SZ 27.01.2026
11:53 Uhr

(+) Münchner Nachtleben: „Die Geyerwally ist wie ein Gnadenhof“


Hendrik Haupt, Barmann der Geyerwally, über die besten Anekdoten des Lokals, was an neuen Bars oft stört und warum Boazn gerade wieder in Mode sind.

(+) Münchner Nachtleben: „Die Geyerwally ist wie ein Gnadenhof“
Hendrik Haupt, Barmann in der Geyerwally. (Foto: Stephan Rumpf)

Die Geyerwally ist die vielleicht berühmteste Boazn der Stadt, seit 2013 die größte Konkurrentin in dieser Kategorie, die Fraunhofer Schoppenstube, schließen musste. Barkeeper Hendrik Haupt, 31, kann zwar nicht auf Jahrzehnte hinter dem Tresen zurückblicken, aber in den vier Jahren in der Kneipe hat er eine Vorstellung bekommen, was eine gute Kneipe ausmacht. Er plant derzeit mit Crowdfunding ein Buch „Boazn-Artefakte“ über alle Devotionalien, die sich in der Bar angesammelt haben.

SZ: Herr Haupt, wie sind Sie damals in der Geyerwally gelandet? Und was hat Sie dort gehalten?

Hendrik Haupt: Ich habe immer im Münchner Süden gewohnt, da war die Geyerwally schnell entdeckt. Die Boazn trifft genau meinen Geschmack, sie ist wie eine WG-Küche von Freunden. Und vor einiger Zeit war ich dann auf der Suche nach einem Ausgleich zu meinem Schreibtisch-Job – statt mit E-Mails und Power-Point wollte ich mich mit Menschen und ihren Geschichten beschäftigen. Also habe ich mich in der Geyerwally beworben. Ich finde es schön, mich als Münchner auch am Stadtleben zu beteiligen.

Was hat Ihnen gefallen an der Kneipe?

Man spürt, dass der Ort schon lange lebt, dass er organisch gewachsen ist – und das macht ihn heimelig. Ich fühle mich hier wohler als in einem der cleanen Läden, die gerade überall aufmachen. In denen man das Gefühl hat, man darf nichts berühren, es ist wie in einem Museum. Diese Orte sind leider oft genauso, wie sie sich nach außen inszenieren – kühl, wählerisch, eingleisig. Mir fehlt das Gemeinsame, eine Kneipe soll ja ein Ort des Zusammenkommens sein.

Könnte das ein Grund sein, warum Boazn momentan ein Revival erleben?

Ich denke schon. Die Menschen sehnen sich nach Orten, an denen sie willkommen sind, an denen sie nicht in eine gewisse Ästhetik reinpassen müssen. Und in einer Boazn kommen eben alle zusammen – Jung und Alt, reich und arm, Blue Collar und White Collar. Jeder darf sein, wie er möchte und trotzdem gibt es ein Gemeinschaftsgefühl, man kommt ins Gespräch. Das können natürlich auch neue Bars hinbekommen, aber dafür müssen sie Willkommensorte sein, die bezahlbar und inklusiv sind.

Die Geyerwally ist so ein Ort, bald schon seit 70 Jahren.

Und er wurde von so vielen Menschen geprägt. Einige Gäste haben sich mit einem Sticker, Tag oder Mitbringsel verewigt. Ein Lebenszeichen, ähnlich wie eine Höhlenmalerei, das sagt: „Ich war hier“. Eine entscheidende Persönlichkeit war der Vorbesitzer der Geyerwally, Rainer Strixner – Holzbildhauer und passionierter Sammler. Ein Stammgast hat ihn zuletzt als „Deutschlands Michelangelo“ bezeichnet, das fand ich schön. Als Strixner die Geyerwally damals übernommen hatte, hat er sie renoviert und vollgepackt mit seinen Fundstücken. Deshalb sind einige der Artefakte noch von ihm, vor allem die Poster. Aber es kommen auch immer wieder neue Sachen dazu.

Wie landen die in der Kneipe?

Manches wird vergessen und nie wieder abgeholt, dann geht es vom Fundstück zum Dekoartikel über. Anderes bringen Gäste und Mitarbeiter mit, weil sie zu Hause dafür keine Verwendung mehr haben. Oder es wird auf der Straße gefunden – so wie ein alter Kaffeeautomat, der lange in einer „Zu verschenken“-Kiste vor der Kneipe lag. Als ihn niemand wollte, haben wir ihn aufgenommen. Die Geyerwally ist wie ein Gnadenhof. Auch von mir steht etwas in der Bar: Ich habe einen Totenkopf mitgebracht, den meine frühere mexikanische Mitbewohnerin und ich zum Día de los Muertos bemalt haben. Die Gewinner unseres ersten Pub-Quiz durften sich darauf verewigen.

