SZ 28.11.2025
13:59 Uhr

(+) Nachruf: Herrlich unverschämt und radikal ehrlich


Sie war Dschungelkönigin, saß im Gefängnis – und alle hingen an ihren Lippen. Zum Tod der so außergewöhnlichen wie unerschrockenen Schauspielerin Ingrid van Bergen.

(+) Nachruf: Herrlich unverschämt und radikal ehrlich

Menschen, die fürchterliche Dinge erlebt haben, entwickeln oft eine erstaunliche Resilienz, eine zähe Heiterkeit. Sie lassen sich nicht unterkriegen, und manchmal wird diese Abgebrühtheit sogar zum Markenzeichen. So wie bei der Schauspielerin Ingrid van Bergen, deren Biografie reich an Tiefpunkten und Tragödien war – und die dennoch voller Witz und Wärme aus ihrem Leben erzählen konnte. Und erzählen musste sie die Geschichten oft. Immer dann, wenn sie in Talksendungen saß und mit ihrer rauen Stimme die immer gleichen Fragen beantwortete.

Wie man sich fühlt, auf der Anklagebank zu sitzen und ein ganzes Land hört zu. Und wie man sich herauskämpft aus der Lebenskrise und wieder lernt, in Freiheit zu leben. Selbstbestimmt und ohne Groll, sie war die Sensationsgier ihrer Landsleute schließlich gewohnt.

Im Alter von 94 Jahren ist die deutsche Schauspielerin Ingrid van Bergen, bekannt aus „Rosen für den Staatsanwalt“ und dem Dschungelcamp, gestorben.

Wenn Ingrid van Bergen etwa in der Sendung „Inas Nacht“ auftrat, dann stellte sie dort alle in den Schatten. Selbst eine Entertainerin wie Ina Müller, kein Kind von Traurigkeit, konnte ihr nicht das Wasser reichen – im Scheinwerferlicht und am Tresen lief die blonde Diva zur Hochform auf. Schlagfertig, herrlich unverschämt und radikal ehrlich blieb sie bis ins hohe Alter. Und das Publikum hing an ihren Lippen, wenn sie von ihrer Karriere im deutschen Film der Fünfzigerjahre erzählte, von ihren Jobs als Schichtarbeiterin bei der Vertonung von Pornos, von den Männern, zu denen sie sich spontan hingezogen fühlte, was nicht in jedem Fall eine gute Idee war. Oder auch von ihrem späten Triumph 2009, als die Zuschauer sie in der RTL-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ zur Dschungelkönigin kürten. Neben all den Viertel- und Achtelpromis, die sich zwischen Maden-Frühstück und Ekel-Mutproben gerne selbst bemitleiden, ragt eine toughe Überlebenskünstlerin wie sie turmhoch hervor.

Ingrid van Bergens Leben steht auch für die Katastrophen der deutschen Geschichte. Ihr Vater war Dorfschullehrer in Danzig, er fiel am ersten Tag des Russland-Feldzugs im Sommer 1941. Im Ostseebad Zoppot fand die Familie bei den Großeltern Unterschlupf, als 13-Jährige flüchtete sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern vor der sowjetischen Armee. Dass sie auf der Flucht von einem russischen Soldaten vergewaltigt wurde, habe sie damals nicht einmal ihrer Mutter erzählt, um sie nicht zu belasten, erst viel später konnte sie darüber sprechen. Nach dem Krieg machte sie in Reutlingen Abitur, sammelte auf der Reeperbahn Erfahrungen als Tänzerin und schaffte es dann auf die Kabarettbühne in München, bevor ihr der Regisseur Helmut Käutner 1954 im Film „Bildnis einer Unbekannten“ eine erste kleine Rolle als Modell gab.

Es folgte ihre beste Karrierephase, sie spielte in „Des Teufels General“, „Rosen für den Staatsanwalt“ und in den zeittypischen Edgar-Wallace-Filmen – oft leicht verruchte, selten glamouröse Rollen, als Bardame oder Ehefrau auf Abwegen. Sie traf auf Schauspielgrößen wie Johannes Heesters, Curd Jürgens, Hans Albers oder Heinz Rühmann, doch die Qualität der Filme, in denen sie zu sehen war, nahm eher ab. Über die Harmlosigkeit von Streifen wie „Grimms Märchen von lüsternen Pärchen“ (1969) machte sie sich später selbst gerne lustig. Immerhin sicherten ihr solche Angebote ein solides Grundeinkommen, dazu kamen Theaterrollen, Tourneen als Chansonsängerin und später eigene Bücher.

Ein Medienspektakel, wie es die Bundesrepublik bis dahin kaum erlebt hatte, war der Prozess gegen sie 1977. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar jenen Jahres hatte sie ihren damaligen Geliebten Klaus Knaths, einen Finanzmakler, in ihrem Haus am Starnberger See erschossen – eine Tat im Affekt, wohl auch aus Eifersucht, und unter Alkoholeinfluss. Vier Jahre saß sie dafür in Haft, eine Zeit, die sie später nicht nur negativ sah: Sie sei mit 400 Frauen aus allen Schichten und Milieus im Gefängnis gewesen, die meisten „Opfer von Männern“, erzählte sie gerne. Im Frauenknast könne man sich nicht verstellen, „da gibt es keine Lüge“, nur die ungeschminkte Wahrheit.

Ingrid van Bergen, die viermal verheiratet war, spielte nach dieser Zäsur noch in zahlreichen Filmen und Serien. Auch in Leander Haußmanns Kinokomödie über ein deutsches Seniorenheim „Dinosaurier“ (2009) hatte sie einen Auftritt: als eine der unverwüstlichen Alten, die immer noch lieben und hassen, toben und lachen. Nun ist die Schauspielerin mit 94 gestorben.

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