionen.
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Ursprünglich hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für das Alpinium 20 Mitarbeiter und eigene Gebäude samt eigenen Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen in Obermaiselstein und Balderschwang zugesagt. Nach dem Willen des Ministerpräsidenten sollten die beiden Kommunen am Fuße des Riedberger Horns nichts weniger als „Modelldörfer für einen modernen Ski- und Bergtourismus im Einklang mit der Natur“ werden. Vom Alpinium erwartete sich Söder außerdem Impulse für einen naturnahen Tourismus in der bayerischen Bergwelt überhaupt.
Bisher war das Alpinium in angemieteten Räumen in Obermaiselstein untergebracht. Der Grund: Die Suche nach einer eigenen Immobilie für die Einrichtung gestaltete sich sehr schwierig, wie der Balderschwanger Bürgermeister Konrad Kienle (CSU) berichtet. Vor allem in Obermaiselstein habe große Skepsis gegenüber der Einrichtung geherrscht. Von anderen hört man, die Mitarbeiter seien dort von den Einheimischen nicht wirklich akzeptiert worden. Prompt sprachen sich im Februar 2025 in einem Bürgerentscheid in Obermaiselstein 78 Prozent der Abstimmenden gegen einen Neubau für das Alpinium aus, der dort geplant war. Seither stand das Projekt auf der Kippe.
In Balderschwang war die Unterstützung für das Alpinium immer stärker. Gleichwohl äußert der dortige Bürgermeister Kienle Verständnis für die Entscheidung der Staatsregierung. „Das Alpinium war gut gemeint“, sagt Kienle. „Aber bei näherem Hinsehen muss man einfach feststellen, dass wir im naturnahen Tourismus bereits gut aufgestellt sind, mit unserem Naturpark Nagelfluhkette, unserer Tourismusgesellschaft, der Naturschutzabteilung am Landratsamt und anderen Einrichtungen mehr.“ Deshalb sei der jetzige Rückzieher nicht so dramatisch, zumal wegen der Wirtschaftskrise der Freistaat mehr auf sein Geld sehen müsse als vor sieben Jahren, als er das Alpinium zugesagt habe.
Ein wichtiger Grund für Kienles verständnisvolle Haltung dürfte freilich sein, dass die Staatsregierung seine Gemeinde für den Ausstieg entschädigt. Wie eine Sprecherin des Umweltministeriums erklärt, bekommt Balderschwang eine Sonderförderung als Ausgleich. Sie beläuft sich auf vier Millionen Euro und geht über die nächsten 20 Jahre. Mit dem Programm will der Freistaat den naturnahen Tourismus speziell in Balderschwang unterstützen, aber auch den Klimaschutz, die Alpwirtschaft und den Erhalt der traditionellen Kulturlandschaft in dem Bergdorf. Dem Vernehmen nach sollen künftig sogar zwei Ranger des Naturparks Nagelfluhkette speziell für Balderschwang abgestellt werden. Die Mitarbeiter des Alpiniums wechseln nach Angaben der Sprecherin und werden „künftig in der Naturschutzverwaltung des Freistaats eingesetzt“.
Auch die Umweltverbände reagieren vergleichsweise entspannt. „Für uns stand immer im Zentrum, dass das Riedberger Horn mit seiner einmaligen Flora und Fauna nicht angetastet wird“, sagt der Vorsitzende des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV), Norbert Schäffer. „Das haben wir erreicht, und wir werden sehr genau darauf achten, dass die Natur am Riedberger Horn und an anderen Allgäuer Bergen auch in Zukunft nicht angetastet wird.“
Derzeit etwa kämpft der LBV massiv gegen die weitere Modernisierung des Skigebiets an der Kanzelwand. Es liegt nur wenige Kilometer Luftlinie vom Riedberger Horn entfernt bei Oberstdorf. Dort sollen eine alte Bergbahn durch einen modernen Sessellift ersetzt und eine Reihe Pisten samt den Beschneiungsanlagen modernisiert werden. Außerdem ist ein Beschneiungsbecken mit vier Millionen Liter Wasser Fassungsvermögen geplant – mitten in einem europäischen Naturschutzgebiet. Der LBV hat bereits eine Klage angekündigt.
Auch Balderschwang war erst vor einem Jahr mit der Beschneiung seines zweiten Skigebiets in den Schlagzeilen. Damals war bekannt geworden, dass die Liftgesellschaft dafür einige Bergquellen für die Schneekanonen und Schneilanzen angezapft hatte, ohne die entsprechenden Genehmigungen zu haben. Die Aufregung war groß. Nun versichert Bürgermeister Kienle, „dass das alles Vergangenheit ist“. Aktuell entnehme man nur dort Wasser für Kunstschnee, „wo wir auch die Erlaubnis dazu haben“.
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