Wie viele Artefakte stehen momentan in der Geyerwally?

Um die 100, würde ich schätzen. Wir misten nie aus, es kommen immer nur neue Dinge dazu. Aber irgendwie findet sich immer noch ein Plätzchen. In das Buch konnten wir nicht alle aufnehmen – manche waren zu kleinteilig oder in der Bar verbaut. Wie das beliebte Taxi-Schild oder ein Fahrradgestell. Wir wollten jedes Teil einzeln in einer Hohlkehle fotografieren können, wie man das aus der Produktfotografie kennt. In das Buch kommen nun 40 bis 50 Artefakte und zu jeder Fotografie gibt es eine kleine Geschichte.

Welches der Stücke ist typisch Geyerwally?

Ich muss sofort an einen zerbrochenen Steinkrug mit Geyerwally-Logo denken. Den haben Stammgäste sich von Freunden bedrucken lassen und mitgebracht. Und mir fällt der riesige, unglaublich schwere Steinbrocken ein, der zur letzten Wiedereröffnung von einem Steinmetz gespendet wurde. Darauf steht ein Zitat von William Blake: „Der Weg der Maßlosigkeit führt in den Palast der Weisheit“. Und das passt so gut zur Geyerwally, finde ich, zum Versacken am Tresen und dann schlau Daherreden. Da ist Eskapismus drin, aber auch akademische Feinfühligkeit.

Welche Geschichte klingt zu unglaublich, um wahr zu sein?

Mir wurde bei Nacht und Nebel einmal Folgendes erzählt: Bei uns hängt ein gerahmtes Bild von einem Mann, der einen Schnaps angeboten bekommt. Aber er hält die Hand hoch, lehnt ab, die Schrift ist kyrillisch. Und die Legende besagt, dass dieses Propaganda-Plakat aus dem Museum der Okkupationen in Tallinn entwendet und bei uns aufgehängt wurde. In Nachhinein wurde gesagt, es sei legal erworben. Ich glaube und hoffe aber auf den Diebstahl. Das Bild hängt neben unserem Tresen im Sichtfeld der Mitarbeiter – so werden wir daran erinnert, während unserer Schicht nicht zu viel zu trinken.

Haben Sie ein oder mehrere Lieblingsstücke in der Bar?

Den Mannequin-Fuß finde ich unglaublich lustig, wie er einfach dasteht. Und dann gibt es eine kleine Figur – ein Mann, der sich nach vorne lehnt und seinen Po zeigt, auf Knopfdruck furzt er. Wir nutzen ihn als Kartenhalter. Das Wichtelgeschenk eines Stammgastes, der schon seit rund 20 Jahren in die Geyerwally kommt. Wenn man mit ihm spricht, kann er einem unzählige Geschichten erzählen. Wie es zum Stammtisch kam, welche Leute da waren, von dem Abend, als Deutschland Weltmeister wurde. Und genau das war die Idee des Buchs: Dass die Objekte Geschichten lostreten, man ins Gespräch kommt. Nicht jedes Artefakt hat eine wilde Herkunftsgeschichte, manchmal sind sie nur Türöffner zu einem Thema. Das merke ich auch bei meiner Arbeit als Barkeeper: Wenn Gäste am Tresen sitzen, sieht man, wie sie den Raum abscannen. Und dann werde ich immer gefragt: „Was ist das? Wo kommt das her?“

Das Haus, in dem sich die Geyerwally befindet, steht schon Jahrzehnte leer. Keiner weiß, wann es verkauft oder renoviert wird. Beunruhigt Sie das?

Es ist wie ein drohendes Damoklesschwert, das über uns hängt – aber das auch schon seit Jahren. Und bisher ist nichts passiert. Das Einzige, was man also machen kann, ist damit zu rechnen, dass es weitergeht. Ich mache mir keine Sorgen, die Geyerwally hat so eine lange Tradition, es wird sie immer geben. Und zur Not eben an einem anderen Ort.

Mathias Scheffel hat schon im Nachtleben gearbeitet, als der Kunstpark Ost gerade startete. Jetzt hat er ein Restaurant mit asiatischer Fusionsküche eröffnet. Über die Trends der Nacht und warum sich Münchner Clubs ändern müssen.

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