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21.11.2025
15:01 Uhr
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Der assistierte Suizid der Kessler-Zwillinge Alice und Ellen bewegt viele Menschen. Die Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates, Susanne Breit-Keßler, kannte die beiden. Ein Gespräch über die Angst vor dem Alter, Sterbehilfe und die Utopie von ewiger Jugend.

Die Kessler-Zwillinge Alice und Ellen sind am Montag im Alter von 89 Jahren in Grünwald bei München gestorben. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) hat bestätigt, dass es sich um einen assistierten Suizid gehandelt habe. Der Tod der international bekannten Künstlerinnen bewegt die Menschen. Ein Gespräch mit Susanne Breit-Keßler, Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates und ehemalige Regionalbischöfin von München und Oberbayern.
SZ: Frau Breit-Keßler, Sie sind den Kessler-Zwillingen bei gesellschaftlichen Anlässen häufiger begegnet. Hätten sich die beiden mit ihrem Wunsch, im Alter gemeinsam zu sterben, an Sie gewandt, was hätten Sie ihnen geantwortet?
Susanne Breit-Keßler: Ich hätte erst einmal zugehört. Wie es ihnen geht, was sie bewegt. Was sie fürchten, was sie vielleicht auch hoffen und wünschen. Erst dann, wenn man gehört hat, was in anderen vor sich geht, kann man selber reden. Gerne hätte ich mit den beiden wunderbaren Künstlerinnen nach Wegen gesucht, das Leben wieder lebenswert zu finden – auch dann, wenn es Herausforderungen und Beschwernisse mit sich bringt.
Nicht der Mensch entscheidet, wann er geht, sondern Gott?
Ich würde mich sehr freuen, wenn es gelänge, christliche Grundeinsichten wieder plausibler zu machen. Etwa die, dass es gut ist, das eigene geschenkte Leben getrost zu Ende zu leben durch alle möglichen Tiefen hindurch – und es am Ende vertrauensvoll in Gottes Hände zurückzugeben. Das bedeutet Sterben-lassen-können. Wenn die beste Medizin nichts mehr im Sinne einer Heilung tun kann, ist es unsere Aufgabe, das Sterben nicht künstlich zu verlängern, sondern den Menschen palliativ, schmerzlindernd und liebevoll-geduldig bis zum letzten Atemzug zu begleiten.
Meine Eltern habe ich als ganz junge Frau im Abstand von sechs Jahren wegen ihrer Krebskrankheit verloren. Sie sind, von mir begleitet, ihren Weg bis zum Ende gegangen. Bei allem Weh haben wir noch unendlich kostbare Momente gehabt. Um jeden einzelnen bin ich froh. Danach bekam ich mit 29 selbst eine seltene Krankheit mit einer nur zweiprozentigen Überlebenschance. Auch da bin ich dankbar, dass ich trotz der miesen Aussichten weitergemacht habe. Das dauert jetzt immerhin schon 42 Jahre. Mein Wunsch ist, dass ich auch in der Zukunft abwarten kann, bis ich gerufen werde.
Die Kessler-Zwillinge sind mit fremder Hilfe aus dem Leben geschieden. Das ist seit einigen Jahren erlaubt, doch weitgehend ungeregelt. Ein Gesetz ist überfällig – zumal die Zahl der Fälle steigt.
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die Selbstbestimmung über das eigene Lebensende zum ureigensten Bereich der Personalität des Menschen gehöre.
Das Gericht hat die Selbstbestimmung ganz eng mit der Würde des Menschen und seiner Autonomie verknüpft. Zudem konstatiert das Urteil ein Recht für alle Bürgerinnen und Bürger in jedem Alter, in jeder Lebenssituation und mit jedem Motiv auf die Möglichkeit der Inanspruchnahme von Assistenz zum Suizid. Aber Sterben ist wie Leben ein soziales Geschehen, es geschieht im Kontext eines großen Miteinanders. Notwendig ist es, Selbstbestimmung nicht nur isoliert individuell, sondern auch in ihren Auswirkungen auf Mitmenschen zu begreifen. Selbstbestimmung und Verantwortung füreinander brauchen ein wirklich heilsames Gleichgewicht. Es gibt ja nicht allein die, die gehen, sondern auch die, die zurückbleiben.
Sie haben im Bayerischen Ethikrat eine Minderheitenmeinung vertreten, was den assistierten Suizid betrifft. Können Sie die abweichende Haltung Ihrer Kolleginnen und Kollegen im Ethikrat nachvollziehen?
Die Mehrheit der Mitglieder des Ethikrats schlägt staatlich regulierte Beratungs- und Assistenzangebote für Menschen vor, die unheilbar krank sind, unerträgliche Schmerzen oder andere schwere Symptome erleiden oder sich auf einem irreversiblen Weg zum Sterben befinden. Andernfalls, so die Mehrheit, bestehe die Gefahr, dass sich Praktiken durchsetzen, die den Lebensschutz dieser besonders verletzlichen Personen gefährden. Die Minderheit, der ich angehöre, lehnt eine solche staatliche Regulierung ab in der Sorge, dass der assistierte Suizid damit normalisiert wird und es zu einem entsprechenden gesamtgesellschaftlichen Werte- und Bewusstseinswandel kommt.
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen ihre eigene Meinung absolut setzen. Das bringt uns nicht weiter. Wir müssen in Dilemma-Situationen gemeinsam um Entscheidungen ringen – und zwar mit Argumenten. Das haben wir getan und dabei, bei allen Differenzen, auch gewichtige Gemeinsamkeiten festgestellt. Das ist lebendige Demokratie: Unterschiede aushalten und oft entdecken, dass einen mehr verbindet als trennt. Uns allen geht es darum, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, das Recht auf Selbstbestimmung genauso zu schützen wie dem Suizid durch Hilfe und Unterstützung vorzubeugen. Ich habe Respekt vor der sorgsam begründeten Haltung der Mehrheit.
