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27.01.2026
06:21 Uhr
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Wochenlang schwiegen die Chefs amerikanischer Konzerne zu den brutalen Aktionen der Einwanderungsbehörde ICE. Nun fordern sie Donald Trump zur Deeskalation auf. Können sie ihn stoppen?

Zu den tödlichen Schüssen in Minneapolis und den darauffolgenden Großprotesten waren die großen US-Konzerne lange still. (Foto: Roberto Schmidt/AFP)
Wer sich bei Target schon einmal zwischen Pfannen und Oberbetten verloren hat, der weiß: In den riesigen Läden der US-Handelskette ist die amerikanische Konsumgesellschaft ganz bei sich. Noch mehr als sein großer Rivale Walmart ist Target ein All-American-Warenhaus. Seine Filialen ziehen Menschen aller Schichten und Hautfarben an. Bei Target haben alle dasselbe Ziel: die besten Schnäppchen machen und sie am Ende in einer dieser rot-gemusterten Einkaufstaschen verstauen, die im amerikanischen Stadtbild mindestens so präsent sind wie in Deutschland die Tüten von Aldi.
Doch dann tauchten Anfang Januar plötzlich diese Bilder auf, die so gar nicht zur heilen Konsumwelt passten. Sie entstanden in einem Vorort von Minneapolis, jener Stadt, die seit Wochen von Kräften der Einwanderungsbehörde ICE und der Grenzschutzbehörde Border Patrol belagert wird. Man sah auf den Bildern, wie Männer in schwerer Montur einen Target-Angestellten zu Boden drückten und aus dem Laden zerrten. „US-Staatsbürger, US-Staatsbürger“, rief der Mann noch, bevor die Beamten ihn in einen schwarzen Geländewagen stießen. Bei der Aktion auch mit dabei war Gregory Bovino, leitender Mitarbeiter der Grenzschutzbehörde mit Vorliebe für Mäntel in Nazi-Ästhetik.
Es dauerte nicht lange, bis Videos des Vorfalls in den sozialen Medien kursierten. Doch Target sagte dazu: kein Wort. Unternehmen können Bundesermittlern nicht einfach so verbieten, ihre Läden zu betreten. Trotzdem verstanden viele das Schweigen des Konzerns als stille Zustimmung zu Donald Trumps brutaler Politik. Mehr als hundert Kirchenvertreter protestierten wenige Tage später in der Lobby von Targets Hauptsitz in Downtown Minneapolis. Sie forderten, dass der Konzern seine Mitarbeiter schützen müsse, und verlangten ein Gespräch mit dem CEO. Nach sieben Stunden hatten sie Erfolg.
Dann kam das vergangene Wochenende, an dem Polizisten der Border Patrol den 37-jährigen Intensivpfleger Alex Pretti auf offener Straße erschossen. Und schon am Tag danach veröffentlichte Target zusammen mit fast 60 anderen Unternehmen aus Minnesota einen offenen Brief. Darin drängten sie auf eine „sofortige Deeskalation der Spannungen“ und eine „Zusammenarbeit zwischen lokalen, staatlichen und bundesstaatlichen Kräften“. Zu den Unterzeichnern gehörten etliche große Namen der amerikanischen Wirtschaft: der Krankenversicherer United Health Group, der Mischkonzern 3M und einer der führenden Milchproduzenten der USA.
Am Montag legte Michael Fiddelke noch einmal nach. Er ist Targets designierter neuer CEO und tritt seinen Job im Februar an. „Die Gewalt und das Sterben in unserer Stadt sind unglaublich schmerzhaft“, sagte er in einer Videobotschaft an seine Belegschaft. „Ich weiß, dass das euch und viele andere Menschen im Land schwer belastet, mich eingeschlossen.“ Fiddelke und die anderen Firmenchefs griffen niemanden an, schon gar nicht Donald Trump persönlich. Sie formulierten mit Bedacht, aber sendeten dennoch eine klare Botschaft an den US-Präsidenten: Wir verurteilen das, was da gerade in Minneapolis und anderen Städten geschieht.
Und sie sind nicht die einzigen Wirtschaftslenker, die sich nun gegen die überzogenen Razzien gegen Einwanderer aussprechen, die längst alle Bewohner der USA treffen. Jamie Dimon, der mächtige Chef der Großbank JP Morgan Chase, sagte vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos: „Ich mag nicht, was ich da sehe: Fünf erwachsene Männer schlagen eine kleine, alte Frau zusammen.“ Selbst aus dem Silicon Valley kommt vereinzelt Kritik an Trump. „Beschämend“ findet der Investor Jason Calacanis, eigentlich ein Trump-Versteher, die Behauptung des Maga-Lagers, der erschossene Pfleger sei ein inländischer Terrorist gewesen.
Rebellieren jetzt also auch die Bosse gegen Trump? Und können sie den US-Präsidenten tatsächlich stoppen?
Eigentlich widerspricht es dem Naturell der meisten CEOs, sich in politische Debatten einzumischen. Zu groß ist ihre Angst, Kunden des anderen politischen Lagers zu verprellen. In den USA schalten sich Unternehmen üblicherweise nur dann ein, wenn es nicht anders geht. Der Tod von George Floyd, verursacht von einem weißen Polizisten im Frühjahr 2020, war so ein Moment, auch er ereignete sich in Minneapolis. Der Sturm aufs Kapitol im Januar 2021 war ein anderer.
