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30.11.2025
11:55 Uhr
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Er brachte große Ideen auf die Bühne – und wurde noch berühmter, als er ein Theaterthema für Hollywood adaptierte: Nachruf auf den Dramatiker Tom Stoppard, der für das Drehbuch von „Shakespeare in Love“ einen Oscar gewann.

Sein Anspruch an seine Stücke war es stets, intellektuelle Strenge mit einer zugänglichen dramatischen Struktur zu verbinden: Tom Stoppard. (Foto: Fernando Alvarado/EFE/dpa)
Dass Tom Stoppard sein wahrscheinlich breitestes Publikum mit einem romantisch-historisierenden Unterhaltungsfilm fand, war insofern besonders passend, als es sich bei dem von ihm dafür mitverfassten Drehbuch um eine liebevolle intellektuelle Variation auf Stoffe und Themen des größten Bühnenmenschen überhaupt handelte. Gemeinsam mit Marc Norman gewann Stoppard 1999 für „Shakespeare in Love“ einen Golden Globe und einen Oscar. Die imaginierten Liebesleiden des jungen William Shakespeare boten Stoppard Gelegenheit zu einer klugen Spielerei, die vor allem jene Kunstform feierte, die, bei allem Erfolg als Drehbuchautor, stets im Zentrum seines Schaffens gestanden hat: das Theater.
Der palimpsestartige Ansatz von „Shakespeare in Love“, mit dem Stoppard ebenso kennerhafte wie unterhaltsam dramatische Vorlagen aufgriff und selbstreflexiv weiterspann, hatte ihm 1966 auch seinen ersten großen Erfolg beschert: „Rosencrantz and Guildenstern Are Dead“, uraufgeführt beim Edinburgh Fringe Festival, erzählt die Handlung von Shakespeares „Hamlet“ aus der Sicht der titelgebenden Nebenfiguren, die bei Stoppard zu ziellosen Sinnsuchern im Stile Samuel Becketts werden. „Travesties“ (1974) bediente sich der Struktur von Oscar Wildes „Bunbury“, um philosophische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts zu beleuchten, wiederum aus der Sicht von Randfiguren. Der Mann, der sich einmal als „Engländer ehrenhalber“ bezeichnete und der im Gegensatz zu den meisten seiner literarischen Zeitgenossen Margret Thatcher bewunderte, sah sich selbst trotz seines großen Erfolgs – 1997 wurde er für seine Verdienste für das Theater geadelt – als eine Art Randfigur.
Als Tomáš Sträussler am 3. Juli 1937 im tschechischen Zlín geboren, verließ er das Land nach dem deutschen Einmarsch schon als Zweijähriger mit seiner jüdischen Familie in Richtung Singapur. Im Jahr 1941 floh seine Mutter Martha gemeinsam mit ihrem Sohn erneut, diesmal vor der japanischen Invasion. Sein Vater starb in einem Gefangenenlager. In Indien heiratete Stoppards Mutter den britischen Offizier Kenneth Stoppard, der 1946 mit seiner Familie nach England übersiedelte.
Diese zerrissene frühe Biografie, die er selbst im Laufe von Jahrzehnten rekonstruieren musste, prägte Tom Stoppard nachhaltig. Des Glückes, überlebt zu haben, war er sich stets bewusst: „Eine bestimmte Konstellation von Umständen hat es mit sich gebracht, dass ich in einer freien Gesellschaft lebe“, sagte er einmal. „Ich habe das Gefühl, die Leute hier wissen gar nicht, was sie daran eigentlich haben.“ Zeitlebens engagierte er sich gegen repressive Systeme, spendete etwa seine Tantiemen Bürgerrechtsbewegungen in Osteuropa und Südafrika. Seine ungeschönteste Auseinandersetzung mit Totalitarismus war bemerkenswerterweise kein Theaterstück, sondern 1985 das Drehbuch für Terry Gilliams Filmdystopie „Brazil“.
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Die Dankbarkeit, in England zu leben, bedeutete nicht, dass er seinem eigenen Gesellschaftssystem unkritisch gegenüberstand. In „Night and Day“ etwa warf er 1978 einen scharfen Blick auf den Missbrauch medialer Macht. Er selbst hatte vor seiner Dramatiker-Karriere in den Fünfzigerjahren eine Zeit lang als Journalist und Theaterkritiker gearbeitet – ein Seitenwechsel, der nur selten so großartig gelingt wie in seinem Fall.
Tom Stoppards Anspruch an seine Stücke war es stets, intellektuelle Strenge mit einer zugänglichen dramatischen Struktur zu verbinden. Die Apotheose dieses Ansatzes war sicherlich „Arcadia“ (1993). Die Geschichte der 13-jährigen Thomasina Coverly, die Mathematik und Naturwissenschaften bei ihrem Privatlehrer Septimus Hodge studiert, während sie den Garten des Anwesens Sidley Park neu gestaltet, behandelt souverän und fesselnd Themen wie Chaostheorie, Entropie, Determinismus und den Großen Fermatschen Satz. Kein englischsprachiger Dramatiker der jüngeren Vergangenheit hat derart große Konzepte so elegant mit emotionaler Tiefe zu versehen verstanden wie Sir Tom Stoppard. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren in seinem Haus in Dorset gestorben.
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