Die Zwillingsschwestern hatten Angst, dass eine von ihnen im Alter alleine zurückbleiben muss. In einem Interview haben Alice und Ellen Kessler gesagt, das wäre „ein riesiges Leid“. Das klingt nochmal trauriger, wenn man bedenkt, dass sie als erfolgreiche Künstlerinnen ja gut gestellt waren, viele soziale Kontakte hatten und auch Geld, etwa für gute Pflege.
Es ist notwendig, dass wir uns neu mit dem Alter befassen und was es nicht allein an Erfahrung und Weisheit, sondern auch an Einschränkungen mit sich bringen kann. Wie wird Alter heute angesehen und geschätzt? Diese Gesellschaft hängt sehr an den Utopien von Fitness, Schönheit und ewiger Jugend. Wir brauchen role models, die vorleben, was es heißt, wirklich alt zu werden – mit allem, was dazugehören kann, auch an Charme, Esprit und Schönheit.
Und wir brauchen ein deutlich größeres Engagement für eine intensive Suizidprävention. Ein entsprechendes Präventionsgesetz des Bundes, das gute Rahmenbedingungen und verbindliche Ziele vorgibt, lässt leider immer noch auf sich warten. Das Motto der Hospizbewegung ist, Lebensqualität auch in beschwerlicher Zeit zu unterstützen. Also: strukturell und gemeinschaftlich sowie individuell Leben im Alter fördern, statt das Alter, wenn es beschwerlich wird, abzuschaffen. Meine Devise: mehr um das Leben kämpfen, statt dem Tod Tür und Tor zu öffnen.
Der selbstgewählte Tod der Kessler-Zwillinge zeigt das Dilemma am Lebensende: Glaube und ethische Prinzipien mögen hilfreiche Grundpfeiler sein, doch Pflegenotstand und die Angst vor Leid machen es schwer, einen angemessenen Weg zu finden.
Die meisten Menschen, die sich zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben für eine Form des begleitenden Sterbens entscheiden, sind 80 bis 90 Jahre alt. Unsere Gesellschaft altert, gleichzeitig sind die Prognosen düster, was die Zahl der Pflegekräfte wie auch die Höhe der Rente betrifft. Wie nimmt man als Seelsorgerin Menschen die Angst vor dem Alter gegebenenfalls mit Krankheit oder Armut oder Einsamkeit?
Zunächst muss man wieder zuhören und sich erzählen lassen, was genau die Menschen bewegt, was sie konkret fürchten. Daraus könnte man im gemeinsamen Gespräch nach Wegen aus den Ängsten suchen und überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, gut und liebevoll begleitet zu leben – auch in schwierigen Zeiten.
Es ist allerdings eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass alte Menschen nicht in Not geraten oder keinen bezahlbaren Wohnraum finden. Das ist unsäglich! Wir müssen uns darum kümmern, dass Pflegekräfte und das, was sie leisten, mehr wertgeschätzt und nicht bloß in Notsituationen beklatscht werden. Die Bezahlung spielt dabei eine Rolle und eine Gestaltung der Arbeitszeit, die einen wirklich mitmenschlichen Kontakt zu den Pflegebedürftigen erlaubt, die ausreichend Ruhezeiten gewährleistet und den Pflegenden Supervision, eine professionelle berufliche Beratung und Begleitung, gönnt. Würdezentrierte Pflege wäre das – und zwar für Pflegende und Gepflegte.
Es ist ein steter Anstieg der assistierten Suizide zu verzeichnen. Ebenso die Angebote von Vereinen, die dies anbieten. Hat sich schon einmal ein Suizidhelfer in Gewissensnöten mit der Bitte um Beratung an Sie gewandt?
Ich traf bei einer Konferenz einen niederländischen Arzt, der mir erzählte, er habe mehr als 3000 Menschen zum Sterben „verholfen“. Er konnte das nicht mehr ertragen und wollte aussteigen aus dem „Todeskarussell“. Das hat er dann getan.
Und Angehörige von Menschen, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchten oder genommen haben?
Ich denke an eine Frau, die mit dem Familienkreis am assistierten Suizid des Vaters teilgenommen hat. Sie war als Einzige dagegen gewesen, wollte den Vater aber dennoch in seinen letzten Stunden nicht alleine lassen. Das Mittel, das er bei einer der bekannten Gesellschaften bestellt und selbst eingenommen hatte, wirkte offenbar nicht richtig. Der Todeskampf dauerte nach ihren Worten zwölf Stunden. Die Tochter hat von diesem Erleben ein Trauma erlitten und brauchte anschließend Therapie und seelsorgliche Begleitung. Selbstverständlich sind Seelsorgende für Angehörige da, auch und gerade nach einem erfolgten Suizid – und zwar ohne jede moralische Verurteilung. Auch hier ist Empathie gefragt: dasein, hinhören, miteinander reden. Wer für das Leben eintritt, lässt niemanden allein.
Anmerkung der Redaktion: Wir berichten in der Regel nicht über Selbsttötungen. Grund dafür ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen von Suizidgedanken, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge ( www.telefonseelsorge.de ). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.
Natia Beridse kommt aus Georgien, um sich in München eine Zukunft aufzubauen. Die Bäckerei, in der sie ihre Ausbildung macht, ist stolz auf sie. Doch sie begeht einen Fehler – und bekommt die neue Schärfe in der Migrationsdebatte zu spüren.
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