Doch als Trump zum zweiten Mal US-Präsident wurde, verhielten sich die Vorstandschefs und Milliardäre des Landes nicht einfach bloß neutral. Sie wurden zu Trump-Anhängern. Viele handelten aus Opportunismus. Sie glaubten, dass hinter dem America-First-Trump ein wirtschaftsliberaler Republikaner stecke, der niedrige Steuern und Deregulierung durchsetzen würde. Andere fürchteten schlicht Trumps Zorn. Denn selbst Manager, die Trumps Nähe suchten, ließ Trump nach Belieben wieder fallen. Das erlebte zum Beispiel Apple-Chef Tim Cook, dem Trump mit einem iPhone-Zoll drohte, sollte er seine Geräte nicht in den USA produzieren lassen.
Der Höhepunkt der Trump-Unterwürfigkeit war die Reaktion der Bosse auf Trumps Kampagne gegen Diversität. Als der US-Präsident und rechte Influencer mit ihren Attacken loslegten, kassierten die Unternehmen ihre Programme für Vielfalt schneller ein als man Diversity, Equity and Inclusion sagen konnte. Auch Target schwenkte damals auf Trump-Linie um. Nur drei Tage nach Trumps Amtsantritt erklärte der Konzern, bei der Suche nach Mitarbeitern und Zulieferern keine besondere Rücksicht mehr auf Minderheiten zu nehmen und auch alle anderen Initiativen für Diversität zu stoppen.
Damit wurde Target zum Inbegriff des vibe shifts, des Rechtsrucks der amerikanischen Gesellschaft. Konservative sahen darin eine überfällige Korrektur nach Jahren, in denen Konzerne den Pride Month gefeiert und die Black-Lives-Matter-Bewegung unterstützt hatten. Kein Kunde wolle bei einem Unternehmen einkaufen, das sich politisch positioniere, behaupteten sie.
Nun vollziehen die Firmen die Kehrtwende von der Kehrtwende. Jeffrey Sonnenfeld, Management-Professor an der Yale-Universität, der viele CEOs persönlich kennt, hält den Brief der Unternehmen um Target jedenfalls für einen Wendepunkt. „Er ist ein sehr wichtiges Zeichen“, sagt er. Sonnenfeld findet es klug, dass die Konzerne ein gemeinsames Statement veröffentlicht haben. „Jeder Tyrann weiß, dass er eines am meisten fürchten muss: kollektiven Widerstand“, sagt Sonnenfeld. Er fühlt sich an die Bürgerrechtsbewegung erinnert, als Gruppen aus allen gesellschaftlichen Bereichen gegen die Diskriminierung der Schwarzen kämpften.
Haben die Unternehmen also wie damals ihr Gewissen entdeckt? Das ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr spüren sie wohl den Druck ihrer Kunden. Eine Mehrheit der amerikanischen Wähler ist Umfragen zufolge der Meinung, dass die Aktionen von ICE zu weit gehen. Das erklärt, warum sich ein Konzern wie Target, der alle Amerikaner erreichen will, nun gegen die Gewalt in Minneapolis ausspricht. Zumal Target schon für seinen Rückzieher in Sachen Diversität scharfe Kritik einstecken musste. Kunden, die über das Einknicken empört waren, riefen damals zum Boykott des Unternehmens auf. Mit Erfolg: Targets Umsätze sanken spürbar. Im Sommer kündigte der bisherige CEO Brian Cornell auch deshalb seinen Rücktritt an.
Aber es ist nicht nur die Angst vor der Wut der Kunden. Kein Unternehmen kann auf Einwanderer verzichten, sie halten die US-Wirtschaft am Laufen. Doch inzwischen häufen sich auch außerhalb von Minnesota Berichte über Aktionen der Einwanderungsbehörde bei Firmen. Im September 2025 traf es eine Batteriefabrik von Hyundai in Georgia. ICE-Agenten nahmen dort mehr als 300 südkoreanische Facharbeiter fest und ließen sie tagelang nicht gehen. Wie sich herausstellte, hatten die meisten ein gültiges Arbeitsvisum. Erst vor wenigen Tagen nahm ICE dann an einer Großbaustelle des Tech-Konzerns Meta in Louisiana mehrere Bauarbeiter fest.
Am Montag bemühte sich Trump überraschend um Deeskalation in Minneapolis. Er kündigte an, einen Teil der Kräfte abzuziehen, und äußerte sich freundlich über ein Telefonat mit Minnesotas Gouverneur Tim Walz. Beugte sich Trump damit dem Druck aus der Wirtschaft? Möglich ist das. Eine andere Erklärung sind seine sinkenden Umfragewerte, die einen neuen Tiefpunkt erreicht haben.
Daneben hat Trump längst nicht die Unterstützung aller Bosse verloren. Am Abend, nachdem Alex Pretti erschossen wurde, lud der US-Präsident Tim Cook, Amazon-Chef Andy Jassy und andere CEOs zum Filmabend ins Weiße Haus. Sie schauten die neue Doku „Melania“ über das Leben und Wirken seiner Ehefrau.
Nach den Todesschüssen von Minneapolis wird der martialische Kommandant Bovino von der Border Patrol durch den Grenzschützer Homan ersetzt. Ändert Donald Trump den Kurs?
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